
Wer Grönland verstehen will, sollte nicht auf Landkarten oder Rohstofflisten schauen. Entscheidend ist die Ordnung, unter der die Insel steht.
Grönland ist kein arktischer Sonderfall, sondern ein Testfall dafür, wie stabil das Versprechen der modernen Staatenordnung noch ist: dass Recht stärker ist als Macht – und Anerkennung mehr zählt als militärische Durchsetzungsfähigkeit.
Genau an diesem Punkt setzt eine Aussage von Stephen Miller an, die in Europa bislang erstaunlich wenig Beachtung gefunden hat.
Denmark is a tiny country with a tiny economy and a tiny military. They cannot defend Greenland… Under every understanding of law that has existed about territorial control for 500 years, to control a territory you have to be able to defend a territory.
Diese Aussage muss der Schweiz zu denken geben – und zwar sehr konkret. Territoriale Kontrolle folgt nach dieser Lesart aus Verteidigungsfähigkeit.
Staaten, deren Schutz ausschliesslich auf Normen beruht, werden zur Beute, sobald diese Normen nicht mehr geteilt werden.
Punkt.
Was im trumpistischen Amerika wieder auftaucht, ist kein Rückfall in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern ein vor-westfälischer Zustand: eine Ordnungsvorstellung von Politik und Recht, die vor dem Westfälischen Frieden von 1648 liegt – also vor der modernen europäischen Staatenordnung.
Zur Einordnung: Der Westfälische Frieden von 1648 war kein akademisches Vertragswerk, sondern das Ergebnis des Dreissigjährigen Kriegs – einer der verheerendsten Gewaltkatastrophen der europäischen Geschichte. Drei Jahrzehnte lang hatte sich gezeigt, wohin eine Ordnung führt, in der Macht, Religion und Territorium ohne verbindliche Regeln aufeinandertreffen: zu Entvölkerung, Verwüstung und permanenter Unsicherheit.
Vor 1648 galt in Europa im Wesentlichen: Territorium gehört dem, der es kontrolliert.
Der Westfälische Frieden setzte dem ein neues Prinzip entgegen:
• formale Gleichheit der Staaten
• territoriale Unverletzlichkeit
• Anerkennung unabhängig von militärischer Stärke
• Recht vor Macht (zumindest normativ)
1648 markiert die Geburtsstunde des modernen Völkerrechts.
Wenn Stephen Miller sagt: „To control a territory you have to be able to defend it“, dann ist das kein Rückfall in den Hitler-Faschismus, sondern – im wörtlichen Sinn – ein Rückfall ins europäische Mittelalter.
Millers Satz ist deshalb kein Angriff auf Dänemark. Er ist Programm.
Für die Schweiz bleibt damit nur eine Hoffnung: uninteressant zu bleiben. Was ihr wohl kaum gelingen wird.