
Sehr geehrter Herr Regierungsrat,
Lieber Markus
Lass auch mich dir zur Wahl gratulieren – verbunden mit der Hoffnung, du mögest dereinst als ein aussergewöhnlicher Bildungsdirektor aus dem Amt scheiden.
Dieser Satz hat keinen Unterton. Er ist ehrlich gemeint.
Entgegen der landläufigen Meinung übernimmst du im Januar die wichtigste Direktion im Kanton Basel-Landschaft. Du trittst das Amt an in einer Zeit, in der die Schule ihre alte Ordnung verliert – und noch keine neue gefunden hat.
Ich hoffe, du wirst das erkennen und das Departement nicht bloss als Zwischenstation betrachten. Denn nein: Es sind nicht Finanzen oder Bau, an denen die Zukunft des Landkantons hängt. Es ist die Bildung. Und zwar nicht im Sinn der abgegriffenen Metapher vom „einzigen Rohstoff“, sondern als Fundament der gesellschaftlichen Kohärenz.
Ich schreibe dir das, weil ein Sturm aufzieht, der die Bildungslandschaft, wie wir sie bis zu deinem Amtsantritt kannten, grundlegend verändern wird.
Dieser Sturm hat einen Namen: KI.
Die Diskussion ums Frühfranzösisch stammt aus einer Zeit, in der die bildungspolitische Welt noch heil war. Die Frage ist nicht mehr Frühfranzösisch, sondern Früh-KI.
KI verändert nicht einzelne Fächer, sondern die gesamte Grundarchitektur der Bildung.
Man muss sich das vor Augen halten: Vor gerade mal 36 Monaten ging ChatGPT online – und hat seither eine Schneise in die Berufswelt geschlagen, die vor allem in den bildungsnahen Milieus zu einer bislang unbekannten Verunsicherung führt. Eltern fragen sich, welchen Bildungsweg ihre Söhne und Töchter einschlagen sollen, wenn die Regeln der Arbeitswelt neu geschrieben werden.
Zum ersten Mal erleben sie, dass die Matura nicht mehr automatisch Zukunft garantiert.
Die alte Formel – Gymnasium = Eintritt in die akademische Welt; akademische Welt = stabile Mittelschicht; Bildung = Zukunftsgarantie – erodiert.
Eltern beginnen angesichts ihrer eigenen Arbeitserfahrung mit KI den Wert, ja den Sinn einer Matura und eines Studiums grundsätzlich zu hinterfragen. Sie fürchten weniger den sozialen Abstieg ihrer Kinder als vielmehr den Verlust einer identitätsstiftenden Gewissheit.
Warum also nicht gleich ein Handwerk – wenn der klassische Bildungsweg vor allem Ungewissheit verspricht?
Der Kern der aufkommenden Debatte: Es geht nicht um Einkommen. Es geht um Identität.
Weil Eltern intuitiv spüren, dass die Welt ihrer Kinder nicht mehr mit den alten Bildungsroutinen abgebildet wird.
Welche gesellschaftlichen Konsequenzen sich daraus ergeben, kann man erahnen.
Ein Schulsystem, dessen Bildungsangebot und Bildungsziele von den Eltern grundsätzlich infrage gestellt werden – und zwar jetzt und jeden Tag –, befindet sich bereits in einer existenziellen Krise. Die Sorgen der Eltern sind keine Hysterie, sondern Ausdruck einer realen Status- und Zukunftsverunsicherung.
Was also ist zu tun?
Zunächst: Es bleibt keine Zeit, die Ergebnisse des von Monica Gschwind angestossenen Projekts „2040plus“, das nächsten Sommer vorliegen soll, abzuwarten – um dann eine monatelange Diskussion darüber zu führen, was man denn tun könne, um schliesslich zum üblichen Ergebnis zu gelangen, man müsse sich zuerst mit den 25 anderen Bildungsdirektionen absprechen.
Denn was bedeutet das erfahrungsgemäss?
Ein paar Anpassungen bei Prüfungsmodalitäten – und der Versuch, KI auf der Sekundarstufe unter dem Label „Wie schreibe ich einen Prompt?“ in den Unterricht einzubauen.
Also handeln nach der Baselbieter Politformel: „Mir wei luege.“
Markus, vergiss es.
Der Druck auf dich wird von allen Seiten kommen und dich zum Handeln zwingen – zumal auch die kantonale Verwaltung mittendrin im KI-Wandlungsprozess steht.
Was gilt es zu tun?
Ich umreisse lediglich den Rahmen:
- KI muss nicht als Gefahr betrachtet, sondern als Grundkompetenz verankert werden – analog zur Alphabetisierung.
- Schüler sollen nicht mehr auf Abschlüsse vorbereitet werden, sondern auf Anpassungsfähigkeit.
- Die Schule muss die Realwelt des 21. Jahrhunderts abbilden, nicht die Prüfungslogik des 20. Jahrhunderts.
- Der Kanton braucht eine Bildungsarchitektur, die nicht mehr für lineare Karrieren gebaut ist.
- Das Gymnasium muss von der Selektionsmaschine zur Kompetenzdrehscheibe werden.
