
Wir sollten drei Dinge beobachten, um uns nicht ständig von der vermeintlichen Stärke Russlands beeindrucken zu lassen: das Internet, den Wodkapreis und eine angebliche Tierseuche im sibirischen Hinterland.
Sie könnten dem System gefährlicher werden als westliche Sanktionen.
Seit gut drei Wochen ist das mobile Internet in Moskau gestört, seit kurzem auch in St. Petersburg. Was nicht nur bedeutet, dass die Menschen vom Kontakt untereinander abgeschnitten sind — sondern dass alle Dienstleistungen ausfallen, die aufs Netz angewiesen sind: Kassen, Navis, Banking. Das ganz normale Leben im 21. Jahrhundert halt.
Kann sich bei uns irgendjemand ein Leben ohne Internet vorstellen? Das städtische Russland ist westlicher, als den Machthabern lieb ist.
Ich erinnere mich an Kasan, eine Station unserer Transsib-Reise: Am Nebentisch bestellt ein Paar eine Flasche Wodka zum Mittagessen. Sie leeren sie, als wäre es ein Chianti.
Der Wodka wurde in den letzten 18 Monaten rund 45 Prozent teurer. Gorbatschows Antialkoholkampagne 1985 destabilisierte den Sowjetstaat mehr als jede Dissidentenbewegung.
Seit Februar werden in Sibirien — Novosibirsk, Altai, Omsk, Sverdlovsk — Tausende Rinder, Schweine und Schafe zwangsgeschlachtet, wegen einer angeblichen Tierseuche. Bauern blockierten Strassen. Einer übergoss sich mit Benzin, als die Seuchenbeamten anrückten. Und drohte, sich anzuzünden – die Verzweiflung eines Mannes, dem der Staat das Letzte nimmt.
Es sollen Russlands grösste nicht-politische Proteste seit Kriegsbeginn sein. Das Gerücht, wonach ein Fleischkonzern die Massnahmen lobbyiert habe, um Kleinbauern zu eliminieren, ist für viele eine durchaus plausible Erzählung.
Ein Regime, das gleichzeitig das Internet abschaltet, den Wodka verteuert und den Bauern das Vieh abschlachtet, bringt — in Sowjetbegriffen — Intelligenzija, Arbeiter und Bauern gegen sich auf.
Gut möglich, dass wir nicht die Expansion einer Grossmacht beobachten, sondern die Implosion Russlands in Zeitlupe.