Wir hatten es gestern von Trump, der Halluzination zum Kern seiner Politik gemacht hat.
Ein Leser stellte die daraus entstehende logische Frage, die schliesslich alle in Europa umtreibt: Wie soll man mit Trump umgehen – kopieren, ignorieren, anpassen, kuschen, kämpfen, trollen, verklagen?
Ich habe mich in den letzten Wochen intensiv mit der amerikanischen Politik befasst, nicht im Sinn der Realpolitik, sondern mit der Frage: Was läuft da eigentlich? Wie muss man das, was wir vermeintlich sehen, interpretieren?
Ich habe dazu dieses Bild eines Baums: Nicht die Umrisse, nicht der mächtige Stamm sind entscheidend. Ich betrachte den Zwischenraum der Blätter.
Deshalb meine vorläufige Antwort: Wir sollten aufhören, uns mit Trump auseinanderzusetzen, weil er – verglichen mit dem, was sich im Hintergrund zusammenbraut – ein Auslaufmodell ist.
DIE ZEIT hat eine bemerkenswerte Reportage veröffentlicht (Bezahlschranke), die einen Blick in diesen Abgrund hinter den Kulissen wirft.
Dreh- und Manipulationspunkt ist der Tech-Milliardär Peter Thiel, der mit einem – besonders für Europäer – skurril anmutenden religiösen Sendungsbewusstsein, das weit über das übliche christlich-fundamentale Spektrum amerikanischer Freikirchen hinausgeht, dabei ist, die politische Bühne umzubauen.
Die ZEIT legt offen, dass Thiel längst ein eigenes, tief in Washington verankertes Machtprojekt aufgebaut hat – ein techno-religiöses Netzwerk aus Vance, Regierungsapparat, Sicherheitsfirmen und kulturkonservativen Glaubenszirkeln –, das Trump lediglich taktisch nutzt, aber strukturell unabhängig von ihm funktioniert und die Post-Trump-Ära vorbereitet.
Wobei festzuhalten ist: Thiel ist nicht der Einzige, der einen anti-liberalen, post-demokratischen Politikentwurf verfolgt. Er ist lediglich der sichtbare Exponent eines bereits existierenden, aber noch nicht als solches erkannten Milieus.
Wir haben es mit einem Machtblock zu tun, der Ideologie, Technologie und politische Kaderbildung miteinander verzahnt.
Der erste Mann und wahrscheinlichste Nachfolger von Trump: J. D. Vance, der von Thiel entdeckte und ins Amt gepushte Vizepräsident. Um die Macht dieses Blocks zu festigen, spricht einiges für ein Szenario, in dem Trump noch in dieser Amtszeit zurückgetreten wird.
Das wäre die schlankste Machtübernahme, denn Amerika kennt keinen Ersatzwahlgang. Wer Vizepräsident ist, rückt nach. Genau diese Lücke im System macht das Thiel-Netzwerk so mächtig – es braucht keine Mehrheit, nur den richtigen Mann.
Die strategische Logik: Trump hat das System erschüttert, jetzt braucht es jemanden, der es neu ordnet. Der Thielismus braucht keinen Entertainer mehr, sondern einen Vollstrecker.
Bester Zeitpunkt für die Machtübernahme: kurz vor den Midterms – um grösstmögliche Verwirrung zu stiften, wenn nicht gar Chaos.
Und damit wären wir bei den Demokraten.
Sie sind trotz ihrer „fortschrittlichen“ Politikziele konservativ in ihrem Agieren, weil sie nach der Logik des Zweiparteienstaats handeln, während der Thiel-Komplex postdemokratisch agiert. Zwischen beiden existiert praktisch keine Überschneidung.
Trump könnte man als Ablenkung deuten – auch er führt politisch betrachtet bloss die alte amerikanische Rechtspopulismus-Tradition fort.
Wenn dieses Bild stimmt – und vieles spricht dafür –, dann diskutieren wir in Europa das falsche Problem.
Trump ist nicht die Herausforderung, sondern das Symptom einer tektonischen Verschiebung in der amerikanischen Machtarchitektur. Hinter ihm formiert sich ein neuer Block: technologisch durchdrungen, religiös aufgeladen, ideologisch kohärent und mit festen Ankern im Staatsapparat.
Für Europa bedeutet das: Der verlässliche Amerika-Partner ist verschwunden – und die tektonische Verschiebung im Machtgefüge ist tiefer, als Europa bisher wahrhaben wollte.
Wer also weiterhin auf Trump starrt, verpasst den Machttransfer, der bereits stattfindet. Die Frage ist daher nicht mehr, wie man mit Trump umgeht – sondern wie man mit einer Post-Trump-Ära umgeht, in der Rationalität, Liberalität und europäische Werte keine Rolle mehr spielen.
Herrmann Elig meint
Nicht dass ich von mir behaupten könnte, der profundeste Kenner der Materie zu sein. Aber man kann meines Erachtens die USA nicht verstehen, wenn man die Sklaverei ausblendet. Es gibt keine Krankenkasse, in die alle einzahlen, weil man mit DENEN DA nichts zu tun haben will. Und SIE kein Wahlrecht haben sollten. Die weisse Elite will keine Demokratie, sie will Macht. Befehlen ohne Rechenschaftspflicht. Liberté ja, aber auf keinen Fall égalité und schon gar keine fraternité.