
Europa liest Epstein nicht mehr moralisch, sondern sicherheitspolitisch. Deshalb lohnt es sich, wieder hinzuschauen.
In einem bemerkenswerten Schritt hat der polnische Premierminister Donald Tusk eine vertiefte Untersuchung wegen möglicher Spionagetätigkeit angekündigt. Geprüft werden soll, inwieweit der russische Geheimdienst in die Affäre Epstein involviert war – ja, ob es sich um eine gezielte Operation gehandelt haben könnte.
Auch in Grossbritannien verschiebt sich der Fokus.
Scotland Yard hat eine Strafuntersuchung gegen den ehemaligen britischen Botschafter in den USA eingeleitet, der zuvor Handelsminister war. Im Raum steht der Vorwurf, er habe 2009 Jeffrey Epstein im Vorfeld geldpolitischer Massnahmen vertrauliche Informationen über mögliche Stützungsabsichten zugunsten des Euro übermittelt.
Der Fall wird dort nicht mehr als moralisches Fehlverhalten behandelt, sondern als potenzielle Gefährdung staatlicher Integrität.
Epstein hatte tausende Dokumente, Fotos und Videos prominenter westlicher Persönlichkeiten archiviert. Man fragt sich: warum? Diese dokumentarische Akribie – man könnte auch von Besessenheit sprechen – war auf jeden Fall eine potenzielle Fundgrube für Nachrichtendienste wie den russischen FSB.
Tusk spekuliert, diese gigantische Honey Trap könnte von russischer Seite inszeniert worden sein. Doch womöglich lag der eigentliche Coup nicht darin, Epstein gezielt aufzubauen, sondern darin, ihn zu beobachten – und zum richtigen Zeitpunkt zu nutzen.
Der FSB musste Epstein nicht führen. Es genügte, ihn laufen zu lassen.
Die entscheidende Verschiebung gegenüber der weiterhin dominierenden US-Lesart besteht also darin, dass aus europäischer Sicht nicht mehr Sex, Missbrauch und Pädophilie im Zentrum des Skandals stehen, sondern ein möglicher Spionagefall – in einem Ausmass, wie ihn die westliche Welt bislang nicht gekannt hat.
Die europäischen Strafverfolgungsbehörden werden dabei wohl weniger politische Rücksichten nehmen. Der Schutz der Eliten ist in Europa weniger unantastbar, als er es in den USA zu sein scheint.
Marc Baumgartner meint
Ob die Russen da dahinterstecken oder nicht spielt überhaupt keine Rolle. Tatsache ist, dass etliche „Führungsfiguren“, vollgepumpt mit der Droge Macht und ausserhalb jeder moralischen Leitplanken oder jedes minimalen Respekts anderen Menschen gegenüber Dinge taten, die einem sprachlos zurücklassen.
Nur, wenn die Epstein-Files grundsätzlich unwahr wären, bekommen diese strategischen Überlegungen mit Russland mit drin überhaupt Relevanz. Aber allein die Reaktionen der diversen Protagonisten bestätigen sowohl die Existenz, als auch Wahrheitsgehalt der Dokumente. Da braucht es gar keine Russen mehr.