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Vom Verdacht zur Dauererfassung

20. Februar 2026 By Manfred Messmer

SnapseedEs gibt Sätze, die man zunächst als Dramatisierung abtut, weil sie zu früh formuliert werden. Oder weil man sie nicht ernst nimmt.

Zum Beispiel dieser: „Das ist das Ende der Privatsphäre, wie wir sie kennen.“

Er stand Anfang 2020 in einer investigativen Recherche der New York Times über das damals noch junge Unternehmen Clearview AI.

Inzwischen hat Clearview AI über Jahre hinweg Milliarden Bilder aus sozialen Netzwerken und Websites automatisiert gesammelt.

Die Bilder waren öffentlich zugänglich – aber nicht mit Zustimmung zur biometrischen Auswertung und dauerhaften Identifizierung. Mehrere Gerichte in Europa, unter anderem in Frankreich, Italien und Grossbritannien, haben deshalb Clearview wegen Datenschutzverletzungen gebüsst oder den Dienst untersagt.

Die Idee zu dieser gigantischen Bildersammlung hatte ein Einzelner: der Amerikaner Hoan Ton-That. Ein Nerd mit einer technischen Fähigkeit – und dem Willen, sie auszureizen.

Als das Programm 2019 in Clearview AI eingebracht wurde, erhielt das Unternehmen Kapital, unter anderem von Peter Thiel – Investor bei Facebook und Palantir.

Das ist keine Randnotiz. Palantir steht für Datenanalyse staatlicher Sicherheitsbehörden. Clearview liefert die biometrische Identifikation. Zusammen ergibt das ein Ökosystem privater Sicherheitsinfrastruktur.

Technisch liegt der Bruch in einem scheinbaren Detail: Clearview arbeitet nicht primär mit Verifikation („Bist du die Person auf deinem Pass?“), sondern mit Identifikation im 1:N-Verfahren.

Das heisst: Ein unbekanntes Gesicht wird gegen Milliarden Bilder abgeglichen.

Das Resultat ist keine Gewissheit, sondern eine Wahrscheinlichkeitszuordnung. Der Algorithmus sagt nicht: „Das ist diese Person.“ Er sagt: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit.“

Bei kleinen Datenmengen mag das harmlos wirken.

Doch bei Milliarden Einträgen vervielfachen sich selbst geringe Fehlerraten. Studien zeigen, dass Gesichtserkennung bei bestimmten Gruppen deutlich höhere Fehlerquoten aufweist.

Ein falscher Treffer ist kein Schuldspruch – aber bei einer Polizeikontrolle genügt er für zusätzliche Befragungen oder intensivere Überprüfungen. Die Beweislast verschiebt sich faktisch.

Nun folgt der nächste Schritt.

Die U.S. Customs and Border Protection hat einen Vertrag mit Clearview AI für sogenanntes „Tactical Targeting“ unterzeichnet. Damit erreicht das System eine neue Dimension: Der amerikanische Grenzschutz erhält Zugriff auf eine Datenbank von rund 60 Milliarden Bildern, die für Identifikationszwecke herangezogen werden können.

Was einst lokal bei Polizeikontrollen begann, wird so zur internationalen Schnittstelle. Wer in die USA einreist, gerät potenziell in dieses System – unabhängig davon, wo das Bild ursprünglich aufgenommen wurde.

Die Überwachung beginnt mit der Existenz eines digitalen Gesichts.

Wer glaubt, seine Spuren in sozialen Netzwerken seien unbedenklich, man habe ja nichts zu verbergen, könnte sich täuschen. Das System kann Gesichter über Plattformen hinweg zusammenführen und Identitäten verknüpfen.

Identität wird nicht mehr nur selbst dargestellt – sie wird von Algorithmen neu zusammengesetzt.

Befürworter argumentieren mit Terrorismusprävention, Menschenhandel, Identitätsbetrug. Und tatsächlich: Staaten haben ein legitimes Interesse an Sicherheit. Zudem stammen die Bilder aus öffentlich zugänglichen Quellen.

Doch hier verschiebt sich etwas Grundsätzliches.

Früher ermittelte der Staat gegen konkrete Verdächtige. Heute entsteht eine Infrastruktur, die alle erfasst – um bei Bedarf Verdacht ableiten zu können.

Europa steht nicht ausserhalb dieser Entwicklung. Auch die EU baut biometrische Systeme wie das Entry/Exit-System oder ETIAS auf.

Der Unterschied zu den USA liegt in den Regeln, nicht im Prinzip. Denn Biometrie ist längst Realität. Entscheidend ist, ob sie staatlich reguliert bleibt – oder in Form zentraler Datenbanken von Privatunternehmen betrieben wird.

Von einem „totalen Überwachungsstaat“ zu sprechen, wäre analytisch zu grob. Aber dass sich das Verhältnis zwischen Individuum und Staat strukturell verändert, ist schwer zu bestreiten.

Früher war Identität etwas, das sich im Alltag zeigte – im Gespräch, im Pass, im sozialen Umfeld.

Heute genügt ein Foto.

Ein Algorithmus gleicht das Bild mit Milliarden anderer ab und weist es einer Identität zu. Nicht Ihr eigenes Gerät erkennt Sie, sondern eine externe Infrastruktur. Wer einmal fotografiert und ins Netz gestellt wurde, bleibt grundsätzlich identifizierbar.

Was wir erleben, ist eine strukturelle Verschiebung in den Vereinigten Staaten.

Wer glaubt, ein künftiger Präsident werde diese Entwicklung einfach rückgängig machen, unterschätzt ihre Dynamik. Hier entsteht keine vorübergehende Massnahme, sondern eine Infrastruktur.

Und Infrastruktur verschwindet nicht mit einem Regierungswechsel.

Kategorie: ki-digitalisierung Stichworte: AI, Social Media, USA

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

Leser-Interaktionen

Kommentare

  1. Daniel Flury meint

    20. Februar 2026 um 23:44

    Gut, heute ist der Blockwart elektronisch.

    Vor ein paar Jahrzehnten war es der Nachbar, der Freund, die Frau, der Arbeitskollege oder sein Vorgesetzter.

    Nichts neues.

    Wenn ich mir meine Fichen-Auszüge ansehe, dann kommt mir heute noch das Kotzen, wer mich damals alles anschwärzte.

  2. Baresi meint

    20. Februar 2026 um 12:19

    Bei Terry Gilliams Film «Brazil» im 1985 war es noch eine Fliege, die für den Fehler im System verantwortlich war. Heute ist es das 1:N-Verfahren. Immer wieder verblüffend, wie nahe der Film der heutigen Realität kommt.

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