
Leserwarnung: Das ist ein pro-europäischer Beitrag.
There is no phone number for Europe
Der Satz galt über Jahre als die Summe aller europäischen Schwächen: Es ist niemand da, der entscheidet. Der Irrtum: Es ist sehr wohl jemand da, der entscheidet – aber eben nicht einer allein.
So wie in der Schweiz.
Angesichts der von Donald Trump auf seinem Social-Media-Kanal (!) im Stundentakt vorangetriebenen Grönland-Eskalation muss man den Satz anders lesen: Was man nicht anrufen kann, kann man nicht erpressen.
Das muss das Weisse Haus nun zur Kenntnis nehmen.
Die Zolldrohung im Modus „und seid ihr nicht willig“ läuft ins Leere. Für Zollfragen sind nicht einzelne Länder zuständig, sondern Brüssel. Und am Ende entscheidet das Europäische Parlament. Dieses hat die Ratifizierung des Zollabkommens vom letzten Jahr umgehend sistiert – was kein Vertragsbruch ist. Denn Ordnung und Rechtsrahmen sind in der Europäischen Union die Leitlinien allen Handelns.
Der entscheidende Denkfehler vieler Beobachter lautet: Man verwechselt Langsamkeit mit Handlungsunfähigkeit. Tatsächlich verschafft Langsamkeit etwas, das Autokratien – und auch Präsident Trump – nicht haben: Zeit.
Der europäische Rechts- und Konsensrahmen ist im Kern eine Verzögerungsarchitektur. Er zwingt Akteure, ihre Interessen offenzulegen, Kosten sichtbar zu machen und Entscheidungen zu verfestigen.
Mit anderen Worten: Europa ist langsam – aber korrekturfähig.
In einer Welt hoher Unsicherheit, in der schnelle Entscheidungen, klare Fronten und personalisierte Macht belohnt zu werden scheinen, wird genau das zum Vorteil.
Europa weiss aus seiner Geschichte, was auf dem Spiel steht, wenn Ordnung zur Verhandlungsmasse wird.
Wer also Europa unter Druck setzt, muss 27 Staaten adressieren, Parlamente passieren, Gerichte einkalkulieren, Zeit verlieren. Im Ringen mit Trump ist das eine asymmetrische Erschöpfungsstrategie.
Allerdings ist sie nur dann wirksam, wenn am Ende auch Entscheide gefällt werden.
Meine tiefste Überzeugung: Je chaotischer, vernetzter und widersprüchlicher die Welt wird, desto besser funktioniert ein System, das Komplexität aushält, Widerspruch integriert und Fehler sichtbar macht.
So gesehen ist Europa kein Machtmonolith, sondern ein Resilienzapparat.
Letzteres steht nun auf dem Prüfstand. Denn diese Stärke funktioniert nur, wenn Europa bereit ist, einen Preis zu zahlen – politisch, sicherheitspolitisch, strategisch.
Wirtschaftlich.
Nicht die Gegenmassnahmen, sondern der Preis ist die Kernfrage, die derzeit in Europa diskutiert wird.
Daniel Flury meint
Nur (und das ist die Kernfrage).
Wer im Reden Frieden findet, der hat ein Problem, wenn vor ihm ein Kerl steht, der einen Holzknüppel schwingt. Und man selbst hat die Hände voll mit Papier, und auf keinem dieser Papiere steht der Ort, auf dem man den eigenen Knüppel finden könnte.
Und in den Händen kein Platz für diesen Knüppel, denn die sind ja voll mit Papieren.
Das nennt man «Gordischer Knoten».
Aber nur einer hat das Schwert in der Hand. Und alle anderen ihre Papierflieger.
Franz meint
15 Soldaten für einen Tag nach Grönland!
Manfred Messmer meint
Tönt lustig und informiert, aber googeln hilft weiter.
Franz meint
Geht nicht darum was jetzt der Zweck war.
..sondern wie so etwas rüberkommt.
Manfred Messmer meint
okay. aber jeder, in einer Führungsposition weiss, wie solche Meetings laufen, vor allem gilt: keine unnötige Zeit verplempern. Die Deutschen wollten einen Tag länger bleiben für eine weitere Abklärung (Statement Bundeswehr), doch als das Wetter umschlug, flog man mit dem nächst möglichen Flieger zurück. Dass BILD da eine übereilte Abzugsstory daraus macht liegt in der Natur dieses Blattes. Was BILD übersehen hat: die waren nicht mal bewaffnet. „Bundeswehr will Amerikaner mit blossen Fäusten bekämpfen“ wäre DIE Schlagzeile gewesen.
Und was die Leute so denken, ist derzeit ziemlich egal.
Rafaele Schumacher meint
Alleine, dass Sie diesem Kommentar schreiben zeigt ja, dass die Wirkung der Aktion (Aufmerksamkeit, Tabuburch) eingetreten ist. Die militärische Option ist auf dem Tisch. Das wäre neulich noch unvorstellbar gewesen. Europa wird wieder erwachsen und befreit sich von seinen antikolonialistischen und antimilitärischen Dogmen. Man ist bereit für Macht, Interessen und Einfluss zu kämpfen und die Drecksarbeit nicht Washington zu überlassen.