
Heute gehört Chairman Trump die Bühne in Davos.
Der grosse amerikanische Präsident, der sich – auf Lebenszeit, versteht sich – zum Chairman eines von ihm geschaffenen und von anderen finanzierten „Friedensrates“ küren lassen will.
Klar doch.
Trump wird uns direkt und über alle Kanäle mit seiner Weltsicht beglücken. Wir werden uns ihr in den kommenden Tagen nicht entziehen können.
Um dabei den Boden unter den Füssen nicht zu verlieren, lohnt es sich, bevor die Nummer 47 zum Rundumschlag ansetzt, einen Blick auf die gestrige Rede des kanadischen Ministerpräsidenten zu werfen.
Nicht als Gegenrede, nicht als moralische Korrektur – sondern als realpolitischen Anker.
Carneys Rede ist nüchtern, kühl, wahlüberlegt. Dass er sie selbst verfasst hat, macht sie umso bemerkenswerter. Dass ein amtierender Regierungschef in dieser Lage die Autorenschaft übernimmt, ist ein Signal. Es heisst: Das ist keine abgestimmte Formel. Das ist meine Lesart der Welt.
Die Rede des kanadischen Premierministers vertieft, was wir hier seit Tagen diskutieren: dass wir uns nicht in einer Übergangsphase befinden, sondern in einer neuen Ordnung, die bereits greift.
Seine Kernaussage ist brutal einfach:
- Die Starken tun, was sie können; die Schwachen leiden, was sie müssen.
- Das internationale System habe sich von einer tatsächlichen Rechtsordnung zu einer Strategie der Machtprojektion entwickelt, in der wirtschaftliche Integration und globale Lieferketten als machtpolitische Druckmittel eingesetzt werden.
- Die alte Weltordnung ist nicht wiederherstellbar. Nicht reformierbar, nicht reanimierbar. Mittelmächte – Kanada, Europa, auch die Schweiz – müssen lernen, strategisch autonom zu denken und flexible Partnerschaften einzugehen, um in einer Ära verschärfter Grossmachtrivalität handlungsfähig zu bleiben.
Das ist kein Zynismus. Es ist eine nüchterne Zustandsbeschreibung.
Und genau deshalb taugt Carneys Rede als Ausgangspunkt für das, was heute aus Davos folgen wird.
Sie erdet – bevor der Lärm einsetzt.
Für Länder, die von Regeln, Verfahren und Verlässlichkeit leben, ist das ein letzter Weckruf. Aber ein notwendiger.
Denn wer weiterhin so tut, als genüge die formale Zugehörigkeit zu einer „regelbasierten Ordnung“, wird – wie wir verschiedentlich festgehalten haben – zum Objekt fremder Machtprojektion.
Der wahre Verlust der alten Ordnung ist nicht ihr Regelwerk, sondern die Illusion, dass selbst mächtige Staaten noch allein über Macht und Frieden entscheiden.
PS: Selenskyj ist auf die Höhe der Realpolitik eingeschwenkt: Er wird nur nach Davos reisen, wenn es zu einer konkreten Vertragsunterzeichnung kommt. Im Wissen, dass mit den Grönland-Fantasien des amerikanischen Präsidenten sämtliche Sicherheitsgarantien für sein Land seit einer Woche Makulatur sind.
Keller meint
Es ist weitgehend müssig, mit Vernunft und historischen Analogien zu argumentieren, wenn gerade – Zufall oder nicht – so viele Psychopathen in allen Lagern am Ruder sind. Urbaniok wäre als Prognostiker der geeignetere Mann der bevorstehenden (Davoser etc.) Stunden als alle Politexpert:innen.