
Was Verteidigungsminister Pfister von Parlament und Volk verlangt, erscheint vielen noch immer eher als Kuriosum denn als berechtigte Forderung.
Der Ernst der Lage wird offensichtlich nicht erkannt.
Dabei braucht es keine militärische Spezialanalyse, um zu verstehen, dass die Schweiz heute nicht verteidigungsfähig ist.
Es genügt, die Nachrichten aus der Ukraine und – aktuell – aus dem Nahen Osten zu verfolgen, um zu sehen, wie dramatisch sich die Kriegsszenarien verändern.
Präsident Selenskyj weist immer wieder darauf hin, dass sich militärische Technologien im Krieg heute in rasenden Zyklen verändern – oft innerhalb weniger Monate.
Wer dieses Tempo nicht mithalten kann, hat im modernen Krieg praktisch keine Chance, sich wirkungsvoll zur Wehr zu setzen.
Und die Schweiz? Sie plant noch immer in 20-jährigen Rüstungszyklen.
Angesichts der Diskussion über angeblich zu teure F-35-Kampfflugzeuge, nicht lieferbare Patriot-Systeme, sich im Kreis drehende Budgetdebatten und die Frage, ob es überhaupt mehr als 0,7 Prozent des BIP sein dürfen, drängt sich ein ernüchternder Schluss auf: Die Schweiz denkt noch immer in Verteidigungslogiken, die schon heute keine Antwort mehr auf jene Fragen sind, die der Krieg in der Ukraine – und nun auch im Nahen Osten – aufwirft.
Nehmen wir die sichtbarste Veränderung der modernen Kriegsführung: billige Drohnen gegen teure High-End-Systeme.
In den reichen Golfstaaten – und auch in Israel – zeigt sich derzeit, dass letztere zwar wirken, gegen massenhaft eingesetzte Billigdrohnen ihr Sicherheitsversprechen jedoch nicht mehr einlösen können.
Im modernen Verbrauchskrieg lassen sich Drohnen schneller und billiger produzieren als die teuren Abfangraketen für das Patriot-System.
Doch der moderne Krieg entscheidet sich nicht nur auf dem Gefechtsfeld. Wer Verteidigung nur in Waffen denkt, übersieht das entscheidende Instrument: die Resilienz der Gesellschaft.
Daraus folgt: Ja, die Schweizer Armee braucht mehr Geld – und zwar sofort.
Wenn die Debatte jedoch beim Geld stehen bleibt und keine neue Innovationsarchitektur entsteht – Dual-use-Systeme, Partnerschaften mit Schweizer Hightech-Unternehmen, die Übernahme ukrainischen Know-hows und Kooperationen mit europäischen Rüstungsfirmen –, wird das nicht reichen.
Dabei hätte die Schweiz durchaus eine Rolle: als Anbieter technologischer Nischen in der europäischen Verteidigungsindustrie.
Was es dafür braucht, ist ein Bewusstseinswandel: Sicherheit ist kein Zustand mehr. Sie ist ein permanenter Innovationsprozess – und verlangt entsprechenden politischen Willen.
Denn über die Verteidigung entscheidet in der Schweiz am Ende nicht der Bundesrat.
Sondern das Volk.