- Die Lehre braucht nicht mehr Imagekampagnen – sie braucht technologische Modernisierung.
- Die Lehrerbildung muss die Transformation anführen, nicht ihr hinterherlaufen.
Und zur Universität Basel:
Die Frage darf nicht länger lauten, wer wie viel bezahlt. Die Diskussion bis zum neuen Vertrag 2030 muss sich einzig um die Bildungszukunft drehen.
- Universitäten müssen sich von der Illusion verabschieden, Wissensspeicher zu sein. Wissen ist skalierbar geworden – Problemlösung nicht.
- Kein Studium kann heute ohne verbindliche KI-Grundlagen auskommen – egal ob Jus, Medizin, Architektur oder Geisteswissenschaften. Die Gymnasien müssen die Grundlagen dafür liefern.
- Universitäten müssen den Mut haben (und damit auch die Politik), überakademisierte Fächer zu reduzieren und profillose Studiengänge zusammenzuführen. Oder aufzugeben.
- Die Universität muss endlich lernen, dass Beschäftigungsfähigkeit kein Schimpfwort ist.
- Die Grenzen zwischen Universität, Fachhochschule und Berufsbildung sind historisch – nicht funktional. Also weg damit.
- Und zu guter Letzt: Die Universität muss weg vom Publikationsfetisch und hin zu gesellschaftlicher Relevanz.
Lieber Markus
Die Kinder, für die du nun Verantwortung tragen wirst, werden in einer Welt leben, deren Zukunftsaussichten sich unserer heutigen Vorstellung entziehen.
Deine Aufgabe ist es, für diese ungewisse Zukunft politische Antworten zu finden – mutig, entschlossen und ohne Rückgriff auf die Gewissheiten von gestern.
KI ist nicht Episode, sondern Epochenwechsel.
Rampass meint
Bevor man einen Prompt reinklopfen kann, muss man lesen, schreiben und verstehen können. Dass Rechnen auch noch dazu kommt, geschenkt. Prompt-Engineer heisst der neueste Beruf. Betonung auf Engineer. Solange 20% Analphabeten die Schule verlassen, dürfte klar sein, wo der Hebel angesetzt werden muss.
M.M. meint
Genau so ist es.
Hans Rudolf Rohr meint
Es steht ja jedem Arlesheimer frei, sich für einen der beiden Sitze zur Verfügung zu stellen, so dass man es nicht nur immer besser weiss und alles kritisiert, sondern dann effektiv auch besser macht.
Dass eine Parteizugehörigkeit nicht nötig ist, wurde schon bewiesen. Somit freuen wir uns auf die Kandidaten Keller, Flury, Roggenbass und Co., die dann zukünftig allen zeigen werden, wie es richtig geht. Und nicht nur warme Luft produzieren.
Wer Präsident wird, wird sich zeigen. Keine der Parteien wird sich hier aber kampflos ergeben. Und alleine das stimmt mich positiv, denn es bekommt nicht der das Amt, der am schnellsten und lautesten Schreit.
M.M. meint
Sorry, aber diese alte Leier haben wir hier nun wirklich hinter uns.
Niemand muss Gemeinderat werden, um sich in die politische Diskussion einlassen zu dürfen.
Ihre Haltung ist Ausdruck von jener Arroganz der politischen Bubbel, die allen ernstes meint, Amtsträgern gehöre die Deutungshoheit über die Politik.
Rohr – setzen!
R'bass meint
KI zerlegt ratzfatz Herrn Rohrs ortstypisch-freisinniglich anmutende, blasierte Argumentation wie folgt: Der Schreibende weist Kritik zurück, indem er den Kritikern fehlendes eigenes Handeln vorwirft (Tu quoque), ihre fehlende Amtsposition gegen sie verwendet (ad hominem circumstantial) und zugleich behauptet, nur Amtsträger dürften Amtsträger kritisieren (Gatekeeping). Kurz: ein Rohrkrepierer. Oder, blasierter: emotionales Reframing.
Daniel Flury meint
Bei all Ihren Visionen fehlt mir eine: Was kommt nachher?
Die eine Hälfte der Menschheit arbeitet für KI, und die andere Hälfte der Menschheit arbeitet für die Energieversorgung der KI?
Und wer macht den Rest?
P. Keller meint
Und schon steht der Vetter auf der Schwelle – der da-capo-Gemeinderat – und will Präsident werden. Das geht aber wie erwartet flugs in der neoroten Hochburg Arlese. Wobei, der Unterschied wird kaum wahrnehmbar sein.
Roggenbass meint
Das war’s wohl für den Freisinn. Vetter (SP) lieb und beweglich wie sein Vorgänger, Vetter (Frischluft) mit zu kurzer Zündschnur, Berchten (grün) farblos wie schon der…nein, lassen wir das von nun an. Stückelberger wird eine weitere, diesmal heftige Niederlage in seinem politischen CV kaum riskieren wollen, und zur Frau T. fällt mir nichts ein.
