
Kommen wir zurück zu unserem gestrigen Thema und weg von meinem persönlichen Medienverhalten, in dem – wie übrigens auch bei der nächsten Generation in meinem Umfeld – SRF keine Rolle mehr spielt.
Kommen wir zum Kern der Diskussion: Während die gesamte Medienbranche mit dem rasanten technischen Wandel und dem veränderten Medienverhalten ringt, tut das Schweizer Radio und Fernsehen so, als sei es nur am Rande betroffen.
Man pflegt den Eindruck eines behäbigen Ausnahmezustands: stabil finanziert, institutionell abgefedert, publizistisch unangreifbar.
Mit der Mission, den Zusammenhalt im Land zu garantieren.
Fakt ist: SRF betreibt in allen vier Sprachregionen Studios, die sich gelegentlich gegenseitig Reportagen zuliefern – und einmal jährlich eine gemeinsame Sendung mit Moderatoren aus allen Sprachregionen. Es ist jedes Mal mühsam mitzuverfolgen: Simultanübersetzungen mit Schauspielersprechern, künstliche Dialoge, nichts Natürliches.
Doch mit dem Zusammenhalt gelingt es Frau Wille auf ihrer Goodwill-Tour durch die Schweiz und in Interviews, die grösste Schwäche der SRF-Argumentation vollständig auszublenden: den technischen Fortschritt – und Sie ahnen es: KI.
Klären wir zunächst, weshalb bei SRF zumindest öffentlich die KI-Revolution in der Debatte um die Gebührengelder kein Thema ist.
Zum einen die Systemlogik: Der Sender lebt von einer politisch legitimierten Abgabe. Wenn man einräumt, dass Signifikantes automatisierbar ist, öffnet man die Büchse der Relevanzfrage.
Die Personalfrage: Die SRG ist eine grosse Arbeitgeberin. KI als Produktivitätsbeschleuniger ist in diesem Ökosystem ein politisch unappetitlicher Gedanke. 900 Stellen von 7’130 will die SRG streichen – bis 2029! Unter grossem Wehklagen!
Und schliesslich die Angst vor dieser Diskussion: Wer das KI-Thema ernst nimmt, muss den Programmauftrag, die Produktionslogik und die publizistische Rolle neu definieren.
Im Moment ist die BBC der einzige öffentlich-rechtliche Sender in Europa, der eine explizite KI-Strategie hat. Die haben übrigens dieselbe Gebührendiskussion wie wir.
Konkrete Massnahmen: Generative KI in der Produktion – automatisierte Skriptentwürfe für Sport, Wetter, News-Updates. KI-gestützte Versionierung: dieselbe Sendung in verschiedenen Längen (15/30/45 Sekunden). Automatisierte Untertitel, Übersetzungen.
Den radikalsten Schritt macht die BBC mit ihrem iPlayer (Mediathek): Die BBC will weg vom Massenpublikum hin zu individualisierten Streams. Jeder Zuschauer bekommt künftig eine andere Mischung aus News, Kultur, Sport, Dokus.
Ich könnte jetzt noch als Beispiel WELT TV nennen, deren Sendung „KI-Welt“ vollautomatisch produziert und moderiert wird – Skript, Bilder, Moderation. SRF sollte dieses Experiment genau beobachten, denn hier bahnt sich eine echte private Konkurrenz an.
Die eigentliche Krise von SRF ist also nicht die Halbierungsinitiative, sondern die Tatsache, dass der Sender so tut, als gäbe es die KI-Revolution im Rundfunk gar nicht.
Während BBC, Yle – der finnische Sender, der das Zusammenhaltargument technisch realisiert – und die ARD, die Service Public bereits digital, modular und nutzerzentriert denkt, längst an der postlinearen Medienarchitektur arbeiten, verwaltet die SRG ein Modell, das technologisch auf Abruf steht.
Kommen wir schliesslich zu den immensen Kosten der Viersprachigkeit, weshalb die hohen Gebühren gemäss SRG auf keinen Fall über das hinaus, was der Bundesrat zugestanden hat, gekürzt werden können.
Und sind damit bei dem Bereich, wo man dank KI effizient wird.
Derzeit betreibt SRF vier Sprachsilos, aus denen hin und wieder Nachrichten und Reportagen in den anderen zur Verfügung gestellt werden. Die werden dann übersetzt und der Text von einer Person gesprochen.
