
Das war ein bemerkenswertes Interview, gestern Abend auf Telebasel mit dem frisch gekürten SVP-Kandidaten Matthias Liechti. Man hat das Gefühl, dass auch der Journalist am Ende nicht ganz sicher war, was er da vor sich hatte.
Liechti redet gut.
Besser als der Durchschnitt des Schweizer Politikers, besser als man es von einem Raiffeisen-Co-Leiter und Biobauern aus Rümlingen erwartet.
Und er bleibt vollständig kontrolliert.
Keine Regung bei der Frage nach Regez — man könne die Frau ja nächstes Jahr wieder abwählen, wenn man nicht zufrieden sei. Keine bei den SVP-Querelen — das sei vor seiner Zeit, er masse sich deshalb kein Urteil an. Kein Lächeln beim Dank an die unterstützende Ehefrau. Diese Kontrolle ist nicht Kälte — sie ist Technik.
Erlernt, nicht angeboren. Und deshalb lückenlos.
Wer in den USA und Südafrika Predigerschulung absolviert hat, hat gelernt, was die Schweizer Politikschule nicht lehrt: skeptische Zuhörer zu gewinnen, nicht zu überzeugen.
Will man Liechti verstehen, muss man diese Sozialisation in Rechnung stellen. «Die Gemeinschaft erreicht mehr als das Individuum», sagte er der bz — das ist keine SVP-Rhetorik, das ist mennonitisches Denken — Gemeinschaft vor Individuum, Konsens vor Konflikt.
Das «Vor meiner Zeit» zur Riebli-Frage ist die perfekte Distanzierung ohne Distanzierung. Er urteilt nicht, also haftet ihm nichts an. Er inszeniert sich als Neuanfang, nicht als Fortsetzung des Chaos. Nicht verleugnen, nicht erklären — einfach zeitlich entsorgen.
Allerdings mit einer gewissen Unschärfe.
Riebli und Liechti wurden beide von der ehemaligen Landrätin Susanne Strub aus Häfelfingen angeworben und traten zeitgleich der SVP bei. Beide waren Gemeindepräsidenten in Nachbardörfern. 2015 schaffte Riebli den Sprung in den Landrat — mit rund 50 Stimmen Vorsprung auf Liechti.
«Vor meiner Zeit» ist also nicht ganz falsch. Aber auch nicht ganz richtig.
Die eigentliche Bombe liess Liechti fast beiläufig hochgehen: Oberbeck habe ihm bereits die Unterstützung der Mitte-Parteispitze signalisiert — den formellen Entscheid fälle selbstverständlich der Parteitag.
Allein das öffentlich Machen dieses privaten Gesprächs setzt die Mitte unter Druck. Dass die Parteiversammlung der Parteileitung nun nicht folgt, ist damit nahezu ausgeschlossen.
Schwerer wiegt etwas anderes: Die Mitte verfolgt offenbar Plan B. Plan A wäre eine Doppelvakanz gewesen — Laubers Rücktritt hätte den Mitte-Sitz gerettet.
Plan B bedeutet: Die Mitte muss alles daran setzen, dass Liechti gewählt und Schoch verhindert wird — in der Hoffnung, dass die SVP diese Gefälligkeit bei einem künftigen Lauber-Rücktritt erwidert.
Die Mitte bindet sich damit für die nächsten Jahre an die SVP.
Angesichts der 10-Millionen-Initiative, den Bilateralen III und den nationalen Wahlen 2027 wird das ein Ritt auf der Rasierklinge.
Keller meint
Rhetorisch dem zuletzt gewählten Regierungsrat um Längen überlegen – mit einer selten gewordenen Ernsthaftigkeit und ohne dumme Sprüche; wirkt durchaus wählbar (ich staune über mich selbst).