
Die NZZ hat heute eine interessante Analyse publiziert: „Alfred Gantner und seine Ahnen: Wie Unternehmer seit Jahrzehnten die Aussenpolitik der Schweiz beeinflussen.“ Gantner wird darin in eine Reihe mit Schweizer Unternehmern gestellt, die in der Vergangenheit im Auftrag des Bundesrats Handelsmissionen – unter anderem in die USA – unternommen haben.
Erinnert wird etwa, wie der damalige Sulzer-Chef als Türöffner für das Handelsabkommen mit der Volksrepublik China fungierte und später Schweizer Botschafter in Beijing wurde. Der NZZ-Text konstatiert denn auch: „Der Besuch im Weissen Haus ist nicht die erste unternehmerisch-diplomatische Offensive – bei weitem nicht.“
Also: alles normal soweit?
Genau hier stellt sich die erste Frage: Wen will die NZZ mit der These „war immer schon so“ besänftigen?
Das Ziel ist offenkundig nicht die breite Öffentlichkeit, sondern die eigenen Klasse: Verwaltungsräte, Wirtschaftsführer, bürgerliche Parteispitzen, Verbandsfunktionäre.
Denn diese sind durchaus aufgeschreckt vom Phänomen Gantner.
Hier entsteht eine Deutungskonkurrenz: ein unabhängiger Akteur, der ausserhalb etablierter Strukturen agiert – und damit auch ausserhalb der Kontrolle klassischer Organisationen wie Economiesuisse.
Die implizite Botschaft der NZZ lautet: Gantner ist einer von uns – und wir waren immer schon so.
Adressiert ist das wirtschaftsnahe, staatsloyale Bürgertum, das innerlich schwankt: auf der einen Seite instinktives Misstrauen gegenüber Trump, Goldbarren und Rolex-Politik; auf der anderen Seite die Angst vor Regulierung, EU-Einbindung und den Bilateralen III.
Der Text folgt damit einer neuen, in den USA praktizierten Denkdoktrin: Wenn die Welt wieder bilateral, deal-getrieben und machtpolitisch wird, dann seien Unternehmer die besseren Aussenpolitiker als Juristen und Diplomaten.
Die NZZ normalisiert Alfred Gantners Auftritt als quasidiplomatischen Akteur, indem sie ihn in eine lange Traditionslinie unternehmerischer Aussenpolitik stellt. Die Quintessenz: Gantner ist nichts Neues, sondern ein historischer Wiedergänger. Die Schweiz habe immer dann auf Unternehmer gesetzt, wenn der Staat schwach, unterbesetzt oder überfordert gewesen sei.
Hier vermischt der Artikel zwei grundverschiedene Machtlogiken.
Die historischen Beispiele agierten in einer Phase, in der Unternehmensinteressen und Landesinteressen weitgehend deckungsgleich waren: Rohstoffe, Absatzmärkte, staatliches Überleben.
Gantner hingegen agiert in einer Welt hochspezialisierter Finanzinteressen – Private Equity, Asset Management, regulatorische Arbitrage. Dass diese Interessen automatisch mit dem Gemeinwohl identisch sind, ist heute nicht mehr selbstverständlich, sondern eine Behauptung.
Die Antwort zur zweiten Frage: Das eigentlich Interessante am NZZ-Artikel ist nicht, was er sagt, sondern was er vorbereitet.
Er liefert kein Argument gegen die Bilateralen III, sondern verschiebt den Massstab, nach dem Aussenpolitik beurteilt wird: weg von Recht, Institutionen und Verfahren – hin zu Personen, Deals und situativer Macht.
Damit wird nicht Gantner legitimiert, sondern ein Denkstil.
Und dieser Denkstil steht im Widerspruch zu jenem Ordnungsprinzip, auf dem die europäische Integration – und letztlich auch die aussenpolitische Handlungsfähigkeit der Schweiz – beruht.
Ironischerweise trifft dieser Bruch auch die NZZ selbst.
Denn eine Welt, die auf Deal-Maker-Logik, informelle Macht und Ad-hoc-Diplomatie setzt, ist keine Welt mehr für institutionell denkende Leitmedien.
Der Text liest sich deshalb weniger als Einordnung der Gegenwart denn als unbewusste Vorwegnahme eines Konflikts, der auch die NZZ noch einholen wird.
Daniel Flury meint
Schön formuliert.
Aber wer seinen Stall an den Meistbietenden verkauft, der darf sich über seinen Einflussverlust beklagen, aber niemals über die nicht mehr zu erzielenden Zukunftsgewinne.
Das ist ein Lernprozess.
Und dieser Erkenntnisgewinn läuft bei uns einfach schleppend.