Schauen wir deshalb in die nächste Zukunft der wichtigsten Nachrichtensendung – nach der Annahme der 200-Franken-Initiative, die zu radialem Umdenken zwingt, die Tagesschau.
Die wichtigste Nachrichtensendung der Schweiz könnte schon heute aus einem einzigen Studio produziert und simultan in vier Sprachen ausgespielt werden.
Dank KI – in Echtzeit: automatische Übersetzung auf Französisch, Italienisch und Retoromanisch (alle Versionen), stimmlich angepasste Moderation via Voice-Cloning (der Origninalsprecher), Grafiken und Inserts in jeder Sprache korrekt gesetzt; regionale Beiträge werden einmal produziert, vierfach ins Lokale übersetzt.
Kurz: Wir haben eine Produktion mit vier vollständig gleichwertigen Sprachversionen. Vollautomatisiert. Das ist keine ferne Utopie, sondern das ist der aktuelle Stand der Entwicklung.
So etwas darf in der Schweiz nicht einmal ansatzweise gedacht werden, ich weiss. Denn damit würde das zentrale Legitimationsargument der SRG fallen: die Viersprachigkeit als Identität – und als Kostenfaktor, den Private nicht tragen wollen.
Doch Viersprachigkeit ist eine Frage von Software, nicht von Personal. SRF entzieht sich dieser Diskussion, weil sie das eigene Modell bedroht.
Ja, natürlich: Der Personalabbau bei der SRG wäre weitaus grösser als die prognostizierten 900 Stellen. Allein – es führt kein Weg an dieser Entwicklung vorbei.
PS: Das grösste Einsparpotenzial liegt bei den Radiosendern. Weshalb, sollte inzwischen klar sein.
unterbaselbieter meint
Beim Radio sparen?
Aber ich muss doch wissen, wie das Wetter wird. Ich warte eine Stunde, höre mir noch längeres Sponsoring von Fliegengitterfirmen an, und dann liest mir jemand das Wetter vor.
Auch wenn ich Auto fahre mache ich vor Zürich eine Rast und warte, bis nach Modern Talking und Cliff Richard Musik mir jemand die Verkerhsmeldungen abliest. Ist kein Stau auf meinem Abschnitt, d.h. wurde mir keine Meldung vorgelesen, starte ich den Motor und fahre weiter.
Im guten Gewissen das mich Radio SRF1 gut beraten hat und mich weiter begleitet.
Deshalb freue ich mich auch immer unendlich darauf, meine SRF-SRG-Medien-Zwangs-Gebühren zu bezahlen, die höchsten europaweit, doch für meine hochpreisigen SRG-Experten aller Gattung ist mir nichts teuer genug.
Auch wenn Unwetter droht: Höre Radio! Ab an den Rundfunkempfänger, bevor Blitz und Hagel droht. So war es immer, so wird es doch immer sein. Oder gibt es inzwischen schon was anderes?…..
Majestix Gallier meint
Ich bin bald Ende 50 – und schaue nur noch punktuell lineares TV. Ich streame alles (auch Doks, kulturelle Angebote etc), alle 2 Wochen vielleicht einmal 10 vor 10, wo mir erzählt wird, was ich am Nachmittag schon online gelesen habe.
Meine Kinder streamen zu 100%. Kultur, News etc holen sie aus dem Netz. Der Fernseher wird nicht gebraucht, denn der Konsum ist mobil.
Der Fernseher ist bei den Jungen so überflüssig wie eine Schreibmaschine. Radio kenne sie auch nicht. Das Radio von heute heisst Spotify.
Warum weiterhin Formate produzieren, die schon sehr bald kein Publikum mehr haben werden? Die Inhalte müssen definitiv überdacht werden, damit ein Beitrag sich im linearen TV überhaupt lohnt.
Würde sich SRF ab morgen nur noch auf digitale Inhalte beschränken, wäre mir das relativ egal. Und nur in den Kernkompetenzen – für Trash TV gibt es genug Alternativen. Alles andere übernehmen Nischenanbieter.
Und nur soviel: es betrifft nicht nur SRF. Die anderen gefühlt 100 andere Kanäle sind erst recht nicht zu gebrauchen.
Eine halbe Schreibmaschine ist immer noch eine Schreibmaschine, aber immer noch out of time.
Und bald wird die Mehrheit der Leute wohl nicht mehr bereit sein, einen Sender zu finanzieren, den sie rein gar nicht konsumieren. Auch nicht für 200.00 CHF.
