
Die NZZ – genauer: Herr Briellmann – hat sich an Beat Jans abgearbeitet. In einem unterhaltsam geschriebenen, pointierten und kenntnisreichen Beitrag mit dem Titel „Kann’s Jans?“.
Es ist ein Text mit politischer Deutungsabsicht, nicht mit journalistischer Fragestellung.
Das eigentliche Kernproblem, das Beat Jans mit seinem Bundesratsamt hat, wird übersehen: sein Basler Vorgänger Hans-Peter Tschudi.
Vierzehn Jahre lang war Tschudi im Amt, von 1959 bis 1973 – also just in den Jahren des grössten gesellschaftlichen Umbruchs in Europa.
Er fiel nicht als verkrusteter Mann von gestern auf.
So war es denn kaum zu vermeiden, dass Professor Tschudi, der Intellektuelle, der Feinsinnige, zum Übervater der nächsten Generation Basler Sozialdemokraten mit Bundesratsambitionen wurde – sei es Eva Herzog oder eben Beat Jans.
Die Verklärung des angeblichen „Vaters der AHV“ wuchs mit jedem Jahr, in dem Basel keinen Sitz mehr im Bundesrat hatte. Diese bundesratslosen Jahre wurden für die Basler Politprominenz zur Belastung.
Wer sich an die Debatte im Vorfeld der Nichtwahl Eva Herzogs erinnert – Basel fühlte sich vom ganzen Land zurückgewiesen – oder ein Jahr später an die Kampagne zur Wahl von Beat Jans, konnte erstaunt zur Kenntnis nehmen, wie sich eine irrationale, kollektive Erwartung auf ein Amt entlud, das am Ende eben doch nur eines ist: das eines Bundesrats.
Gegen Ende der medial aufgewühlten Wochen musste man fast befürchten, die Basler würden sich geschlossen in den Rhein stürzen, sollte diesmal erneut kein Basler gewählt werden.
Wer in Tschudis Fussstapfen treten wollte, musste in dieser emotional aufgeladenen Stimmung über schier übermenschliche Qualitäten verfügen.
Oder zumindest Tschudi-artig wirken: ein netter, verbindlicher Typ – wie Jans, dessen Titel „Regierungspräsident“ ihn grösser erscheinen liess als seine tatsächlichen Leistungen im Amt.
Dass solche kollektiven Erwartungen niemand erfüllen kann, ist das eine.
Dass die übrige Schweiz Hans-Peter Tschudi eher als leicht verschrobenen Bundesrat in Erinnerung hat – als einen, der beim Bundesratsreisli mit elegantem Seitenschwung über ein Kuhgatter hechtete –, erleichterte Jans den Start in Bern nicht unbedingt.
Das erstaunt, war Jans doch zehn Jahre Nationalrat. Man hätte annehmen dürfen, dass er die Gesetzmässigkeiten der Berner Politbubble kennt.
Doch Jans macht den Tschudi – oder zumindest einen solchen, von dem er annimmt, es sei der Tschudi: väterlich, intellektuell, humorig, distanziert-volksnah.
Wenn Brielmann schreibt: „Was dem Justizminister fehlt, ist die natürliche Gravitas, die dieses Amt verlangt“, dann benennt er ungewollt genau diese Diskrepanz: zwischen dem Bild, das Jans darstellen will, und dem, was er leisten kann.
Jans spielt den Tschudi – und wirkt damit, um Briellmann nochmals zu zitieren, „ohne die Autorität, die ein Bundesrat in Krisenzeiten ausstrahlen müsste“.
Nicht weil ihm diese Autorität grundsätzlich fehlte, sondern weil er sich an einem Bild orientiert, das aus einer anderen Zeit stammt. Wo Jans Staatsmann sein will, wirkt er bemüht.
Das legt den Schluss nahe: Jans scheitert (bislang) nicht am Amt, sondern am Übervater Tschudi.
PS: Etwas Positives lässt sich den Bundesratsjahren von Beat Jans dennoch abgewinnen: Der Übervater-Mythos dürfte sich mit ihm erledigt haben.
Daniel Flury meint
Gut, Tschudi ging in die Geschichte ein (und man schreibt ihm zu gut, dass er er ein vorher undenkbares Sozialwerk auf den Weg gebracht hat).
Aber Jans? In die Geschichte eingehen?
Mit welchen Geschichten denn?
Er ist der männliche Vorzeige-Avatar der Sozialdemokratischen Partei, die ausser Frauenförderung (oder anderer «Geschlechter») nichts mehr kennt (und die er auf seinem Karriereweg selbstverständlich verinnerlicht haben musste).
Und seien wir ehrlich: Was kann ihm jetzt noch passieren?
Alt-Bundesrat werden. Sonst nichts.
Übrigens: Der Herr Jans hätte auch als Vorwerk-Kolporteur seine Karriere gemacht.
Baresi meint
War Jans in Basel als Regierungsratspräsident nicht schon genau gleich unterwegs?