Ueli meint
Die Diagnose betreffend System „Schule“ ist okay. Sie dürfte aber auch mit KI nicht zu retten sein. Schule ist grundsätzlich einer der Bereiche, wo das Alte – auch wenn es mit Reformen immer wieder probiert wird – nicht mehr geht, und wo das Neue – weil und wenn eine Mehrheit nichts davon wissen will – noch nicht steht.
unterbaselbieter meint
Zum Thema KI und Schule sei für einmal der Wochenkommentar von Matthias Zehnder erwähnt. Ich weise zum Thema darauf hin…
matthiaszehnder.ch
Auch er ist KI-Versessen. Ein Kommentarschreiber (Pädagogik-Experte und Allschwiler Poltitiker) sieht das anders. Auch ich pflichte ihm in den Kommentaren bei.
Denn diese Formeln mit KI gehen nicht auf. Man kann es drehen und wenden.
Bleiben wir bei der Grundbildung beim Bewährten und der Basis. Denn ohne Sockel (Wissen) kann man keine Haus (Leben) bauen….
Keller P. meint
Darf ich noch was hinzufügen?
Tun Sie dieses Mal – anders als in Arlesheim – in erster Linie Ihr eigenes Ding. Sie sind redlich, fleissig und ambitioniert. Jetzt dürfen, ja müssen Mut und Eigenständigkeit dazukommen. Klartext: Duftnote. Cleverness. Weitblick.
Sagen Sie ruhig auch mal: Ich weiss es (noch) nicht. Und verzichten Sie bitte weitgehend auf Berater. Und Kulturzirkus, Eierleset und Tannenbaumweitwurf. Sowie Goldwurstfotos.
Nun gilt: Fertig lieb und lustig.
Anonymus meint
Das ist ja auch so eine – von vielen unterschätzte – Schwierigkeit dieses Amtes. Was meinen Sie, wie viele Leute Markus Eigenmann jetzt sagen, was er gefälligst zu tun oder zu lassen hat?
M.M. meint
Das ist kein origineller Gedanke. Setzen.
Thomas Zellmeyer meint
Im politischen Klein-Klein einer nicht sehr bedeutungsvollen Regierungsratswahl mag Ihre Antwort stimmen – auch wenn ich Sie, ehrlich gesagt, noch nie so kleingeistig und schulmeisterlich erfahren habe.
Aber wie auch immer: Wie originell sind denn Ihre Gedanken? Beim Lesen Ihrer begeisterten KI-Glorifizierungen denke ich immer das gleiche: Verwechseln Sie nicht das empirisch-evidente mit dem normativ-wünschbaren?
Sie haben natürlich recht: KI wird unsere Arbeitswelt, unsere Mobilität, unser Bildungswesen, unsere Wissenschaft, unser Denken massgeblich verändern. Das ist trivial. Das wissen wir alle. Fraglich bleibt aber, ob das auch in allen Konsequenzen wünschbar ist.
Es braucht weder Phantasie noch Intelligenz, um zu wissen, dass KI unsere Welt verändern wird. KI ist Fortschritt. Aber ist «Fortschritt» per se wirklich gut? Weichen Sie in Ihrer Technikbegeisterung nicht der eigentlichen qualitativen Frage aus?
Es ist das gleiche Problem, das wir seit dem Denken der Aufklärung haben. Fortschritt ist gut, weil Fortschritt – leider ist das tautologisch. Ist es denn nicht denkbar, dass eine Entwicklung auch in die Irre geht? Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?
Ich weiss schon jetzt, was eine denkbare Antwort von Ihnen sein könnte: «Es ist halt einfach so, wir können uns dem Fortschritt nicht entgegenstellen!» Ja, warum eigentlich nicht? Ist «Fortschritt» eine wertneutrale Grösse? Sind alle nicht KI- Begeisterten technologiefeindliche Bünzlis? Wäre nicht gerade bei KI etwa auch die Frage von «Macht» noch ein interessanter Aspekt, den man mal kritischer anschauen müsste?
Naja, nun werden Sie halt wieder sagen: «Kein origineller Gedanken, setzen!» Ist mir aber für einmal ziemlich egal.
M.M. meint
Ich nehme die Fragen ernst. Mir geht es nicht um Technikbegeisterung, sondern um eine nüchterne Analyse dessen, was sich bereits verändert.
Ob diese Entwicklung wünschbar ist, ist eine andere Frage – aber sie lässt sich nicht durch Skepsis oder Abwarten aufhalten. Genau deshalb müssen wir sie offen diskutieren, inklusive der Machtfragen, die Sie ansprechen. Da bin ich völlig bei Ihnen.
Thomas Zellmeyer meint
Vielen Dank für Ihre klare und sachliche Antwort. Für den etwas gehässigen Unterton meines Kommentars entschuldige ich mich. Die aufgeworfenen Fragen sind mir aber tatsächlich wichtig.
Anonymus meint
Sie allein entscheiden also, was ein origineller Gedanke ist und was nicht? Echt jetzt? Es wäre eigentlich noch ein cooler Blog, wenn Sie nicht jeden abkanzeln würden, der etwas postet, das ich Ihnen nicht passt. Schade!
M.M. meint
Ja, und: mein Blog, meine Regeln.