Man hat derzeit den Eindruck, das Land gehe unter, sollte die Halbierungsinitiative angenommen werden. Die Debatte wirkt dabei weniger wie eine politische Auseinandersetzung als wie ein Glaubensbekenntnis – auf beiden Seiten.
Beginnen wir mit ein paar unbequemen Fakten.
Das klassische SRF-Fernsehpublikum ist heute deutlich älter als der Bevölkerungsdurchschnitt – und damit überproportional politisch aktiv. Jüngere Erwachsene, insbesondere unter 30, sind im linearen SRF-Programm kaum mehr präsent. Ihre Mediennutzung findet primär ausserhalb des traditionellen Fernsehangebots statt.
Den Verlust an öffentlich-rechtlicher demokratischer Moderation ist längst eingetreten – bei der nächsten und übernächsten Generation.
Die Realität: Auf einem marktgängigen Samsung-TV-Gerät stehen heute nebst den Kabelangeboten über 200 Unterhaltungssender via Internet zur Verfügung. Dazu kommen Streamingdienste in kaum mehr bewältigbarer Zahl. Die mediale Knappheit, auf der das alte Service-public-Modell beruhte, existiert nicht mehr.
Zweiter Punkt: Wer in der Schweiz 200 Franken fordert, argumentiert nicht radikal, sondern bewegt sich im europäischen Mittelfeld. In Grossbritannien beträgt die BBC-Gebühr £169.50 pro Jahr, umgerechnet rund 190 Franken. In Deutschland zahlen Haushalte 220.32 Euro pro Jahr, rund 210 Franken. Die Schweiz wäre mit 200 Franken weder Sonderfall noch Kahlschläger.
Damit sind wir beim strukturellen Kern.
Es gibt eine einfache, wertneutrale Gesetzmässigkeit: Organisationen wachsen. Nicht, weil sie schlecht geführt sind. Nicht, weil sie moralisch verkommen. Sondern weil sie logisch funktionieren.
Jede Institution optimiert auf Bestandssicherung, Relevanz, Kompetenz und Zukunftsfähigkeit. Wo der Auftrag offen formuliert ist und demokratische Kernfunktionen wie Pressefreiheit, kulturelle Vielfalt oder demokratische Öffentlichkeit berührt sind, wirkt Wachstum nicht nur legitim, sondern zwingend.
Das gilt für Ministerien, Universitäten, Verwaltungen – und für öffentlich-rechtliche Medienhäuser.
Das Ausufern ist kein Skandal, sondern Systembiologie: Organisationen folgen eigenen Überlebens- und Wachstumslogiken. Sie reagieren auf Unsicherheit nicht mit Verzicht, sondern mit Ausdehnung.
Und Systeme haben eine entscheidende Schwäche: Sie kennen keine innere Bremse. Selbstbegrenzung ist organisationslogisch unmöglich. Einschränkungen können nur von aussen kommen – durch Politik, durch harte Budgetgrenzen, durch erzwungene Verzichtsentscheide.
Genau diese Erkenntnis treibt derzeit auch die Debatte an der Universität Basel um Wachstum, Prioritäten und Steuerungsfähigkeit – nicht aus Lust an der Kürzung, sondern aus Einsicht in die Grenzen institutioneller Selbstkorrektur.
Mit anderen Worten: Es geht nicht ums Lagerfeuer und auch nicht um den Untergang des „unabhängigen Journalismus“. Es geht um Politikversagen.
Man hat den Auftrag ausgedehnt, technologische Umbrüche beklatscht, zusätzliche Erwartungen formuliert – und gleichzeitig so getan, als liesse sich all das ohne strukturelle Folgen bewältigen. Das ist bequem. Aber illusionär.
Ja, 200 Franken sind kein Medienkonzept. Aber sie sind eine Grenze.
Und Grenzen sind manchmal wirksamer als Konzepte. Gerade in der Schweiz, wo so lange geredet wird, bis man nicht mehr weiss, worüber man eigentlich redet.
Bleibt die Sache mit der SVP.
Sie ist das stärkste Argument der Gegner der Initiative – und zugleich ihr schwächstes. Das stärkste, weil diese Abstimmung tatsächlich ein Dilemma offenlegt: Sagt man Ja – und gilt als Mitläufer?
