
… ob es nicht den einen oder andern Grund dafür gegeben hat, dass sich Europa für etwas anderes als die blutte Machtpolitik eingesetzt hat…
Kommentar Gotte
Antwort: Ja, den gab es.
Europa konnte sich deshalb für etwas anderes entscheiden, weil es während 80 Jahren unter dem militärischen Schutzschirm der USA seine Ideale vorantreiben konnte – ohne Krieg auf dem eigenen Kontinent und als moralisch-kritischer Beobachter bei den Kriegen der anderen: im Nahen Osten, in Vietnam oder am Golf.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, der wohl als einziger „gerechter Krieg“ in die Geschichte eingegangen ist, bauten die USA Deutschland und Europa wieder auf. Nicht aus Altruismus, sondern aus Machtpolitik und Marktinteresse.
Das Ergebnis war ein komfortables Arrangement: Die Amerikaner hielten die Sowjetunion im Schach und hatten keinerlei Interesse daran, dass Europa militärisch stark wurde – so wie das machtpolitische Pendant im Osten, und sicherten sich zugleich Markt- und Ordnungsdominanz im Westen.
Die USA bestimmten die Regeln in ihrem Vorhof, die Sowjetunion die ihrigen.
Unter diesem Spannungsbogen war die Welt für Europa in Ordnung. Nicht, weil sie friedlich war, sondern weil sie geordnet war.
Dann geschah etwas völlig Unerwartetes: Die Sowjetunion implodierte.
Die Staaten in ihrem Einflussbereich setzten sich ab – Polen, Ungarn, das Baltikum, dazu ein paar neue Staaten in der Steppe. Doch der Phantomschmerz der amputierten Weltmacht wird bis heute fast ausschliesslich durch die Unabhängigkeit der Ukraine genährt.
Und die USA?
Sie konnten den Spannungsbogen zurückfahren. Der jahrzehntelange Gegner war über Nacht verschwunden. Das führte zu einer Sinnkrise, die viele unterschätzten: Was tut man, wenn man plötzlich die einzige verbliebene Weltmacht ist?
Zum Beispiel Kriege führen am Golf. Oder anderswo.
Europa hingegen meinte, nun sei die Zeit gekommen, sich endgültig für „etwas anderes als die blutte Machtpolitik“ einzusetzen. Man glaubte, jetzt sei der Frieden endgültig. Die europäische Zukunft liege in Russland, der Einfluss der USA müsse – dank hehrer Welterklärung – zurückgebunden werden.
In den Nullerjahren baute Europa seine Regelwerke aus und wurde zur Weltmacht der Normen. EU-Standards galten rund um den Globus. Selbst die USA mussten sich ihnen beugen, wollten sie weiterhin Produkte – vor allem Dienstleistungen – im europäischen Markt anbieten.
Oder auch anderswo.
Aus amerikanischer Sicht war das ziemlich dreist. Denn während Europa dank der Friedensdividende seine Sozialsysteme ausbaute, sorgten die USA weiterhin für militärischen Schutz – gegen einen inzwischen eher fiktiven Gegner.
Und damit sind wir im Heute.
Dass die USA die Normenarroganz der immer wieder zerstrittenen Europäer, die auf keinerlei militärischer oder politischer Stärke gründet, irgendwann nicht mehr hinnehmen würden, war absehbar. Und nein: Es war nicht allein Trump, der nicht länger für die Sicherheit Europas bezahlen und sich zusätzlich dessen normativer Weltanschauung – in jeder Hinsicht – unterwerfen wollte.
Was Europa ebenfalls unterschätzt hat, ist diese unbequeme Parallele: Die USA und Russland begannen, Europa aus ähnlicher Perspektive zu betrachten.
Nicht als gestaltenden Akteur, sondern als geografischen Raum. Nicht als Subjekt, sondern als Verfügungsmasse.
Russland denkt Europa klassisch imperial: Einflusszonen, Pufferstaaten, Abschreckung durch Gewalt. Die USA sehen Europa transaktional: Sicherheitsdienstleister, Markt, Vorfeld – mit abnehmender Geduld für europäische Moralisierung.
Zwar unterscheiden sich die Methoden radikal. Die Logik hingegen nicht.
Beide Grossmächte eint zunehmend die Überzeugung, dass Europa zwar Normen produziert, aber keine Macht. Dass es Ansprüche formuliert, ohne bereit zu sein, sie zu verteidigen. Und dass man deshalb nicht mehr mit Europa reden muss, sondern nur noch über Europa.
