
Herr Gujer gefällt sich einmal mehr in seiner üblichen grammatikalisch aufgeblasenen Weltläufigkeit, die suggeriert, er blicke von einer höheren Warte auf den geopolitischen Schlamm hinunter.
In seinem Kommentar behauptet er heute: Die Teilung der Ukraine ist unausweichlich – das Land braucht jetzt Frieden (Bezahlschranke).
Ein wenig Land abtreten und schon kehrt der Frieden ein – mit Verlaub, das ist bürgerlicher NZZ- Zynismus in weltbürgerlicher Attitüde.
Was Gujer völlig ausblendet, und weshalb seine Betrachtung analytisch scheitert, sind die verheerenden Folgen eines solchen Plans für die Europäische Union – und damit auch für die Schweiz.
Ein Trump/Witkoff-Frieden wäre kein lokales Kriegsende, sondern die Implosion jener Logik, auf der Europa seit 1945 beruht:
• Grenzen werden nicht gewaltsam verschoben.
• Aggressoren werden nicht belohnt.
• Die Souveränität kleiner Staaten ist geschützt.
• Recht ersetzt Macht.
Was jetzt auf dem Spiel steht – und was Guyer offensichtlich nicht erkennt – ist der Gründungsmythos der Europäischen Union: die normative Überlegenheit gegenüber Gewaltpolitik.
Die europäische Idee gründet seit dem Schuman-Plan auf einer einzigen Erkenntnis: In Europa werden keine Territorien geraubt, keine Staaten zerschlagen, keine Grenzen mit Gewalt verändert.
Nie mehr.
Wenn Europa sich damit abfindet – oder vom amerikanischen Partner dazu gezwungen wird –, diese Abkehr vom eigenen Gründungsmythos in der Ukraine zu akzeptieren, bricht der moralische Boden weg, auf dem europäische Aussenpolitik seit 80 Jahren steht.
Die Katastrophe besteht also nicht im Verlust ukrainischen Territoriums. Die eigentliche Katastrophe ist der Verlust europäischen Selbstrespekts. Denn Europa definiert sich nicht durch Macht, sondern durch eine Erzählung von Machtverzicht.
Und genau solche Erzählungen sind es, die Kriege bestimmen.
Sie können nicht mit Buchhaltung gerechtfertigt werden, sondern nur mit Erzählungen über Legitimität und Ordnung.
Der Gründungsmythos der europäischen Vereinigung ist genau jene Erzählung, die Europas Haltung gegenüber der Ukraine überhaupt erst glaubwürdig macht.
Es ist diese Erzählung, die Europa vereinigen und zum Kampf motivieren muss.
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PS zur Schweiz: Auch das schweizerische Selbstverständnis ruht auf vier Pfeilern:
• Unverletzlichkeit der Grenzen,
• Verlässlichkeit der Bündnisse,
• wirtschaftliche Verflechtung,
• Regeln statt Gewaltpolitik.
Die Streitlinien um die Bilateralen III – Personenfreizügigkeit, Stromabkommen, Lohnschutz, Guillotinen – setzen voraus, dass Europa weiterhin funktioniert. Doch mit dem Teilungsplan für die Ukraine verliert das Prinzip „small states matter“ seine Gültigkeit, wird Recht vor Macht sekundär, und die Neutralität verliert ihre Schutzfunktion.
Pointiert formuliert: Die Schweiz existiert politisch nur, weil Europa sich an seine eigene Erzählung hält. Wenn diese fällt, fällt das Schweizer Selbstverständnis gleich mit.
Daniel Flury meint
Wie sagte Jean Rudolf von Salis einmal in einer Dokumentation im (damaligen, schwarz-weissen) Fernsehen über seine Zeit in Basel?
«In Basel hat mich angewidert, dass ich nach der Arbeit auf meinem Nachhauseweg im Tram auf der Wettsteinbrücke dem verschwitzten Gestank der Arbeiter aus den Fabriken ausgesetzt war».
Ich möchte den Gujer einmal nach einer halben Stunde Schützengraben sehen. Es wäre Ruhe.
Christian Dreyer meint
Der Herr schreibt sich übrigens Gujer – ansonsten vollkommen einverstanden.
M.M. meint
Danke, geändert.
Stefan Wiesendanger meint
Was schlagen Sie denn vor? Guyer’s Szenario ist eine Teilung der Ukraine mit einer EU-Mitgliedschaft und Westbindung des westlichen Teils. Ich zweifle zwar, dass Russland dies zulassen wird. Aber wenn eine solche Lösung möglich ist, wäre das doch ein erfreuliches Resultat?
M.M. meint
Wenn Sie so fragen – meine Antwort ist einfach: Erkennen, dass wir Europäer uns nicht in einem geopolitischen Schachspiel befinden, sondern in einem existenziellen Kampf um die Grundlagen unserer politischen Ordnung.
Guyer verkauft Ihnen eine scheinbar elegante Lösung: eine Teilung der Ukraine, kombiniert mit EU-Mitgliedschaft und Westbindung des verbliebenen Staatskerns. Das klingt sauber, vernünftig, realistisch. Vor allem, weil sie vorgaukelt, dann hätten wir Ruhe. In Wirklichkeit baut er Luftschlösser.
Z.B., die EU kann kein Land aufnehmen, dessen Grenzen nicht definiert sind. Das ist ein Kernprinzip des EU-Rechts: Die Union übernimmt mit jedem Beitritt die äussere Grenze des neuen Mitgliedstaats.
Thomas Zellmeyer meint
Genau so ist es – vielen Dank für diesen klugen Kommentar!