
Eine der derzeit interessantesten Figuren am Schweizer Polithimmel ist – so heisst es meist lapidar – „ein Milliardär“ aus Zug: Alfred Gantner.
Interessant ist Gantner nicht wegen seines Vermögens, sondern weil er in kein politisches Raster passt.
Er ist kein bodenständiger Unternehmertyp wie Blocher, dessen politisches Weltbild im Zweiten Weltkrieg verankert ist. Kein Manager wie David de Pury, der Mitte der 90er Jahre mit seinem «Weissbuch» die Schweizer Politik aufmischen wollte. Kein Karl Schweri, der mit seinen Denner-Initiativen das Polit-Establishment herausforderte.
Gantner ist etwas anderes: ein amerikanisch geprägter Machtunternehmer im schweizerischen Habitat – finanziell, kulturell, religiös, strategisch.
Die von ihm mitbegründete «Allianz Kompass Europa» ist – anders als Blochers AUNS/Pro Schweiz – das erste grosse politische Projekt, das nicht aus dem klassischen bürgerlichen, gewerkschaftlichen oder parteipolitischen Ökosystem stammt, sondern aus einem globalisierten Unternehmer- und Wohlstandsmilieu mit hoher Gruppenloyalität.
Diese Herkunft prägt Stil, Ton und Reichweite.
Dass Gantner aus der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage stammt, ist dabei kein Nebenaspekt. Diese Glaubensgemeinschaft zählt weltweit zu den am besten organisierten, ökonomisch stärksten und reputationssensibelsten – mit ausgeprägter Disziplin, straffer Binnenstruktur und globaler Infrastruktur.
Letzte Woche haben zwei Ereignisse die politische Gewichtung Gantners – und damit von Kompass Europa – radikal verschoben: erstens die neue Sicherheitsdoktrin der USA, die Europa nicht stärken, sondern fragmentieren will; zweitens seine Rolle bei den Zollverhandlungen, wo er – wie die SonntagsZeitung dokumentierte – an der Seite von Guy Parmelin direkt in die Gespräche mit US-Ministerien involviert war.
Ein Mann ohne Amt, ohne Auftrag und ohne Verschwiegenheitserklärung sitzt bei Verhandlungen zwischen Bundesrat und US-Regierung. Derselbe Mann finanziert im Inland die Anti-EU-Opposition.
Das ist kein Skandal. Es ist ein Systembruch.
Die NZZ beschreibt das geschlossene, wirtschaftlich durchdrungene Netzwerk, aus dem Gantner stammt. Die SonntagsZeitung zeigt, dass er inzwischen informell Teil der Schweizer Aussenpolitik ist.
Zusammen ergibt das ein Bild, das die Schweiz in dieser Form noch nie gesehen hat.
Damit keine Missverständnisse entstehen: Gantner ist nicht der Vertreter Amerikas in der Schweiz. Er ist ein Schweizer Akteur, der nach amerikanischer Machtlogik funktioniert.
Genau das macht seine Rolle neu – und politisch relevant.
Blocher war die letzte grosse Figur des alten Schweizer Machtmodells. Gantner ist die erste Figur des neuen. Er prägt die Schweizer Europadebatte – stärker als jede Partei.
Blocher war Politik. Gantner ist Macht.
PS: Das ist keine Verschwörungserzählung. Es ist die Beschreibung einer neuen strukturellen Konstellation im Schweizer Machtgefüge.
Marc Oliver Bürgi meint
Es ist relativ einfach.
Politikerinnen und -aussen ist es völlig egal, was sie vor den Wahlen erzählt haben. Siehe die gesamte Entourage in der EU. Nur mit den Linken eine Mehrheit zu haben und weitere 4 Jahre an der Macht zu bleiben. Nach dem Prinzip: Nach mir die Sintflut. Politikerinnen und -aussen ticken völlig anders. Siehe auch das Finanzdesaster im Kanton Basel-Land nach über einer Dekade Lauber. Wird weggelächelt. Somit war klar, dass das „Telefonat“ von Bundesrätin KKS (FDP) mit Trump nur eine Desaster werden konnte.
In der Wirtschaft funktioniert das nun mal nicht.
Wer gegenüber Kunden, Partnern und Mitarbeitenden vor einem Deal, Projekt, etc. etwas behauptet und nach der Unterzeichnung des Auftrages, des Partnervertrages wie auch eines Arbeitsvertrages das krasse Gegenteil macht, was er angekündigt bzw. versprochen hat, ist wirtschaftlich innert kürzester Zeit weg vom Fenster. Inklusive den dazugehörigen Klagen bis und mit vor Arbeitsgericht. Bis zur Insolvenz. Was es leider in der Politik so nicht gibt.
