DIE WELT mit ihrer ersten KI-Nachrichtensendung
Tamedia hat gestern eine Medienmitteilung in eigener Sache publiziert. Sie hat weitreichende Tragweite.
Zum einen trennt das Medienunternehmen Print und Online organisatorisch in zwei Unternehmensbereiche. Konkret bedeutet das: Die Zukunft der Basler Zeitung liegt nicht mehr im gedruckten Blatt, sondern im Content-Output eines digitalen Systems.
Print wird damit zum Übergangsformat für bestehende Abonnemente. Das traditionelle Zeitungsmodell verliert für Tamedia seine strategische Relevanz.
Der Fokus werde auf die „digitale Weiterentwicklung“ gelegt, insbesondere auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz.
Gemeint ist damit nicht eine inhaltliche Weiterentwicklung des Journalismus, sondern eine Neuausrichtung des Produktionsmodells: weg von publizistischer Eigenlogik, hin zu einem industriell-technologischen Verfahren der Inhaltsherstellung und -verwertung.
Kern dieser Neuaufstellung ist die Schaffung der Geschäftseinheit „AI & Data“ auf Verlagsebene, direkt der Geschäftsleitung unterstellt.
Dass Tamedia für diese neue Steuerung Begriffe wie Produktion, Distribution und Effizienz verwendet, ist kein Zufall: Es sind etablierte Verlagskategorien, die nun erstmals nicht mehr Druck und Zustellung betreffen, sondern Datenflüsse, Texte und redaktionelle Arbeit.
Die personelle und strukturelle Vorbereitung dieses Schritts begann bereits im November 2023 mit der Einrichtung des unternehmensweiten AI Lab; im vergangenen Jahr nahm zudem eine unternehmensweite Projektgruppe am internationalen Programm AI Launchpad der Google News Initiative und von FT Strategies teil.
Ziel war nicht journalistische Innovation, sondern die Entwicklung skalierbarer KI-Anwendungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Die in diesem Rahmen trainierten Anwendungsfelder betreffen Workflows, Automatisierung, Textveredelung, Distribution und Effizienz.
Die Zusammensetzung der beteiligten Bereiche – Redaktion, Advertising, Consumer Business, Analytics/Data, Technology und Product – macht deutlich: Es handelt sich um ein Unternehmensprojekt, nicht um ein redaktionelles.
Bereits eingesetzt werden bei Tamedia automatisierte News-Teaser, suchmaschinenoptimierte Schlagzeilen, Kurzzusammenfassungen für Newsletter sowie Textvarianten für unterschiedliche Kanäle.
Redaktionelle Inhalte werden einmal erstellt und anschliessend systemisch automatisiert weiterverarbeitet.
Der Umbau bei Tamedia kommt deshalb nicht überraschend. Er wurde über Monate vorbereitet, trainiert und getestet – zunächst im Labor, dann im internationalen KI-Programm, nun in der Organisation.
In diesem Kontext ist auch der Wechsel an der Spitze der Basler Zeitung einzuordnen.
Der bisherige Chefredaktor Marcel Rohr scheidet aus der Führungsfunktion aus. Ab 1. Februar übernimmt Nina Jecker den Titel der Chefredaktorin. In der Medienmitteilung wird ihre Expertise im Bereich der Künstlichen Intelligenz und digitaler Entwicklungen hervorgehoben.
Die Funktion der Chefredaktion verändert sich damit grundlegend. Sie ist nicht mehr primär publizistische Steuerungsinstanz, sondern Teil der operativen Umsetzung einer konzernweit definierten Produktions- und Distributionslogik.
Entscheidungen über Themenwahl, Priorisierung, Veröffentlichungsrhythmus und Ressourceneinsatz werden von datenbasierten, kommerziell ausgerichteten Steuerungsmodellen ausserhalb der Redaktion beeinflusst.
Das ist das Funktionsprinzip einer industriell organisierten Nachrichtenproduktion.
Daniel Flury meint
Ich werde alt.
Denn ich kann mich an die rauchgeschwängerten Arbeitszimmer erinnern, zu den Zeiten, als der «Journalismus» noch ein Handwerk war.
unterbaselbieter meint
Felix E. Müller war lange bei der NZZ, am Schluss wurde er noch Chefredaktor der NZZ am Sonntag. Er sagte in einem Gespräch mit Lukas Hässig (Inside Paradeplatz) dass er die Zukunft der Tamdeia im Marktplatz-Bereich sieht (wissen wir ja, Hommage, Autoscout, Immoscout…) da dort das sehr grosse Geld gemacht wird. Auch eigene Immobilien, Grundstücke und Hallen bringen Geld. Er sieht dass sich Tamedia in einigen Jahren vom Verlagsgeschäft trennt. Alle anderen Sparten bringen problemlos Geld, das Verlagsgeschäft bringt nur Ärger und „muss“ wie eine Salami immer wieder gekürzt werden dass es überhaupt noch rentiert.
Er könne sich vorstellen, dass z.B. ein F. Gantner diese Sparte Tamedia abkauft und aus ideologischen und Überzeugungs-Gründen weiterbetreibt.
Keller meint
Diesen analogen (!) Schritt haben Sie doch längst vollzogen, Herr Messmer. Zusammen mit Ihrem virtuellen Freund. Nur sind Sie noch immer Chef und nicht zum Senior Editor für Fussball degradiert. Sprachlich haben leider Ihre Beiträge mit dieser Kooperation an Qualität eingebüsst. A.I. Claude sagt beispielsweise zu Ihrem neuesten Eintrag dies: Der Text leidet unter typischen Problemen der Unternehmenskommunikation: Blähwörter wie „in diesem Rahmen“, „macht deutlich“ oder „ist kein Zufall“ blähen die Aussagen unnötig auf. Der übermässige Nominalstil („die Entwicklung“, „die Schaffung“, „die Einrichtung“) macht den Text schwerfällig – besser wären aktive Verben. Passivkonstruktionen („eingesetzt werden“, „werden erstellt“) wirken distanziert statt dynamisch. Buzzword-Anhäufungen wie „skalierbare KI-Anwendungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette“ oder „industriell-technologisches Verfahren der Inhaltsherstellung“ klingen technokratisch. Insgesamt typischer Corporate-Stil: korrekt, aber schwerfällig und wenig zugänglich.
Manfred Messmer meint
Der Text ist so geschrieben, wie das System funktioniert, das er beschreibt.