In New York, lese ich, hat ein «demokratischer Sozialist» gewonnen, in Virginia und New Jersey zwei «moderate Demokratinnen».
Hierzulande wird das als grosser Sieg „der Demokraten“ gefeiert – ein Missverständnis.
Die amerikanische Demokratische Partei ist keine Partei im europäischen Sinn, sondern ein elastisches Wahlbündnis, das alles von Sozialdemokratie bis konservativem Liberalismus umfasst.
Es ist ein Zweckbündnis, dem amerikanischen System der „Winner-takes-all“-Logik geschuldet, das alle politischen Strömungen dazu zwingt, sich einer der beiden grossen Parteien zu organisieren.
Innerhalb der Demokraten existieren zwei Hauptstränge: der progressive Flügel – oft als «democratic socialists» oder «left liberals» bezeichnet (Sanders, Ocasio-Cortez, Mamdani) – mit einer sozialdemokratischen Politik, und der moderate bzw. Establishment-Flügel (Biden, Pelosi, Newsom) – oder eben die beiden frischgewählten Gouverneurinnen.
Diese beiden Flügel bekämpfen sich wie eigenständige Parteien, treten aber unter derselben Flagge an, weil das System keinen dritten Weg zulässt.
(Ein Schweizer Vergleich: Bei den politisch organisierten Katholiken verhielt es sich mit der CVP und CSP ganz ähnlich. Mit der Gründung „Die Mitte“ wurden die letzten parteihistorischen Spuren endgültig getilgt.)
Kurz zusammengefasst: In Europa konkurrieren Parteien – in Amerika konkurrieren Koalitionen unter demselben Parteinamen.
Womit wir bei Trump wären.
Dessen grosse historische Leistung ist, aus dem losen Sammelbecken wirtschaftsliberaler Eliten, evangelikaler Christen, sicherheitspolitischer Hardliner und enttäuschter Arbeiter eine Einheitspartei – besser: eine Bewegung – geformt zu haben.
Ich stelle das völlig wertneutral fest.
Der Preis, den „die Republikaner“ bezahlen: Während sie in der Reagan-Ära an Markt, Freiheit, Kapital und die-Russen-sind-der-Feind glaubten, haben sich die Republikaner seither in eine Partei als nationale Identitätsgemeinschaft verwandelt.
Womit wir beim letzten Punkt wären, der auch uns Direktdemokraten umtreibt: Welches Modell wird überleben – das demokratische, mit Offenheit, Kompromiss, Diversität und institutionellen Checks?
Oder das republikanische, mit Geschlossenheit, Homogenität und Mobilisierung durch Feindbild?
Die Frage ist insofern schwierig zu beantworten, als Pluralismus anstrengend, langsam, zerbrechlich ist – er braucht Vertrauen und Geduld.
Tugenden von gestern.
Homogenität dagegen scheint effizient, schnell, durchsetzungsfähig – sie beruft sich auf Tugenden von vorgestern, die plötzlich wieder modern wirken: Loyalität, Disziplin, Geschlossenheit.
So gesehen ist das, was gegenwärtig in den USA abläuft, ein Freilandversuch – angelegt, um die beiden Prinzipien unter Realbedingungen zu testen.
Auch bei uns stellt sich die Frage: Gewinnen immer jene, die die einfachere Geschichte erzählen?
Ich weiss es nicht.
Wahrscheinlich kommt es am Ende nicht darauf an, wer recht hat – sondern wer länger durchhält.