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Rabatt statt Staatsräson: Die Schweiz im Oval Office

17. November 2025 By Manfred Messmer

Foto: Pressedienst / The White House

Wie schon gesagt: Mich interessieren weder der Stamm noch die Umrisse des Baumes – spannend sind die Leerstellen bei den Blättern.

Wenn wir das Bild der Schweizer Wirtschaftsdelegation im Oval Office betrachten, sagt es mehr über die sogenannten Verhandlungen mit den USA aus als die eilig einberufene Medienkonferenz unseres Wirtschaftsministers.

Trump sitzt allein, breit, dominant am massiven Resolute Desk. Die Schweizer Delegation hockt wie an einer mündlichen Prüfung: eng gedrängt, nach vorne geneigt, Hände gefaltet.

Körperlich wie symbolisch: Unterwerfung.

Zwar ist das bei Staatsbesuchen nichts Ungewöhnliches – aber hier ist es überzeichnet. Der Raum gehört Trump, die Körperhaltung gehört ihm, die Blickachsen gehören ihm. Selbst der Tisch gehört ihm, mitsamt der Modellskizze, die wie ein privates Rendering wirkt.

Die Schweizer repräsentieren einen souveränen Staat – sehen aber aus wie Kunden, die um einen Rabatt bitten.

Auf dem Tisch liegt ein Modell, das mit bilateralen Handelsgesprächen nichts zu tun hat. Ein Architektur- oder Landschaftsplan, flankiert von Miniaturen. Es wirkt wie eines von Trumps Privatprojekten: Golfresort, Hotel, Kulisse.

Die verstörende Frage lautet: Warum sitzt eine Schweizer Delegation zu einem zentralen Handelsdeal vor einem Tisch, der wie die Bühne einer Privatvorführung arrangiert ist?

Doch die eigentliche Pointe steht hinter ihnen: Eric Trump, der Sohn, und daneben seine Ehefrau Lara.

Der Satz, der dieses Bild am besten trifft – Trump: „Das Gröbste wäre geklärt. Die Details besprecht ihr mit Eric.“

Eric steht da wie der familiäre COO – der operative Exekutor, der übernimmt, wenn die Kamera aus ist. Keine diplomatische Architektur, sondern das klassische Modell eines Familienkonzerns: Trump als Chairman, Eric als Ausführer.

Und genau an diesem Punkt entlarvt das Bild auch einen der grossen helvetischen Selbsterhöhungsmythen: die Vorstellung, die Schweizer Industrie verfüge über eine quasi naturgegebene Qualitätshoheit – so überlegen, dass der Preis letztlich zweitrangig sei.

Die Realität ist ehrlicher.

Trumps 39-Prozent-Zoll hat gezeigt, dass es für die Schweiz keine Ausnahmen gibt: Am Ende entscheidet der Preis. Gute Qualität liefern auch andere.

Das Bild führt alles auf eine grundsätzliche Frage zurück: Warum inszeniert sich ein souveräner Staat wie ein Bittsteller – und warum stört das hierzulande kaum jemanden?

Wer die Debatten um die Bilateralen III im Kopf hat, erkennt die Ironie: In Brüssel kämpft die Schweiz um ihre Souveränität. In Washington kämpft sie um Rabatte.

Die strukturelle Wahrheit dahinter ist ernüchternd: Von den USA hängt die Schweiz ab, weil sie ohne deren Markt bei Luxus- und Präzisionsgütern schlicht verliert. Die Pharma fährt sowieso ihren eigenen Zug – deshalb sass auch kein Pharmavertreter im Oval Office.

Von der EU hängt sie ab, weil sie ohne institutionelle Integration keine funktionierende Industriepolitik hinbekommt.

Gegenüber den USA ist die Schweiz ein Nischenlieferant, der Preisnachlässe braucht. Gegenüber der EU ist sie ein Zulieferer, der Regeln braucht.

Das ist die Lage. Kein Drama, aber auch keine Heldenpose.

***********

Screenshot Tweet von Nationalrat Portmann, Zürich

PS: In den Niederungen der schweizerischen Politik läuft alles nach dem altbekannten Muster: Alle reden mit, alle fühlen sich zuständig – und am Ende bleiben, wie immer, vor allem Bedenken übrig.

Und doch deutet sich ein interessantes Manöver an: Die Befürworter der Bilateralen III könnten den US-Zolldeal als Hebel einsetzen – als rhetorische Druckmaschine gegen die Gegner. Frei nach dem Motto: Wir geben Euch den USA-Deal und ihr gebt euch bei den Bilateralen III nicht kompromisslos.

Das ist schweizerische Realpolitik in Reinform: unromantisch, zäh, opportunistisch.

Denn so funktioniert Machtpolitik made in Switzerland: pragmatisch, widerstrebend, halb stolz, halb verlegen – aber immer irgendwie so, dass am Schluss niemand ganz zufrieden ist und alle behaupten, es sei ihre Idee gewesen.

Kategorie: usa-politik Stichworte: Trump, USA, Wirtschaft

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

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Kommentare

  1. Daniel Flury meint

    18. November 2025 um 1:16

    Es erinnert ein wenig an das da:

    https://shorturl.at/6xap2

    Aber gut, nicht jede Parallele ist heute so gut ausgefeilt.

    • Franz Bloch-Bacci meint

      18. November 2025 um 16:42

      Soo gut, wenn‘s nur nicht so traurig wär!

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Kommentare

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