
Am Samstag habe ich kurz bei der sogenannten „provokanten Skulptur“ vorbeigeschaut – jener mit dem gekreuzigten Trump.
Ein SRF-Reporter stellte mir eine Frage für die Tagesschau. Ich sagte etwas von „Erregungskunst“ und „Quatsch“.
Was ich eigentlich hätte sagen wollen – was aber in einer Fastfood-Nachrichtensendung wie der Tagesschau ohnehin keinen Platz hat: In Basel zieht die Provokation mit Gekreuzigten nicht mehr.
Das Thema ist hier seit 1959 erledigt.
Am Abend des 29. April 1959 hatte Kurt Fahrner auf dem Barfüsserplatz sein Bild einer gekreuzigten Frau unserer Zeit aufgestellt.
Ein Skandal.
Die geballte Staatsmacht – Polizei und Staatsanwaltschaft – rückte an, verhaftete Fahrner und beschlagnahmte das Bild.
Es war einer der heftigsten Kunstskandale, die Basel in der Aufbruchszeit der Sechziger erlebte – nur noch übertroffen von der Uraufführung von Hochhuths Der Stellvertreter im Stadttheater.
Zum ersten Mal wurde die Stadt mit der Frage konfrontiert, wie weit Kunst provozieren darf, bevor das Recht eingreift.
Damals war man sich einig: nicht allzu weit.
Fahrner wurde wegen Verletzung der Glaubens- und Kultusfreiheit verurteilt, ging ins Exil nach Frankreich und später nach Dänemark.
Erst 21 Jahre später – drei Jahre nach seinem Tod – wurde das Bild freigegeben.
Das Problem von Mason Storm und seinem gekreuzigten Trump: Das ist keine Blasphemie mehr, sondern bloss Spektakel.
Eine Erregungsaktion, ein kalkulierter Tabubruch und politisch sinnlos, weil sie dem Betrachter nur zwei Reaktionen lässt: Zustimmung oder Abscheu.
Dazwischen bleibt nichts, was Erkenntnis bringen könnte.
Fahrner dagegen war kein Marktschreier, sondern ein Seismograph.
Sein Kreuzigungsbild war Konzentration, kein Effekt – das Ringen der Frauen um ihren Platz in der Gesellschaft, verdichtet in einem schwer erträglichen, wahrhaftigen Bild.
Damals war Aufmerksamkeit noch kein Geschäft.
Ich hatte das Glück, Fahrner zu kennen – und einige seiner Künstlerkollegen.
Unsere Wege kreuzten sich an den verqualmten Tischen des Bermudadreiecks zwischen Rio Bar, Bodega und Hasenburg, wo man sich den Mief der Vorgängergeneration von der Seele trank.
Fahrner war für mich – er war einige Jahre älter – eine Ikone. Ein Kämpfer, der vieles, was für uns Schritt für Schritt selbstverständlich wurde, erst möglich machte.
Und einen hohen Preis dafür bezahlte.
Der eigentliche Skandal dieser Tage: dass Kurt Fahrner in Vergessenheit geraten ist.
Daniel Flury meint
Das Ding da (ich meine den gekreuzigten Donald Trump), das könnte auch von Jeff Koons kommen.
Und könnte der seine Cicciolina in Bestform zur Präsentation mitbringen, dann wäre der Andrang gewaltig.
Und vergessen wir nicht: Für uns Westler hat «Kunst» heute die Religion ersetzt, aber in der Religion war früher viel mehr drin, als einfach nur Geld.
U. Haller meint
Was Fahrners gekreuzigte Frau im beschaulichen Domdorf in einer (wenigstens damals noch) erzkatholischen Familie ausgelöst hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich war noch zu jung.
Ganz anders aber beim »Der Stellvertreter«. Als junger Gymmeler war ich im altehrwürdigen Stadttheater Basel dabei, als am 24. September 1963 Rolf Hochhuths Stück unter Polizeischutz seine schweizerische Uraufführung hatte. Diese Premiere war von Tumulten, Demonstrationen in der Innenstadt und unzähligen Debatten begleitet, Reaktionen, wie sie im heutigen Theater kaum mehr vorstellbar sind. An jenem Abend zogen 6000 meist junge, gutangezogene Männer durch die Basler Innenstadt, mit Fackeln und Transparenten. Zum Protestmarsch aufgerufen hatte die »Aktion junger Christen für den konfessionellen Frieden«. Beim Verlassen des Theaters wurden wir Theaterbesucher von diesen Demonstranten verhöhnt und mit faulen Eiern und Tomaten beworfen. Es war ein Tabubruch, diese sog. »alleinseligmachende Kirche« anzuklagen. Der Autor hatte eine Eiterbeule aufgestochen. Doch die Geschichte war damals noch nicht aufgearbeitet, die Taten in der Vergangenheit noch weitgehend verdrängt. Dass ich mich für Hochhut ins Zeug legte (habe ihn später einige Male getroffen) hat man mir mehr als übel genommen.
Die Gesellschaft ist in den letzten Jahrzehnten glücklicherweise toleranter gegenüber religionskritischen Kunstwerken geworden. Tucholskys bekanntes Diktum lässt grüssen.
Und Trump: Einfach Quatsch.
M.M. meint
Das waren nicht nur erzkonservative Katholiken. Bis in die Mitte der 1970er-Jahre verfügte Basel über ein starkes katholisches Milieu – verankert in der CVP, in Turnvereinen, der Mittelstandsvereinigung, in der Kirche und ihren zahlreichen Organisationen. Bestimmend waren auch einige Familienclans: Lachenmeier, Mazzotti, Glanzmann, Breitenmoser und andere.
Im Zentrum dieser Welt stand das Basler Volksblatt – Parteiorgan, Informationsdrehscheibe und Resonanzraum katholischer Selbstvergewisserung.
Nicht zu übersehen ist das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965): Die römisch-katholische Kirche befand sich in einer Phase des Umbruchs und der Selbstbefragung wie selten zuvor. Die heftigen Reaktionen auf Fahrner und Hochhuth sind vor diesem Hintergrund zu lesen – als Ausdruck eines tiefgreifenden kulturellen Schocks.
In jenen Jahren erlebte auch das Volksblatt seine Hochblüte. Als ich Ende der 1970er, mit 27, stellvertretender Chefredaktor wurde (konfessionslos), war diese Epoche bereits vorbei. Die grossen ideologischen Schlachten waren geschlagen. Im Theater Basel sorgten keine Glaubensfragen mehr für Aufruhr – höchstens die Unterhosen der Schauspieler.