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2026 – Europas 1914

7. Februar 2026 By Manfred Messmer

IMGDas US-Fachmagazin für Aussenpolitik Foreign Affairs hat mit dem Beitrag „Europe’s Next Hegemon: The Perils of German Power“ einen aufschlussreichen Text zur aktuellen europäischen Befindlichkeit veröffentlicht.

Der Artikel diagnostiziert ein klassisches europäisches Sicherheitsdilemma neu: Deutschland ist zu gross, um harmlos zu sein – und zu zentral, um schwach zu bleiben.

Kaum beginnt Berlin jedoch ernsthaft aufzurüsten, kippt das Narrativ von „deutscher Verantwortung“ erneut in eines von „deutscher Gefahr“.

People in Europe have largely been happy to see Berlin rebuild its military to defend against Russia. But they should be careful what they wish for.

In europäischen Hauptstädten gewinnen Vorbehalte gegenüber einem starken Deutschland erneut an Kontur – weniger aus Angst vor deutscher Aggression als aus Ratlosigkeit, wie eine solche Macht politisch und strategisch in den europäischen Verbund einzubetten wäre.

Dabei überlagern sich unterschiedliche europäische Sicherheitskulturen: Während Teile Westeuropas deutsche Stärke historisch lesen, beurteilen Osteuropa, die baltischen Staaten und die nordischen Länder sie primär nach Verlässlichkeit im Ernstfall.

(Für die baltischen Staaten ist Sicherheit keine erinnerungspolitische Kategorie, sondern eine Frage der unmittelbaren Handlungsfähigkeit – zuletzt auch in deutschen Planspielen sichtbar, die zeigen, wie begrenzt Deutschlands Reaktionsfähigkeit im Ernstfall noch immer durch historisch gewachsene Selbstbeschränkungen ist.)

Damit verdichtet sich ein bekanntes Muster: Deutschland steht im fragilen europäischen Machtkontext erneut dort, wo es vor 1914 stand: wirtschaftlich zentral, militärisch im Aufbau, ohne geklärte Führungsrolle.

Wie damals ist es weniger die militärische als die ökonomische Dominanz, die nach strategischer Einbettung verlangt – das Militär folgt dieser Logik, es ist nicht ihr Ausgangspunkt.

Der Historiker Christopher Clark kam in seinem Epochenwerk Die Schlafwandler zu einem für viele Europäer unbequemen Befund: 1914 war kein deutsches Alleinverschulden, sondern das Resultat eines vernetzten Versagens europäischer Eliten.

Hinzu kam die Machtpolitik eines bereits im Abstieg befindlichen Empires – Grossbritanniens –, das auf den Aufstieg des kontinentalen Deutschlands keine tragfähige ordnungspolitische Antwort fand.

Der Sieg über Nazi-Deutschland lieferte nach 1945 für Jahrzehnte die Rechtfertigung einer vereinfachten Geschichtserzählung. Deutschland wurde zum moralisch gezähmten Riesen, die USA übernahmen die strategische Führung, die alten europäischen Spannungen wurden überdeckt, nicht gelöst.

Solange diese externe Ordnungsmacht funktionierte, blieb das europäische Machtproblem eingefroren.

Nun scheint diese historische Nervosität zurückzukehren. Das moralische Gleichgewicht gerät ins Wanken.

Ein starkes Deutschland passt schlecht zur Rolle des „ewig Gezügelten“. Zugleich verlieren die Sieger von gestern ihre bequeme Position als ordnende Instanzen – nicht zuletzt Frankreich, dessen strategischer Führungsanspruch zunehmend mit fiskalischen Grenzen kollidiert.

Clarks implizite Botschaft wird damit wieder aktuell: Wenn Macht nicht per se deutsch gefährlich ist, sondern europäisch-strukturell, dann müssten auch Frankreich, Polen und Grossbritannien ihre eigenen historischen Reflexe überprüfen.

Grossbritannien hat sich mit dem Brexit faktisch aus der Diskussion über eine gemeinsame europäische machtpolitische Einbettung zurückgezogen.

Damit erinnert Deutschlands Rückkehr zur Macht Europa daran, dass 1914 kein deutscher Unfall war, sondern ein europäisches Systemversagen.

Die Alternative zu deutscher Stärke ist kein harmonisches Europa, sondern ein machtpolitisches Vakuum.

Ob Europa diesmal aus seiner Geschichte gelernt hat, entscheidet sich nicht an Deutschland, sondern daran, ob der Kontinent fähig ist, Stärke zu ordnen statt sie zu fürchten.

Kategorie: Europa, internationale-politik Stichworte: Christopher Clark, Deutschland, Europa

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

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Kommentare

  1. Daniel Flury meint

    8. Februar 2026 um 0:11

    Die Welt wird ja nicht besser oder schlechter als sie früher war.

    Sie bleibt schlecht.

    Die Frage ist nur, wie man damit umgeht.

    • Manfred Messmer meint

      8. Februar 2026 um 11:43

      Gleich gut, gleich gut.

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