Finnlands Ministerpräsident Staatspräsident Alexander Stubb hat im renommierten US-Magazin „Foreign Affairs“ einen bemerkenswerten Beitrag veröffentlicht. Er sagt klar, was die Wachen und Interessierten unter uns seit Monaten ahnen: Die westliche Epoche geht in rasantem Tempo zu Ende.
Stubb diagnostiziert keine „Phase der Unordnung“, sondern den Strukturbruch einer 80-jährigen Machtarchitektur. Europa, militärisch abhängig von den USA, ist nicht mehr der Normensetzer, sondern eine Region unter vielen.
Das Zentrum der Welt hat sich verschoben – wir wollen es nur nicht wahrhaben.
Die normative Hoheit der westlichen Demokratien ist längst erodiert; das Erschreckende ist nicht der Verlust, sondern das verspätete Erwachen.
Ein Kontinent, der nicht einmal mehr in der Lage ist, die komplexesten Produkte des 21. Jahrhunderts – autonome Systeme, KI-Plattformen, Batteriespeicher, Elektroautos – eigenständig zu entwickeln, kann keine Ordnung mehr setzen.
Und mitten drin die Schweiz.
Sie diskutiert am liebsten mit sich selbst: ein bisschen mehr Geld für die Verteidigung – oder doch weniger; weniger für SRF – oder doch mehr; Bilaterale III – oder lieber die USA? Und selbstverständlich: Wie finanzieren wir die 13. AHV – über Lohnprozente oder Mehrwertsteuer?
Doch dieses endlose Geschnorre mit uns selbst können wir uns schlicht nicht mehr leisten.
Wenn wir uns darauf einigen könnten, dass die Weltordnung nicht im Wandel ist, sondern bereits gekippt, dass Europa zuschaut und die Schweiz schläft (noch), dann öffnen sich neue Perspektiven.
Ich sehe drei Achsen, die gezogen werden müssen:
1. Bilaterale III
Die EU ist für die Schweiz keine Liebesbeziehung, sondern Lebensinfrastruktur: Energie, Daten, Mobilität, Forschung, Gesundheit, Export. Deshalb sind die Bilateralen kein Pro- oder Anti-EU-Projekt, sondern das Versicherungsmodell eines Kleinstaats in einer brüchigen Welt.
Punkt.
2. USA – Dollarspeak statt Moralgeplänkel
Mit Amerika redet man nicht über „Werte“, sondern über Kapital, Technologie, Sicherheit, Innovation. Und wenn deren Präsident halt so tickt, schadet ein wenig Gold und eine teure Uhr den Beziehungen keineswegs.
Wir können darauf vertrauen, dass unser System so angelegt ist, dass es gar nicht so leicht ist, die Schweiz in amerikanische Rivalitätslogiken hineinzuziehen.
3. China – neue Basis
China ist nicht „Markt plus Menschenrechtsproblem“. China ist wieder Zivilisationsmacht. Das „Reich der Mitte“ (Wortsinn!) kehrt zurück – und die Welt bewegt sich darum herum.
Eine neue Basis bedeutet zunächst Verständnis und Respekt für die 5000-jährige chinesische Zivilisationslogik.
Von dort aus: Kooperation bei Technologien, Klima, Life Sciences – und harte rote Linien bei Recht, Souveränität und Einflussnahme.
Respektiert werden nicht die Duckmäuser, sondern die Selbstbewussten.
Derzeit aktualisieren die Schweiz und China das Freihandelsabkommen von 2014 – das erste, das China je mit einem europäischen Staat abgeschlossen hat. Die Schweiz war 1950 auch eines der ersten westlichen Länder, das die Volksrepublik anerkannt hat. Eine solide Basis.
Aus diesen drei Achsen ergibt sich die Überlebensformel des Kleinstaats Schweiz im 21. Jahrhundert:
- EU = Alltagssicherung
- USA = Systemstabilität
- China = Zukunftsfähigkeit
Alles andere ist Illusion. Wer das nicht versteht, diskutiert im Jahr 2025 über eine Welt, die es nicht mehr gibt.
Daniel Flury meint
«Wirtschaft ist Krieg mit anderen Mitteln».
Wer natürlich, wie bei uns, «Wirtschaft» immer nur als profitgesteuertes Vermitteln zwischen Kriegsparteien verstanden hat, der müsste jetzt umdenken (weil die Kriegsparteien sich ändern).
Aber wie soll das möglich sein bei Leuten, die prozessgesteuert ihren eigenen Reichtum (und nur ihren eigenen) bewahren wollen?
Ich nehme an, in dem man bei uns die Prozesse umschreibt. Aber bis dahin jeder einverstanden ist, da werden wir wohl eher wieder Armengenössige nach Amerika exportieren (natürlich nur Zerfifizierte).
Henry Berger meint
kleine Korrektur: Stubb ist der Staatspräsident Finnlands.
Ministerpräsident ist Petteri Orpo.