
Liestal oder Bruderholz. Bruderholz oder Pratteln. Zwei Jahre Abklärungen, hunderte Gutachten, 850 Millionen Franken. Die Baselbieter Regierung hat entschieden, über das hinaus, was schon ist, nichts zu entscheiden.
Der Druck der Dörfer ist grösser als der Wille, zukunftsweisende Entscheide zu fällen. Dabei geht es gar nicht um diesen oder jenen Standort.
Es geht darum, die Medizin des nächsten Jahrzehnts zu antizipieren. Die Baselbieter Regierung, der Landrat hätten es noch in der Hand, aus dem medizinischen Rüstungswettlauf mit Basel auszuscheren – einem Wettrüsten, bei dem derjenige verliert, dem zuerst das Geld ausgeht.
Denn was in der Diskussion – und vor allem in den Kommentaren der Medien – völlig fehlt, sind drei Entwicklungen, die derzeit die medizinische Welt grundlegend verändern. Und die – ob man es will oder nicht – auch die medizinische Versorgung im Landkanton völlig umkrempeln werden.
Erstens: KI.
- Ende 2024 führte die US-amerikanische FDA bereits 1026 zugelassene KI-basierte Medizinprodukte – 777 davon in der Radiologie.
- Eine KI-Software der Uniklinik Mannheim beantwortet 90 Prozent der urologischen Fachfragen korrekt – 20 Prozent mehr als angehende Fachärzte im Examen.
- An der Tsinghua-Universität in Peking ist ein vollständig virtuelles Spital entstanden, das den gesamten Behandlungsprozess von der Aufnahme bis zur Nachsorge mit KI-Agenten abbildet – mit einer Diagnosegenauigkeit von 93 Prozent.
Niemand behauptet, dass Liestal Peking werden soll. Aber die Richtung ist dieselbe. Die Diagnose wandert aus dem Spital heraus – in Praxen, Apotheken, nach Hause.
Wearables und Blutanalysen per Smartphone sind keine Science-Fiction. Der Patient kommt ins Spital nicht mehr zur Abklärung, sondern bereits mit einer Diagnose. Der stationäre Aufenthalt wird kürzer, seltener, spezialisierter. Was bleibt: Notfall und hochspezialisierte Eingriffe.
Alles dazwischen ist ambulantisiert.
Zweitens: Robotik.
Eine zukunftstaugliche Spitalplanung denkt nicht in Bettenkapazitäten, sondern in Funktionen. Ein Netz aus KI-gestützten Arztpraxen, Apotheken und ambulanten Diagnosezentren fängt ab, was heute noch stationär behandelt wird.
Im Zentrum des Netzes: ein regionaler Hochleistungsknoten für komplexe Chirurgie, Intensivmedizin, Onkologie – digitalisiert, robotergestützt, minimaler Bettentrakt.
Kein Regionalspital. Ein Interventionszentrum.
Das Claraspital setzt bereits auf roboter-assistierte minimal-invasive Chirurgie – da Vinci Xi, neueste Generation, Urologie, Prostata- und Nierentumoren. Robotik in der Chirurgie wird die herkömmliche weitgehend ersetzen.
Auch aus der Ferne, via Internet.
Drittens: «Hospital at Home».
Jahrelang kämpfte das Laufental für den Erhalt des Bezirksspitals. Die Regierung blieb hart. Das Ergebnis ist das Gesundheitszentrum Laufen.
Doch der Anstoss für den eigentlichen Aufbruch in die Moderne kam nicht von der KSBL-Leitung. Er kam – wie so oft bei Innovationen – von aussen. Von den SBB. Wegen des Ausbaus auf zwei Spuren.
Die bz titelte vor gut einem Jahr: «Hospital at Home» bald auch im Laufental – Kantonsspital testet das Angebot während Doppelspurausbau.»
«Hospital at Home» ist keine neue Art der Spitex.
Es ist Spitalmedizin – Ärzte, Pflegefachpersonen, Therapeuten, EKG, Infusionen, Ultraschall – vollständig in die eigenen vier Wände verlegt. Spitalniveau ohne Spitalbett. Seit Mai 2025 wurden über 100 Patienten im Laufental so behandelt. Das Pilotprojekt wird zum Dauerbetrieb.
Aktuelle europäische Analysen zeigen: Dieses Modell könnte stationäre Einweisungen um 20 bis 30 Prozent reduzieren.
Angesichts der Tatsache, dass mit dem Kanton Basel-Stadt auf Jahre hinaus keine vernunftbasierte Spitalpolitik zu machen ist, hätte Baselland die einmalige Chance, die Gesundheitsversorgung neu auszurichten.
Stattdessen baut man für 850 Millionen Trutzburgen – die bei Inbetriebnahme garantiert teurer geworden sind und den veränderten medizinischen Realitäten kaum mehr entsprechen.
«Mir wei luege» – die KSBL-Präsidentin Barbara Staehelin bereichert den Baselbieter Sinnspruch heute in der BaZ mit einer erstaunlichen Aussage: «Die Leute können ihre Gewohnheiten beibehalten. Das hat doch auch etwas.»
Seit wann ist Gewohnheit ein unternehmensstrategisches Argument?
Gregor Stotz meint
„Was ich nicht verstehe: Wieso kostet ein Klinik-Neubau heute oft über eine Milliarde Franken? Der Neubau des Bürgerspitals Solothurn etwa kam deutlich günstiger daher: Laut der provisorischen Schlussrechnung von 2021 beliefen sich die effektiven Baukosten auf rund 273 Millionen Franken – und das, obwohl das Stimmvolk 2012 ursprünglich einen Kredit von 340 Millionen Franken bewilligt hatte.“