
Der Bericht der Basler Geschäftsprüfungskommission zu den Problemen beim Basler Polizeikorps weist erneut auf ein wiederkehrendes Muster des Basler Politikbetriebs hin: Probleme werden früh identifiziert, sachlich analysiert und breit diskutiert. Entscheide erfolgen jedoch verzögert oder nur in abgeschwächter Form.
Ursachen sind eine diffuse Verantwortungsverteilung, ausgeprägte Konfliktvermeidung sowie die Priorisierung von Verfahren gegenüber klarer politischer Führung.
Für dieses Muster wollen wir hier den Begriff „Herzstück-Syndrom“ einführen.
Um dieses in der Basler Politik häufig beobachtbare Muster systematisch erkennen und vergleichbar zu machen, hier eine diagnostische Checkliste:
Ein politisch-administratives System kann als vom Herzstück-Syndrom betroffen gelten, wenn mehrere der folgenden Merkmale gleichzeitig auftreten:
1. Früher Problembefund
Die Problemlage ist seit Jahren bekannt, dokumentiert und mehrfach bestätigt.
2. Hohe Analysequalität
Berichte, Gutachten und Evaluationen liegen vor und sind fachlich konsistent.
3. Entscheidungsaufschub trotz Evidenz
Zentrale Entscheide werden trotz vorliegender Erkenntnisse vertagt, relativiert oder in Teilprozesse aufgespalten.
4. Verantwortungsdiffusion
Zuständigkeiten sind formal geregelt, faktisch jedoch auf mehrere Akteure verteilt.
5. Prozessersatz für Führung
Verfahren, Arbeitsgruppen oder externe Mandate übernehmen faktisch die Rolle politischer Steuerung.
6. Konfliktvermeidung
Interne Widerstände werden systematisch vermieden oder absorbiert, statt ausgetragen.
7. Intervention im Krisenmodus
Massnahmen erfolgen erst nach öffentlicher, personeller oder funktionaler Eskalation.
8. Symbolische Korrekturen
Personelle oder organisatorische Anpassungen ohne strukturelle Ursachenbehebung.
9. Fehlende institutionelle Lernprozesse
Vergleichbare frühere Fälle führen nicht zu dauerhaften Anpassungen der Steuerungslogik.
Kurzdiagnose:
Punkte 1–5: latente Ausprägung.
Ab Punkt 6: chronische Ausprägung.
Ab Punkt 7: erhöhte politische und funktionale Kosten.
Woraus folgt: Schuldzuweisung greift zu kurz.
Denn das „Herzstück-Syndrom“ weist auf keinen Führungsfehler im Einzelfall hin, sondern ist das Resultat eines politischen Anreizsystems, das Risikoaversion systematisch belohnt – nicht zuletzt an der Urne.
Daniel Flury meint
Wer mit Prozessdiagrammen sozialisiert wurde, der kann grundsätzlich gar nichts falsch machen.
Der Pfeil zeigt nach rechts (ins Leere), weil die Prozessverantwortlichen damals noch nicht daran gedacht hatten, dass sich im Ablauf des Prozesses etwas ändern könnte und er in der Zukunft aktualisiert werden müsste.
Also braucht es Projektgruppen, Peers, Entscheider und Reviewer, die allesamt zum Schluss zum Schluss kommen, dass natürlich niemand verantwortlich für die Entwicklung ist, weil in diesem Prozessteil die Veränderung nicht vorgesehen war.
Abgekürzt, Mani Matter: «Ballade vo däm, wo vom Amt isch ufbotte gsi».