Ich weiss nicht, wie es der geneigten Leserschaft ergangen ist, aber die letzten Wochen Baselbieter Wahlkampf sind an mir völlig vorbeigegangen.
Zum Glück hat die Basler Zeitung heute eine Wahlkampf-Roadstory veröffentlicht – ich hätte den Endspurt glatt verpasst.
Was lässt sich dem BaZ-Beitrag entnehmen, wenn man sich von der Oberfläche des Herzigen (Er: Schiefertafel. Sie: Gschpürschmi) verabschiedet?
Nun, der Artikel suggeriert ein Duell um „Profil“ und „Sachlichkeit“. In Wahrheit geht es um etwas anderes: Der Baselbieter Wahlkampf zeigt vor allem die tektonischen Verschiebungen im Schweizer Mittelstand.
GLP als emotionale Projektionsfläche einer verunsicherten Mitte
versus
FDP als rationaler Restposten einer schrumpfenden Besitzstandsmilieus-Partei.
Es ist kein Wahlkampf Bucher gegen Eigenmann.
Die GLP gewinnt selbst im Verlust. Die FDP verliert selbst im Sieg.
Warum?
Weil die Wahrnehmung „FDP = Milieupartei der Gutsituierten“ inzwischen breit verankert ist. Politologe Hermann hat Recht: Die Partei hat ihre Volkskopplung verloren, übrig geblieben sind Funktionseliten.
Eigenmanns Schiefertafel-Taktik ist dafür das unfreiwillig perfekte Symbol: der Versuch, das verlorene Sensorium der Partei für die Citoyens mittels Gadget zu kompensieren.
Buchers Kampagnenstil ist hingegen eine Antwort auf das Misstrauen gegenüber Parteien.
Ihre Strategie „Wer Sabine kennt, wählt sie“ ist kein GLP-Marketing, sondern die einzig plausible Reaktion auf eine Bevölkerung, die Parteien nicht mehr traut, Personen hingegen hin und wieder.
Bucher agiert als Personalisierungsmaschine, nicht als Programmpolitikerin.
Das wirkt besonders in Kantonen mit dörflicher Sozialstruktur und hoher Wiedererkennbarkeit. Und weil die GLP bewusst unprofiliert bleibt, kann jeder in sie hineinprojizieren, was er oder sie will: urbane Frische, öko-bürgerliche Vernunft, Anti-SVP-Signal.
Der Artikel zeigt noch ein weiteres unterschwelliges Machtmuster: Sissach vs. Arlesheim.
Mehr als Folklore – es ist die inoffizielle geopolitische Achse des Kantons:
- Sissach als politischer Generator des Oberbaselbiets.
- Arlesheim als Verwaltungs- und Wohlstands-Hub des unteren Kantonsteils.
Das Duell Bucher/Eigenmann ist damit auch ein Duell zweier Kantonskulturen: Oberbaselbieter Selbstbehauptung gegen Unterbaselbieter Verwaltungskompetenz.
Und last but not least: Die Rolle der SP – entscheidender, als der Artikel erkennen lässt.
Die SP mobilisiert für Bucher – nicht aus Liebe zur GLP, sondern weil sie ihre strukturelle Rolle als Königsmacherin pflegen muss.
Für die SP ist diese Wahl, ist die GLP ein Opportunitätsfenster:
- FDP schwächelt strukturell
- GLP bietet als inhaltliche Leerstelle genügend Fläche für taktische Unterstützung
- Bucher im Bildungsdepartement wäre stabil verwertbar
Kurz: Die SP verhindert mit ihrem Support einen freisinnigen Alleingang im bürgerlichen Lager. Das ist klassische Machtmechanik, die im bürgerlichen Lager nur die SVP beherrscht.
Entscheidend in den letzten Tagen und noch heute und morgen:
- Mobilisierung der SP- und Mitte-Wählerschaft
- FDP-Restmobilisierung in einst freisinnigen Hochburgen
- SVP-Disziplin im Oberbaselbiet – unklar, wie verbindlich deren Unterstützung ist
- Der strukturelle Trend: Die GLP wächst seit Jahren aus dem Stillstand des bürgerlichen Lagers heraus.
Meine Prognose: leichter Vorteil für Eigenmann – allein wegen der arithmetischen Ausgangslage.
Doch letztlich hängt alles an einem paradoxen Detail:
Die FDP hat mehr Geld, aber weniger Resonanz.
Die GLP hat weniger Profil, aber mehr Empathie.
Beides kann eine Wahl entscheiden.
unterbaselbieter meint
12.24 = Eigenmann leicht vorne…
Natürlich gewinnt er. Doch schaut ihn euch heut und morgen nochmals genau an in den Zeitungen. Denn nachher hört man 4 Jahre nichts mehr, er verschwindet im Verwaltungs-Moloch (analog Schweizer und wie die noch alle heissen = vergessen da unsichtbar = nur auf den Lohnlisten sind sie da….)
Daniel Flury meint
Wer wählt eigentlich noch?
Das müssen Traditionalisten sein.
Wie früher, als die Kirchgänger jeden Sonntag um 10:00 Uhr zur Messe gingen. Man tat es einfach.
Und heute? Die Vernünftigen schauen dem Schmierentheater belustigt zu und braten ihre Spiegeleier.
C. Gass meint
Wir Schweizer sollten dankbar sein, dass wir wählen und v.a. noch abstimmen können. Diesen Rechten sollte man durch Gebrauch Sorge tragen. Leute, die dies tun, als „Traditionalisten“ abzuwerten, empfinde ich als unpassend (um nicht ein unhöflicheres Wort zu verwenden…).
P.Keller meint
Bei Herrn Eigenmann ist (leider, ich wünschte, es wäre anders) nicht nur das Format der bescheuerten Schiefertafel äusserst begrenzt.