Hätten die Schreibmaschinenproduzenten frühzeitig realisiert, dass ihr Produkt tot ist und man sich weiterentwickelt sollte, würde es die Firmen vielleicht heute noch geben.
Dominic Miller meint
Ein interessanter Input, vielen Dank. Selbstverständlich könnte die Tagesschau simultan übersetzt und so in allen Landessprachen ausgestrahlt werden. Aus meiner Sicht wird dies aber kaum umsetzbar sein, weil die Schweiz nicht nur Sprachregionen, sondern auch Kulturregionen hat. Und somit hat jede Sprachregion auch ihre eigenen Themen, die in den jeweiligen Tagesschauen wichtig sind. Ebenso gibt es pro Sprachregion regionale Expert:innen. Eine deutschschweizer Tagesschau, die einfach auf französisch auch für die Westschweiz produziert wird, wird deshalb aus meiner Warte in der Westschweiz nicht funktionieren. Und vize versa.
M.M. meint
Das ist nicht die Meinung, die BBC hat nationale Hauptnachrichten und danach gehts zu den Regionalsendern.
Aber das ist ja nicht mein Problem.
Schweiz aktuell beispielsweise – auf Deutsch – hat dasselbe Regionalproblem. Selbst die BaZ mit BS- und BL-Geschichten.
Selbst wenn die Halbierung abgelehnt wird, wovon ich derzeit ausgehe, wird SRF aus Kosten- und Zuschauergründen zu einschneidende Massnahmen ergreifen müssen.
Walter Basler meint
Schauen Sie sich mal die Nachrichten auf RTS an. Auch das Nationale bringen die anders als ihr Deutschschweizer Pendant. Das ist nicht einfach eine andere Sprache, sondern ein anderer Umgang miteinander.
Nur ein Beispiel für die kulturellen Unterschiede: In der Deutschschweiz radebrechen die meisten Politiker für die Medien mehr schlecht als recht auf Hochdeutsch, weil sie das eben meistens müssen. In der Westschweiz labern sie einfach in ihrer Alltagssprache drauflos (gilt übrigens auch für die Journalisten). Das schafft eine ganz andere Art der Kommunikation, etwa bei Interviews.
Diese Unterschiede in einer anderen Sprache rüberzubringen, schafft keine Übersetzung, egal ob KI-generiert oder nicht.
Was jetzt nicht ein Pladoyer dafür sein soll, dass die SRG keine KI einsetzen soll, um Produktion und Abläufe zu rationalisieren. Aber das wird Grenzen haben, zumindest man keinen öden Einheitsbrei will.
M.M. meint
Habe mir mal eine Woche jeden Abend die welsche Tagesschau angeschaut. In der Tat sprachlich ein anderes Niveau, aber inhaltlich durchaus kompatibel mit 10vor10. Den Deutschweizern fehlt genau dieser Input. Silos aufbrechen. Wie auch immer.
Daniel Flury meint
Aber der KI-Test läuft doch schon länger und sehr erfolgreich: Florian Inhauser (Tagesschau Hauptausgabe).
Keller meint
Geht doch ;-))
Die Struktur ist derart überkomplex und bürokratisch, mit Hundertschaften an Matrix-Verantwortlichen, dass eine Reform von innen kaum möglich erscheint – geschweige denn Schritte von der Kühnheit, die Sie vorschlagen. Über Landfrauenformate zu streiten ist dabei müssig: Die einen mögen so etwas, die anderen nicht. Und selbst wenn dieser Kanal den Rechten und den Bünzlis heute als „zu links“ gilt – was zum Teil schlicht daraus entsteht, dass professioneller Journalismus qua Rolle eher kritisch ist und deshalb häufig als links wahrgenommen wird –, sind wir uns doch einig, dass eine Demokratie einen wirklich unabhängigen Kanal braucht, oder? Damit rede ich nicht dem Jöjö-Zeugs und dem penetranten Genderismus der heute Verantwortlichen das Wort.
Dass der Riesenladen eine Reform braucht, ist klar; und wo die Wille ist, ist heute tatsächlich auch so etwas wie ein Weg erkennbar (ob sich der einstige Arleser SRG-Regionalfürst hier bald zu Wort meldet und von den vielen, vielen gemütlichen Sitzungen berichtet?). Ich war mal nahe an einer Zustimmung zur Halbierung, doch zu diesem simpel gestrickten Klüngel im SVP-Gwändli kann und will ich mich einfach nicht gesellen. Never ever.