Das schwächste, weil dieses Argument die Gegnerschaft zur Initiative implizit in ein Links-Rechts-Schema überführt: Wer dafür ist, gilt als SVP-nah; wer dagegen ist, wird dem linken Lager zugerechnet. Damit wird die SVP-These von der „linken SRG“ nicht argumentativ widerlegt, sondern durch die Logik der politischen Zuschreibung stabilisiert.
Schluss: Ich sehe Disruption als Weg zu Neuem.
Deshalb halte ich fest: 200 Franken sind kein Angriff auf den Journalismus, sondern ein externer – legitimer – Eingriff in die Wucherung eines Systems. Und manchmal ist ein Schock die einzige Form von Steuerung, die ein System überhaupt noch versteht.
Daniel Flury meint
Vielleicht denkt der Herr Elig an den Median-Lohn in diesem Land?
«Der Wert, der genau in der Mitte einer Datenverteilung liegt, nennt sich Median oder Zentralwert. Die eine Hälfte aller Individualdaten ist immer kleiner, die andere grösser als der Median. Bei einer geraden Anzahl von Individualdaten ist der Median die Hälfte der Summe der beiden in der Mitte liegenden Werte».
Verdient einer 4’500 im Monat und einer 15’000, dann ist der Median 9’750.
So kann man es darstellen, und damit auch die Höchstpreise in diesem Land rechtfertigen.
Allerdings nur, wenn man von der Konstellation profitiert und beim Einkommen weit über dem Median liegt.
P. Keller meint
Vieles an Herrn Messmers bewusster Provokation ist schlüssig. Den letzten Warnschuss vor den Bug hat die SRG arrogant ignoriert. Die Organisation ist nach wie vor zu aufgeblasen und zugleich blasiert. Doch Herr Elig hat recht: Unter wirtschaftlichem Druck wird sich dies ohnehin regeln – wie so vieles andere auch. Und darin stimmt mir Herr Messmer niemals zu, das ist viel zu spiessig für ihn: Es geht auch um so etwas wie „gesellschaftliche Kohäsion und Resilienz“. Wer solche Kanäle leichtfertig sprengt, trägt zum Zerfall des Gemeinwesens bei. Und davon ist eh kaum mehr was vorhanden. Und: Gemessen an dem, was viele monatlich für irgendwelchen Paywall-Schrott ruasschmeissen, sind die eingesparten 200 Franken pro Jahr ein Klacks.
Manfred Messmer meint
Ich verstehe Ihren Punkt. Wirtschaftlicher Druck wirkt im Medienmarkt – bei der SRG jedoch nur sehr begrenzt, weil sie gewollt ausserhalb dieses Marktes operiert. Dass sie bei den Werbeeinnahmen Konkurrenz spürt, ist deshalb nicht primär ein Problem der Gebührenzahler. Allerdings war Werbung gerade wegen des Gebührenmodells über Jahrzehnte hinweg nicht vorgesehen – siehe BBC.
Eine Budgetgrenze „sprengt“ keine Kanäle – sie trennt Auftrag von Gewohnheit, und am Gemeinwesen zerbricht nicht der Sparzwang, sondern die Weigerung, sich anzupassen.
Was für den privaten Medienkonsum ausgegeben wird ist Privatsache und hat nichts mit dem Gebührenmodell zu tun.
Allerdings: Ob 200 Franken die richtige Grenze sind, kann man diskutieren. Dass es eine braucht, darin bin ich ziemlich sicher.
Herrmann Elig meint
Das ist alles soweit schlüssig. Nur: die Schweiz hat halt nicht das gleiche Preis- und Lohnniveau wie DE oder UK. Die Durchschnittslöhne sind rund 50% höher. Wir bezahlen mehr, verdienen aber auch mehr. Und 200.- plus 50% gibt 300.-, genau der Betrag, der bei einer Ablehnung der Initiative ab 2029 gilt. Die Begrenzung des Systems kommt sowieso. Ich werde die Initiative ablehnen.
Daniel Flury meint
Das «Ende der Welt» bei 200 Franken im Jahr?
Ich denke, sie wird es aushalten.