
Wer glaubt, die USA verhandelten mit europäischen Staaten auf Augenhöhe, sollte dieser Tage nach London blicken. Die Trump-Administration hat den am 25. September abgeschlossenen Technologie-Deal mit Grossbritannien über Nacht auf Eis gelegt – trotz „Special Relationship“, trotz Staatsbesuch, trotz königlicher Ehren.
Die Begründung ist ernüchternd: Europa lässt sich nicht aushebeln.
Dabei ging es bei der Vereinbarung nicht um Chlorhühner oder Cybertrucks, sondern um Künstliche Intelligenz (KI), Quantencomputing und zivile Kernenergie. Rund 40 Milliarden Dollar schwer, sollte der Deal den wirtschaftlich angeschlagenen Briten endlich jene Hoffnung erfüllen, die mit dem Brexit geweckt worden war.
Keir Starmer sprach von “a generational step change in our relationship with the US.”
Das Problem, das die Briten nun erkennen müssen, ist grundsätzlicher Natur: Man kann nicht in zwei Regulierungswelten gleichzeitig leben.
Seit dem Brexit verfolgt Grossbritannien offiziell eine „pro-innovation, light-touch regulation“ im Technologiesektor – innovationsfreundlich, industriegetrieben, wenig Staat, geringe Vorab-Regulierung.
Damit folgt London bewusst dem amerikanischen Regulierungsmodell.
Die EU hingegen setzt auf präventive, risikobasierte Regulierung: AI Act, Digital Markets Act, Digital Services Act.
Spätestens hier werden einige Leser sagen: Seht her – die Briten wollen genau das, was wir auch wollen. Doch das bürokratische Brüssel verhindert es!
Dieser Argumentation lässt sich nur schwer widersprechen. Solange man die Realität ausblendet.
Denn sobald ein US-Deal substanziell wird, kollidiert er mit EU-Regeln.
Von den Briten zu lernen, heisst für die Schweiz, eine bittere Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen: Selbst das Vereinigte Königreich ist für einen echten US-Tech-Pakt regulatorisch nicht souverän genug – weil es politisch zu abhängig vom EU-Markt ist.
Doch genau das wagt man weder auf der Insel noch in der Schweiz offen auszusprechen.
Fakt ist: Die Schweiz ist längst Teil des europäischen Wirtschafts- und Rechtsraums. Entscheidend ist, ob sie diesen Zustand anerkennt – oder ihn weiter verdrängt.
Deshalb muss man die Erzählung von Gantner et al. – Bilaterale III gleich Unterwerfung unter Brüssel, USA gleich Freiheit, Dynamik, Innovation – an der neuen Machtlogik messen.
Diese lautet: EU gleich langsame, berechenbare Integration; USA gleich schnelle, einseitige Disziplinierung.
Angesichts des launischen „Alkoholikers“ (Vanity Fair) im Weissen Haus wird klar: Souverän ist, wer weiss, welche Regeln morgen noch gelten.
Oder anders gesagt: Unterwerfung ist nicht, Regeln zu akzeptieren. Unterwerfung ist, von den täglich wechselnden Launen eines US-Präsidenten abzuhängen.