Marcel Salathé, früher Corona, heute KI, hat sich von den Tamedia-Medien zu seinem neuen Fachgebiet befragen lassen. Das Ergebnis ist – wie so oft bei solchen Interviews – enttäuschend.
Oder präziser: Zeitverschwendung.
Wohlwollend betrachtet gehört Salathé zur in der Schweiz aussterbenden Spezies der Technogläubigen. In der Pandemie hat ihm das das grösstmögliche Misstrauen jener Normalbürger eingebracht, die den Studierten und Experten reflexhaft misstrauen.
Seine Feststellung, «Es wollen immer mehr Leute in diesem Land die Zukunft verhindern», ist richtig – aber danach kommt nichts mehr. Man spürt die Nachwehen dieser Corona-Erfahrung: Er benennt das Problem, doch er denkt es nicht zu Ende.
Tatsächlich identifiziert der Co-Leiter des KI-Centers der EPFL das tief sitzende Übel: Die Schweiz blockiert Zukunft, nicht aus Vernunft, sondern aus bequemem Stillstand.
Doch wer – wie ich – erwartet hätte, Salathé würde nun ein paar unbequeme Vorschläge auf den Tisch knallen, wie man dieses Land in Bewegung versetzen könnte, wird mit einer typisch schweizerischen Beruhigungsforderung abgespeist: Ein Technologie-Departement.
Das eigentliche Problem ist, dass der Schweiz ein Departement für Technologie fehlt. Niemand in der Regierung sagt: «Dieses Dossier gehört zu mir, dafür übernehme ich die Verantwortung.» Stattdessen wurde die Aufgabe über Jahre wie eine heisse Kartoffel weitergereicht, als blosses Querschnittsthema, das man auf mehrere Ressorts verteilt.
Und natürlich: mehr Geld für Bildung.
Das ist keine Vision. Das ist Verwaltung. Der Subtext lautet: Technologie ist ein Dossier, keine Revolution.
Und hier beginnt sein fundamentaler Irrtum – und der der ganzen Restschweiz gleich mit. Die KI-Entwicklung bewegt sich nicht im Tempo der Emmentalerproduktion.
Sie explodiert.
Während die Schweiz im Milizrhythmus agiert, wechseln die globalen Player im Wochentakt die Paradigmen.
Wenn Salathé dann noch behauptet: «Ich sehe kein Szenario, in dem wir die Kontrolle verlieren.» dann bleibt nur der Kommentar: Träum weiter. Der internationale Debattenstand ist längst ein anderer.
Ich komme zurück auf meine Ioniq-Metapher: Wenn schon die Aktivierung eines Elektroautos den Durchschnittsbürger überfordert – Konfiguration, Updates, App-Pairing, Ladesäulenlogik –, dann zeigt das etwas Grundsätzliches: Ein erheblicher Teil der Bevölkerung – und ein erheblicher Teil der Politik – ist bereits heute mit der technologischen Gegenwart überfordert.
Nicht, weil sie dumm wären.
Sondern weil das Tempo zu hoch ist, die Interfaces zu komplex, die Lernkurven zu steil, die Erwartung an Selbstkompetenz unrealistisch. Die Schweiz hält am Mythos der „Kompetenzgesellschaft“ fest, lebt aber faktisch im Zustand der Überforderungsgesellschaft.
Die Schweizer fürchten nichts mehr als eine Revolution.
Und genau hier liegt das Paradoxon, das niemand auszusprechen wagt: Wir verlangen vom Bürger politische Urteile über Technologien, die er im Alltag nicht einmal bedienen kann.
Das führt zu einem schlichten, aber verstörenden Schluss: Die direkte Demokratie ist an einem Punkt angekommen, an dem der Stimmbürger nicht mehr versteht, worüber er entscheiden soll.
P.S.: Was man ganz konkret und sofort tun kann? Schenkt euren Enkeln zu Weihnachten ein Jahresabo für ChatGPT. Die lernen schneller, als Bern ein Technologie-Departement einrichten kann und die Kantone mehr Bildungsgelder sprechen – und ganz nebenbei baut ihr noch eine Generationenbrücke.
Daniel Flury meint
Eine Frage stellen kann man nur, wenn man weiss, was man fragen will.
Das setzt Wissen voraus, und nicht einfach einen Power-Knopf.