Politikerinnen und -aussen in der EU und der Schweiz verstehen es bis heute trotz dutzenden von Büchern, dutzenden von Filmen und dutzenden von Serien und damit einem öffentlichen Sammelsurium an Informationen über die Persönlichkeit und das wirtschaftliche Handeln von Donald J. Trump (inklusive den Erfahrungen aus seiner 1. Amtszeit) nicht, wie diese Person, ein Ami wie aus dem Bilderbuch, ist, spricht und handelt.
Aus diesem Grund bin ich mehr als froh, dass es in der Schweiz Wirtschaftsgranden gibt, welche sich auf die „Wellenlänge“ eines Trump begeben und retten, was es noch zu retten gibt. 15% ist schliesslich auch nicht schön. Doch Unternehmen wie Thermoplan werden es ihm danken. Und Guy Parmelin durfte sich aufgrund dieser Geschichte mit 203 Stimmen (Ein Rekord) zum Bundespräsidenten wählen lassen. Für 1 Jahr.
Parmelin und KKS und auch Trump werden bald wieder von der politischen Bühne verschwunden sein. Wirtschaftgrössen wie Gantner definitiv nicht. Und auch die Rolex und der Goldbarren wird im präsidialen Museum der USA bestand haben. tbc
Daniel Flury meint
Na also, mehr «Musk» in unserer Politik.
Noch mehr Autisten, die zwar ihre eigenen Chancen im Dagobertismus vergrössern, aber uns Kleinen immer mehr und noch grössere Bären aufbinden.
Ob die Gantner heissen (oder Thiel), scheissegal, Hauptsache der kleine Schweizer kuscht vor dem grossen Bären.
Wie anerzogen, so ausgeführt (war schon bei Blocher nicht anders).
unterbaselbieter meint
Lieber ein Gantner, lieber 15% US Zölle, lieber eine Rolex Uhr, ein Goldbarren.
(die Linken täubeln, das sei nicht lauter – dafür über 30% US Zölle, welche die CH-Wirtschaft hart träfen, und deren Angestellten – von denen sich – wieder ein Beweis – die Linken schon lange verabschiedeten).
Auch die EU-Turbo täubeln, sie hätte lieber die hohen US-Zölle gehabt, um das CH-Volk so besser und schneller in die EU-Unterwerfung zu treiben (Jans SP, „die Mitte“, Grünen – Kalkül usw…) – und hätten die CH-Wirtschaft geopfert….
Und das EDA – die 1001 Botschafter, Diplomaten – bezahlt von uns. Nichts haben sie erreicht.
Gantner finanzierte alles selbst. Die Reise, das Hotel, die Rolex. Das ist Eigenverantwortung, das ist Heimatliebe. Wahrer Patriotismus. Wurde glaubwürdig bei der Mehrheit des Volkes. Jetzt merkt man, wer mehr macht für uns alle – es sind nicht Politiker, die für jedes Extra-Reisli und Extra-Sitzungli spesengeil abrechnen.
Es sind tolle Macher denen es um die Sache geht (und nicht um die eigene Kasse).
Schauen wir zurück – wer hat sich (früher oder später) durchgesetzt. Jeder kann selbst grübeln….
Manfred Messmer meint
Ich veröffentliche diesen Leserkommentar als Beispiel dafür, wie Somm und Feusi – habe deren Podcast gestern auch gehört – ihren Mist durchsickern lassen können; der Kommentator zitiert die beiden praktisch wörtlich. Ohne Quellenangabe.
Ich sage nicht, der Kommentator oder die beiden seien einfältig oder gar dumm, keineswegs. Doch wenn man ihnen zuhört und das dann noch liest, dann sind die Argumente – siehe oben – doch ziemlich einfältig.
Marcus Denoth meint
Fast der spannenste Teil der ganzen Analyse. Somm und Feusi, die beiden Pseudo-FDPler, welche einfach noch nicht bemerkt haben, dass sie eigentlich SVP-Mitglieder sind. Einfältig ist das richtige Wort.
Keller meint
Ein Protestant, der zum nationalen Leader des Clubs der Letzten Tage aufsteigt, der u.a. bekannt ist für seine geistige Kontrolle über Mitglieder und seine mangelnde Transparenz in Finanzkanalisationen(beides milde formuliert), verhandelt mit einer Persönlichkeit wie Trump über das Wohl der Schweiz. DAS muss man sich erst mal vorstellen können.
A. Gnost meint
Das wäre in der Tat eine Recherche wert: der wundersame Aufstieg des reformierten Banklehrlings via Salt Lake City zum Milliardär mit Kitschanwesen am See. Aber „Recherche“ können die „Tschurnis“ heute nicht mal mehr buchstabieren.