Das ist kein geheimer Pakt und keine Verschwörung. Es ist die nüchterne Konsequenz europäischer Selbstentmachtung.
Europa hielt sich für den moralischen Pol einer neuen Weltordnung. Aus Sicht Washingtons wie Moskaus war es vor allem eines: träge geworden.
Diese Parallelität ist der eigentliche Schock. Nicht, dass die USA härter werden. Sondern dass sie beginnen, Europa mit derselben strategischen Distanz zu betrachten wie Russland – nicht einmal mehr höflicher.
Damit hatten die Boomer-Europäer, die Boomer-Schweizer, nie gerechnet.
Die unbequeme Wahrheit lautet: Wir befinden uns im Krieg mit Russland – und steuern auf einen tiefen Konflikt mit den USA zu. Russland wird auf Jahre hinaus kein verlässlicher Partner sein. Die USA ebenfalls nicht mehr. Europa ist dabei kein homogener Akteur, sondern ein Kontinent der widersprüchlichen Erfahrungen.
Und genau das ist Teil des Problems.
Fazit: Die Entscheidung fällt nicht in Grönland, nicht in Brüssel und nicht in Washington. Sie fällt in der Ukraine. Dort wird entschieden, ob Europa bereit ist, Macht nicht nur zu kommentieren, sondern auszuüben. Ob es fähig ist, Freiheit zu verteidigen, wenn sie einen Preis hat.
Nicht symbolisch, sondern real.
Wer glaubt, man könne diesen Krieg aussitzen, delegieren oder moralisch begleiten, irrt. Wer glaubt, Russland lasse sich durch Worte abschrecken, hat nichts verstanden. Und wer glaubt, die USA würden Europas Sicherheit dauerhaft garantieren, obwohl Europa selbst nicht bereit ist, Opfer zu tragen, lebt in der Friede-Freude-Eierkuchen-Vergangenheit
Die Ukraine ist kein Randkonflikt. Sie ist die Frontlinie europäischer Existenz.
Entweder Europa kämpft dort – militärisch, wirtschaftlich, politisch – mit allem, was es hat. Oder es akzeptiert, künftig Objekt fremder Mächte, fremder Deals und fremder Ordnungen zu sein.
Dazwischen gibt es nichts.
PS: Wir erleben dieser Tage, wie die normativ-moralische Selbstgewissheit des Systems Schweiz erodiert, wenn Realität auf Anspruch trifft.
Franz meint
Fressen oder gefressen werden.
Europas Moral mündet unweigerlich in Wohlstandsverluste.
Ob wir den langfristig aushalten können? Europas Geschichte hat da durchaus was zu erzählen..
Daniel Flury meint
Bis zur Implosion der Sowjet-Union war Europa durchaus wehrbereit.
Nach Kohls «blühenden Landschaften» ging es Europa hauptsächlich darum, sich Vermögenswerte aus dem Osten zuhanden des eigenen Aktionariats einzuverleiben.
Aus dieser Rolle ist Europa nie herausgekommen.
Der «Ausbau der Sozialwerke» war nur Brosamen für das Volk, um es ruhig zu halten und es nicht merken zu lassen, dass es vom angelsächsisch geprägten Finanzkapitalismus ausgebeutet wurde (und wird).
Eine Umkehr ist kaum möglich, denn zu viele von uns wurden durch das «immer mehr» sozialisiert und sie werden es erst einsehen, wenn es an die eigenen Pfründe geht.
unterbaselbieter meint
Ein langer MM Kommentar heute – begann zu lesen, und es hörte nicht mehr auf. Viel zu sagen haben Sie dazu – ich beschränke mich eher auf EU-CH-Themen sowie naheliegend BS BL Themen….
Ein Wort blieb mir hängen – heute ganz unpolitisch – das Wort Boomer. Das sei, laut Roger Schwainski die Generation von 1945 – 1964….. – so seine Definition.
DENN
Roger Schawinski schrieb ein neues Buch:
Es heisst
„Hallo Boomer, so geniesst Du Deine Bonus Jahre“
Zu bestellen auf der Home-Seite von Radio 1 und im Handel.
Schon noch wahnsinnig eindrücklich was er da so sagt und womit er recht hat.
Diese Tipps können auch wir schon beherzigen. Und hoffen, dass wir mit 80 (!) noch so zwäg in Körper und Geist sind.
Hoffentlich gibt es unseren Roger noch lange – ich mag ihn, es würde etwas fehlen (auch wenn pol. total diametral)….