
„Neue Ordnungen haben schwache Freunde und starke Feinde.“
Niccolò Machiavelli
In Europa gilt die einfache Zuordnung: Trump = böse, Biden = gut, Republikaner = gefährlich, Demokraten = zivilisiert. In der realen Welt ist diese moralische Schablone bedeutungslos.
Was zählt: die amerikanische Fähigkeit zur Machtprojektion, die wirtschaftliche Resilienz, die Kontrolle über Zukunftstechnologien wie AI, die weltweite Finanzdominanz und der militärische Überbau.
Mit anderen Worten: Entweder du hast die Mittel, dich durchzusetzen – oder du hast dich zu fügen.
Seit dem Zweiten Weltkrieg sind die USA immer wieder in Kriege gezogen. Europa stand meist an der Seitenlinie, nicht selten mit hämischen Kommentaren, vor allem aus dem deutschsprachigen Raum. Doch die USA haben, anders als die kontinentaleuropäischen Gesellschaften, den Krieg nicht verlernt. Und sie haben nicht verlernt, wie man aus Kriegen geopolitische Ordnungsvorteile zieht.
Wie weit sich das Denken inzwischen auseinanderentwickelt hat, zeigen die beiden vorliegenden „Friedenspläne“ zur Beendigung des russisch-ukrainischen Kriegs.
Europa formuliert moralisch, normativ und prinzipienbasiert – „Frieden schaffen ohne Waffen“. Was nicht mehr Idealismus ist, sondern das ungeschminkte Eingeständnis: Europa hat keine Waffen.
Europa träumt, die USA rechnen, Russland kämpft.
Während die Europäer also tapfer zahnlos für Illusionen kämpfen, betreiben die USA nüchterne Geopolitik – machtpolitisch, regelbasiert, interessengesteuert.
Selbst die stark entschärfte europäische Fassung läuft auf ein einziges Ergebnis hinaus: Es wird einen strategischen Gewinner geben.
Die USA.
Die Formel ist simpel und bestechend: Europa zahlt. Russland blutet. Die Ukraine überlebt, mit eingeschränkter Souveränität. China verliert in Eurasien an Boden.
Und die USA gewinnen: Einfluss, Geld, geopolitische Hebel, Märkte – und die Gelegenheit, zwei Rivalen gleichzeitig zu schwächen.
Die USA sind die einzige Macht, die gleichzeitig Druck auf China, Russland, Iran und Europa ausüben kann. Europa ist fragmentiert, militärisch schwach und wirtschaftlich überdehnt. Russland ist von Krieg als Innenpolitik abhängig. China steckt in einer ökonomischen Dysfunktion, die mit Grossmachtgehabe kaschiert wird. Iran verdurstet.
Die USA nutzen diesen Krieg, um ihre seit Jahrzehnten bestehende Kontrolle über die europäische Sicherheitsordnung erneut zu versichern – und für die nächsten Jahre politisch unangreifbar zu machen.
Unabhängig davon, wer im Weissen Haus sitzt.
Deshalb werden die USA als einzige gestärkt aus dem Ukraine-Schlamassel hervorgehen – und sie wissen es. Und sie handeln entsprechend.
Der russisch-ukrainische Krieg kreist um drei Ressourcenzonen:
- Energie (USA übernehmen die ukrainische Gasinfrastruktur hälftig)
- Rohstoffe (Rohstoff-Deal mit der Ukraine inkl. rare earths und Arktis)
- Geopolitische Abhängigkeiten (Europa, Russland, China)
Der US-Plan nutzt alle drei gleichzeitig: Europa bleibt sicherheitspolitisch abhängig.
Russland wird partiell aus Chinas Griff herausgelöst. Die Ukraine wird vertraglich an die USA gebunden. Polen wird zum zentralen Nato-Pfeiler für zwei Jahrzehnte.
Und es entsteht ein neues transatlantisches Wirtschaftsökosystem, in dem die USA Investments, Technologie und Energiepolitik in Osteuropa dominieren.
Wie schaffen das die USA, wenn deren Präsident in Europa als geistig minderbemittelt gilt und Witkoff als blossen Immobilienhändler belächelt wird?
Die Antwort ist schlicht: Amerikanische Diplomatie 2025 ist disruptiv – ein Spiegel des eigenen Tech-Zeitgeists.
Witkoff denkt wie ein Unternehmer, nicht wie ein europäischer Diplomat.
- Territorien sind Assets.
- Sicherheit ist ein Produkt.
- Neutralität ist ein Vertrag.
- Deals ersetzen Werte.
- Risiko ersetzt Angst.
- Und Geschwindigkeit ersetzt das Prozedere.
Für diese disruptive Diplomatie gelten zwei Maximen:
- Frieden entsteht nicht durch Idealismus, sondern durch Deals.
Die USA bestimmen den Preis – nicht Europa, nicht die Ukraine und, besonders wichtig, nicht Russland. - Dazu gehört das implizite Interesse Washingtons, die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland möglichst rasch wieder aufzunehmen und Moskau zurück auf die internationale Bühne zu holen. (Warum nicht ein Treffen Trump–Putin im nicht mehr ganz so woken Davos?)
Denn eines wäre ein Albtraum für alle: ein auseinanderfallendes Russland, die grösste Atommacht der Welt.
All das hat eine innere Plausibilität.
Nur: Wir haben es nicht mit einem linearen System zu tun, sondern mit einem chaotischen. Ursache und Wirkung sind nur Etiketten zur Beruhigung von Medien und Öffentlichkeit.
Deshalb ist das Ultimatum Trumps bis Thanksgiving entscheidend – und die sofortige Übergabe des Plans an die Russen. Um das System in Rotation zu bringen.
Die wahrscheinlichste Entwicklung: Moskau wird den Friedensplan weder als Ganzes noch in Teilen akzeptieren.
Weil man erkennt, dass nicht die Ukraine die grosse Verliererin wäre – sondern Russland selbst. Der Plan wird im Westen politisch unterstützt – damit Russland öffentlich Nein sagen muss.
Und dann gibt es noch einen weiteren Unsicherheitsfaktor: Donald Trump selbst. Die Weltordnung ist in Bewegung – und ausgerechnet der Mann, der sich am wenigsten kontrollieren kann, könnte ihr Architekt werden.
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PS: Weitere Systemelemente im Chaos:
- China: Was passiert, wenn Peking erkennt, dass Moskau kein verlässlicher Partner mehr ist?
- USA & Grönland: Wer schwach ist, verliert Territorien – auch 2025.
- Venezuela & Taiwan: Zwei Stellvertreterzonen einer Weltordnung in der Neuformatierung.
Daniel Flury meint
Popcorn?
Es war schon immer Popcorn, wenn man nicht im Kriegsgebiet sass.
Und wir? Statler & Waldorf der Weltgeschichte, die gemütlich ihre Pouletbrust bräteln und währenddessen darüber räsonieren, ob sie aus Slowenien oder vom Bio-Hof kommen muss.
Der Preis macht bei uns den Genuss, so ist das leider.
M.M. meint
Ich sehe das nicht so. Es geht mir darum, zu verstehen, was abläuft, zumindest es zu versuchen.
Ich bin kein Abseitsstehschweizer, sondern mittendrin, weil das, was gerade geschieht, alle Europäer betrifft. Und ihr bisheriges Leben verändern wird.
Ergo: Baselbieter Wahlen – 🍿 Bei diesem Thema nein.