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Europa glaubt an Frieden, weil ihm die Begriffe fehlen, um Krieg zu denken

22. November 2025 By Manfred Messmer

Allons enfants de la Patrie,
Le jour de gloire est arrivé!
Contre nous de la tyrannie
L’étendard sanglant est levé.

Uns Europäern steht eine schicksalshafte Woche bevor. Der 28-Punkte-Plan Trump/Putin zur Unterwerfung der Ukraine – wirtschaftlich unter die USA und militärisch unter Russland – betrifft nicht nur die Ukraine, sondern ganz Europa.

Krieg liegt in der Luft.

Doch die Europäer reden lieber „ein Gespenst geht um.“, weil 80 Jahre Pax Americana die Vorstellung vom ewigen Frieden zum Glaubenssatz verhärtet haben.

Und Glaubenssätze sind die zählebigsten Illusionen.

Spätestens nächste Woche, wenn das amerikanische Ultimatum an Selenskyj abläuft, können wir uns nicht mehr selbst belügen. Mit diesem Ultimatum zeigt Washington zum ersten Mal offen, dass die Pax Americana zu Ende ist.

Die USA sind nicht mehr bereit, europäische Sicherheit als vitales nationales Interesse zu betrachten.

Denn der Deal dient nicht der Ukraine.

Er ordnet lediglich das Machtverhältnis zwischen Washington und Moskau neu – explizit gegen die strategische Autonomie Europas. Die USA erlangen die ökonomische Kontrolle über die Ukraine, Russland die militärische, um seine Einflusszone wiederherzustellen.

Sollte die ukrainische Regierung dem Diktatfrieden zustimmen, werden wir Millionen Flüchtlinge aufnehmen müssen: die Hoffnungslosen und die Vertriebenen aus den russisch besetzten Gebieten.

Unterschreibt sie nicht, müssen sich die Europäer ohne amerikanische Unterstützung militärisch engagieren wie nie zuvor. Das kann Kriegseintritt bedeuten.

Zumindest nach russischer Deutung.

Die nächste Woche wird also zur Schicksalswoche Europas – selbst dann, wenn Trump erneut den TACO (Trump Always Chickens Out) macht, ändert sich nichts an der Tatsache: Europa steht allein.

Der Generalstabschef der französischen Streitkräfte, Fabien Mandon, löste diese Woche mit der Feststellung „Il faut accepter de perdre ses enfants“ grösstmögliche Empörung aus. Auch im deutschsprachigen Raum, weil „akzeptieren, dass wir unsere Kinder verlieren“ in einer durchindividualisierten Gesellschaft ein Tabubruch ist, den seit 80 Jahren niemand mehr zu wagen bereit ist.

Aber „allons enfants“ signalisiert in Frankreich eben auch das republikanische Selbstverständnis von Freiheit und Bürgerrechten, gegen die Tyrannei.

Eine Gesellschaft, die zu wenige Söhne und Töchter hat, ist nicht bereit, Söhne und Töchter zu opfern. In der Schweiz, wo die Geburtenrate weit unter der Erhaltungsgrenze liegt, steigt der Wert eines Kindes ins Unermessliche.

Der Gedanke, es für eine abstrakte Sache wie „Freiheit“ zu opfern, ist schlicht undenkbar. Europa schützt das Leben als absoluten Wert. Russland instrumentalisiert es. Daher reagieren die Systeme fundamental verschieden auf dieselbe demographische Realität.

Europa hat kulturell verlernt, Krieg als Möglichkeit zu denken, während Russland ihn stets als Normalzustand behandelt hat.

Noch immer fällt es uns schwer zu akzeptieren, dass die Drohnen über Flughäfen – und gestern über dem Stromdrehkreuz Laufenburg –, das Kappen von Unterwasserkabeln, Sabotageakte auf Bahnlinien und Einkaufszentren in Polen, Hackerangriffe auf Infrastrukturen militärische Aggressionen sind.

Unterhalb der Schwelle zwar, die eine formelle Kriegserklärung erzwingen würde. Aber Krieg, trotzdem.

Was wir täglich sehen, ist die strategische Orientierungslosigkeit Europas. Europa glaubt an Frieden, weil ihm die Begriffe fehlen, um Krieg zu denken.

Und deshalb halten wir noch immer an der Illusion fest, der Diktatfrieden, den amerikanische und russische Unterhändler ausgeheckt haben, werde unsere Haut retten. Träumt weiter.

Und die Schweiz?

Ihre Bedrohung ist nicht der Kriegseintritt. Ihre Bedrohung ist die ökonomische Abhängigkeit von der EU und den USA. Cyberangriffe auf den Finanzplatz und die Energieversorgung. NATO-Druck zur europäischen Lastenverteilung, die Erosion der sicherheitspolitischen Glaubwürdigkeit.

Und schliesslich die neue Flüchtlings- und Migrationswelle aus der Ukraine.

Nächsten Donnerstag – amerikanische Zeit – schlägt die Stunde der Wahrheit auch für die Schweiz.

Sie wird den Glauben zerstören, die Schweiz sei dank ihrer Neutralität immun.

Kategorie: internationale-politik Stichworte: Russland, Ukrain, USA

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

Leser-Interaktionen

Kommentare

  1. Thomas Zellmeyer meint

    22. November 2025 um 22:29

    Sie haben beide recht, Herr Messmer und Herr Flury, mit ihren Statements. Aber sollten wir als Schweizer, die wir uns feige hinter der „Neutralität“ verstecken, hier nicht einfach bescheiden die Klappe halten, statt den Europäern, zu denen wir ja offensichtlich nicht gehören wollen, zu sagen, was sie gefälligst mutig zu tun haben sollen?

    • M.M. meint

      22. November 2025 um 22:58

      Ich bin Europäer.

      • Daniel Flury meint

        23. November 2025 um 1:04

        Dann unternehmen Sie was dagegen.

        Aber ich sage Ihnen voraus, dass Sie schon im Quartierverein scheitern werden.

        Denn die Hausfrauendiktatur ist stärker als die Vernunft.

  2. Daniel Flury meint

    22. November 2025 um 16:50

    Wer sein halbes Leben im «Wellness» war, als Teenager bereits auf allen sieben Kontinenten und gewohnt, an jeder Ecke einen Snack kaufen zu können, der kommt nicht auf die Idee, dass das einmal nicht so war und dass man etwas dafür tun muss, damit es so bleibt.

    Heisst: Tun müssen es die anderen, weil man selbst viel zu beschäftigt mit Wichtigerem ist.

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