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Der andere Blick: Die 90 Milliarden – warum Friedrich Merz genau bekam, was er wollte

20. Dezember 2025 By Manfred Messmer

IMGDie gängige Erzählung kurz skizziert: Friedrich Merz forderte die Konfiszierung russischer Zentralbankvermögen, stiess auf Widerstand aus Belgien und Ungarn – Bart De Wever vorneweg, Viktor Orbán im Hintergrund – und musste am Ende zurückrudern. Deutschland geschlagen, Europa zerstritten, die Ukraine vertröstet.

Diese Erzählung ist falsch.

Sie verkennt nicht nur die Mechanik europäischer Entscheidungsprozesse, sondern auch die Strategie des Akteurs im Zentrum.

Friedrich Merz ging es nie primär um die russischen Gelder. Ihm ging es um etwas sehr Konkretes: verlässliche Finanzierung der Ukraine für die nächsten beiden Jahre – und zwar so, dass sie politisch durchsetzbar, rechtlich haltbar und institutionell tragfähig ist.

Wer glaubt, Merz habe ernsthaft auf eine sofortige Konfiszierung russischer Zentralbankvermögen gesetzt, unterschätzt seine Sozialisation.

Ein Politiker mit BlackRock-Hintergrund weiss, dass solche Vermögen im europäischen Rechtsraum hochtoxisch sind: juristisch angreifbar, systemisch riskant, politisch kaum mehr einzufangen. Genau deshalb taugen sie als Maximalforderung.

Das Prinzip ist simpel – und alt: Man fordert über das eigentliche Ziel hinaus, um Bewegung ins System zu bringen. Man setzt ein Marker ausserhalb der Komfortzone. Nicht, weil man ihn erreichen will, sondern weil ohne ihn gar nichts passiert. Man könnte das Finanzlogik nennen.

Oder, zugespitzt: Putin-Taktik.

Die Alternative: direkt zusätzliche EU-Haushaltsmittel für die Ukraine zu verlangen. Das Ergebnis wäre absehbar gewesen: Blockaden, Vetos, Vertagungen.

Am Ende drohte: kein Geld. Keine Planungssicherheit für Kyjiw.

Indem Merz die juristisch heikle Option ins Zentrum stellte, zwang er die EU, eine andere Lösung zu produzieren. Und genau hier fällt der entscheidende Satz – zitiert in der Süddeutschen Zeitung:

Das ist genau das, was ich haben wollte: Ich wollte vermeiden, dass die Europäische Union in die Schulden geht. Wir gehen jetzt nur in Vorleistung.

Was von den Medien anders gelesen wird: Das ist keine nachträgliche Schönfärberei, sondern die Offenlegung der Strategie.

Merz sagt damit klar:

Nicht Konfiszierung war das Ziel, sondern die Finanzierung der Ukraine.

Und diese Logik wird nicht nur von ihm vertreten, sondern vom System bestätigt. EU-Institutionen und Belgien halten fest: Man nimmt die russischen Gelder nicht, um sie direkt an die Ukraine zu überweisen, sondern zieht sie am Ende zur Rückzahlung heran.

Die Vermögen bleiben eingefroren – als Pfand, nicht als Beute.

Damit ist das Ergebnis dreifach abgesichert:

  • rechtlich sauber,
  • politisch durchsetzbar,
  • finanziell wirksam.

Was ist mit dem Belgier Bart De Wever und Viktor Orbán?

Sie haben Merz nicht „in die Knie gezwungen“. Sie haben – bewusst oder unbewusst – genau jene systemische Grenze sichtbar gemacht, an der der direkte Zugriff scheitern musste.

Ihre Blockade verhinderte zwar den direkten Zugriff – zwang das System aber zugleich, eine institutionell tragfähige Lösung zu finden.

Das Resultat: 90 Milliarden Euro, zeitlich abgesichert, ausserhalb der klassischen EU-Verschuldungslogik. Spätestens Anfang 2026 fliesst das erste Geld. Genau der Zeithorizont, um den es ging.

Merz hat nicht bekommen, was er forderte. Er hat erreicht, was nötig war.

Wer darin eine Niederlage sieht, liest Politik als Personendrama. Wer genauer hinschaut, erkennt europäische Macht im Modus der Umwege: keine grossen Gesten, keine moralische Pose – sondern strategische Präzision unter Rechtsstaatsvorbehalt.

 

Kategorie: eu-europa, internationale-politik Stichworte: EU, Merz, Ukraine

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

Leser-Interaktionen

Kommentare

  1. Rampass meint

    22. Dezember 2025 um 10:39

    Kann man so sehen wenn man die Assets von EU-Firmen in Russland weglässt. Gemäss Gemini sind das noch immer 100 – 150 Mia EUR. Somit hat auch „der Russe“ ein Pfand. Die „strategische Präzision“ von Merz wird somit relativiert: höchstwahrscheinlich bleibt die EU auf diesen 90 Mia EUR sitzen.

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