
Zum Ende des Jahres weigere ich mich, meine Zuversicht aufzugeben.
Die Ukraine hat in den letzten vier Jahren unter grossen Opfern Tag für Tag gezeigt, dass hier – auch im historischen Massstab – etwas Aussergewöhnliches geschieht: Eine vergleichsweise kleine Nation trotzt mit allem, was sie hat, einem Aggressor, der nach Regeln spielt, die wir für überwunden hielten.
Wir sollten deshalb bei all unseren Beurteilungen zum Ukraine-Krieg folgenden Grundsatz als Dreh- und Angelpunkt nehmen:
Die Ukraine kämpft um ihr Überleben.
Alle anderen haben Optionen.
Überlebenskampf erzeugt die höchste Widerstandskraft.
In der Ukraine kämpft nicht ein Regime ums Überleben. Es geht auch nicht um Territorien allein. Es geht um das Überleben der Ukraine als politisch handlungsfähige Nation.
Die Geschichte lehrt: Widerstandsfähiger sind fast immer jene Akteure, die nicht mehr ausweichen können, deren Motivation nicht austauschbar ist, deren Niederlage keine zweite Runde erlaubt.
So gesehen ist Putin in der schwächeren Position.
Er kämpft nicht um Russland, auch nicht um eine historische Mission, sondern einzig um das Überleben seines Systems.
Die grösste Bedrohung für ihn liegt darin, dass – anders als er selbst – seine Entourage aus gekauften Loyalisten über Exit-Optionen verfügt.
Angesichts der Lage am Ölmarkt, der Zerstörung von Industrieanlagen und Energieinfrastruktur durch ukrainische Drohnen, der hohen Inflation, der Steuerlast und des Mangels an Arbeitskräften hat er keinen Anlass zur Zuversicht.
Auch wenn das immer wieder behauptet wird – selbst Kushner und Witkoff können ihn nicht retten.
Trump hingegen hat ein Narrativproblem. Er braucht einen schnellen, sichtbaren Erfolg: ohne bindende Garantien, ohne Kosten, ohne Verantwortung für das, was danach geschieht.
Die Ukraine ist dafür – anders als etwa Gaza – ein ziemlich ungeeignetes Projekt.
Für Trump und sein Umfeld bedeutet jedes tiefere Engagement das Risiko einer Verstrickung in einen Konflikt, aus dem die USA auf absehbare Zeit nicht mehr herausfinden.
Die Europäer haben sich mit 90 Milliarden zur Finanzierung der Ukraine zwei Jahre Planbarkeit erkauft. Und Planbarkeit ist im Krieg eine Waffe.
Der Effekt ist entscheidend: Selenskyj verfügt – im Gegensatz zu Putin – über einen geregelten Haushalt.
Auf den Punkt gebracht: Europa kauft Zeit und Ordnung, Russland verbraucht Zeit und Substanz.
Diese grundsätzlichen Feststellungen lassen sich durch die Dynamik der ukrainischen Waffenproduktion ergänzen. In der Geschichte gab es kaum je eine Nation im Krieg mit einer derartigen Adaptionsgeschwindigkeit unter Dauerbeschuss.
Die Ukraine folgt keinem klassischen militärisch-industriellen Modell, sondern einer Start-up-Logik: dezentral organisiert, lernfähig, mit extrem kurzen Adaptionszyklen unter Dauerbeschuss.
Die Zeit arbeitet auf dem Schlachtfeld für die Ukraine.
Roboter ersetzen Soldaten. Wo russische Durchbrüche gelingen, wird mit beweglichen Einsatzkräften reagiert. Die Befestigungen entlang der Front sind nicht für einen Stellungskrieg à la Erster Weltkrieg gebaut, sondern als gestaffelte Rückzugspositionen.
Das ist eine Ökonomie des Lebens – im Gegensatz zum russischen Verschleisskrieg. Zeit arbeitet für jene Seite, die Verluste reduziert, nicht für jene, die Gelände hält.
Man könnte sagen: Hier ist eine militärische Logik am Werk, wie man sie zuletzt bei den römischen Grenzsystemen kannte. Der Limes war keine Mauer, sondern ein Verzögerungs- und Frühwarnsystem. Er diente dazu, Zeit zu gewinnen, nicht Raum zu halten.
Genau das tut die Ukraine.