Habe letzten Freitag den neuen Ioniq 5 Facelift beim Händler abgeholt. Am Samstag wurde mir bewusst: Das ist kein Auto mehr.
Das ist ein komplexes digitales System.
Autos dieser neuen Generation können vom Normalbürger nur mit einschlägigen digitalen Kenntnissen bedient werden.
Wer sein Smartphone oder seinen Laptop nicht selbst einrichten kann, scheitert an einem modernen Elektroauto erst recht.
Zwar kann man mit dem Auto sofort losfahren. Aber damit der Neue wirklich funktioniert, braucht es einen Account in der Hersteller-App.
Erstes Problem: Ich konnte mein altes Fahrzeug auch nach dem x-ten Versuch nicht aus meinem Account löschen. Der Händler kann ihn so nicht übernehmen.
Hyundai hat zwei verschiedene Apps. Also neuer Versuch in der anderen App – und siehe da… Doch bevor wir gemeinsam jubeln, ein paar Basics: Jede Account-Anmeldung braucht eine gültige E-Mail-Adresse und ein Passwort.
Das weltweit beliebteste Passwort ist noch immer 123456. Wer darüber lacht, sollte seine eigenen Passwörter prüfen – und die Varianten des „Das kann ich mir merken“-Passworts mitzählen.
Kurzer Halt: Wir reden hier über ein Auto, nicht über irgendein Gadget.
Für ein derart teures Gerät braucht es zwingend einen Passwort-Manager, der pro Account ein neues, starkes Passwort erzeugt. Und ebenso eine eigene E-Mail-Adresse – also sicher nicht das Gratis-Gmail-Konto.
Dann ins Auto.
In mehreren Schritten wird der Account per QR-Code verknüpft. Am Ende konnte ich den Wagen so konfigurieren, dass ich keinen Autoschlüssel mehr brauche – das iPhone reicht.
Oder die Apple Watch.
Zwischendurch Mails mit dem Händler: Den alten Ioniq hätte ich nicht löschen können, aber den neuen nun in der App einrichten.
Am Sonntag dann der nächste Klassiker: kein Zugang mehr zum Account. E-Mail falsch? Passwort falsch? Man weiss nie, was von beidem. Nach ein paar gescheiterten Versuchen tat ich, was man nach Jahrzehnten solcher Meldungen dann tut: Passwort zurücksetzen.
Insgesamt habe ich gut vier Stunden mit dem Aufsetzen des Systems verbracht.
Ohne ChatGPT wäre ich an einigen Stellen nicht weitergekommen. Zum Beispiel gestern, als die Tempowechsel-Automatik des Cruise Control nicht funktionierte und ich tief in der Menüstruktur bei „automatisch“ den Schalter nach rechts legen musste.
Damit zum Kern: Der Ioniq 5 und all die anderen Elektrofahrzeuge sind nicht primär Fahrzeuge, sondern Systeme.
Mein Händler hat es brutal, aber wahr gesagt: „Man kann Leuten keine Software erklären, wenn ihnen das Konzept von System fehlt.“ Das ist nicht Arroganz, sondern eine strukturelle Tatsache.
„Sie gehören zu den Profi Usern“, meinte er. Ich nahm das – eitel wie ich bin – als Kompliment. In Wahrheit war es ein Seufzer der Erleichterung: Ich würde ihm das Wochenende nicht mit hilflosen Fragen ruinieren.
Wenn über Elektroautos geredet wird, geht es um Reichweite, Preise, Wiederverkaufswert. Niemand spricht über die kognitive Einstiegshürde. Wer ein Smartphone kaum über den Homescreen hinaus nutzt, scheitert an Plug-and-Charge-Zertifikaten, OTA-Updates, Tarifstrukturen oder Ladeplanung.
Für die Einrichtung der Plug-&-Charge-Funktion – die Ladesäule erkennt das Fahrzeug und man braucht keine Karte mehr – brauchte ich nochmals eine halbe Stunde. Beim x-ten Versuch gelang schliesslich auch die Freischaltung.
Was niemand beim Umstieg auf die Elektromobilität sagt: Da entsteht eine neue gesellschaftliche Kluft. Nicht mehr arm vs. reich, nicht jung vs. alt, sondern digital anschlussfähig vs. überfordert.
Ein moderner EV verlangt das Kompetenzniveau eines geübten Smartphone- und Laptop-Nutzers. Sonst wird so ein Auto zum Frustobjekt.
Das E-Auto ist das erste Konsumprodukt, das Menschen nicht wegen Geld, sondern wegen Komplexität ausschliesst. Es schafft eine neue soziale Grenze: zwischen denen, die solche Systeme bedienen können, und denen, die es nicht können.
Das E-Auto ist kein Auto. Es ist die praktische Prüfung, ob jemand in der digitalen Welt bestehen kann.
El Unzo meint
Das Beschriebene ist aber in erster Linie mal schlechtes UX-Design.
M.M. meint
Wenn es so einfach wäre, hätten wir es mit einem Interface-Bug zu tun.
Tatsächlich geht es aber um kognitive Load-Verteilung, nicht um UX-Friktion.
Wer beides verwechselt, interpretiert Systemkomplexität als Oberflächenfehler.
Marc Baumgartner meint
Hm, mein einjähriges E-Fahrzeug (ein Volvo EX30) benötigt zwar sicher digitale Grundkenntnisse, ich finde aber die meisten Dinge recht einfach versorgt und intuitiv bedienbar. Die physischen Knöpfe vermisse ich unterdessen kaum mehr, ausser einen „Umluft-Knopf“ für schnellen Zugriff in diversen Tunnels der Region. Daher gehe ich davon aus, dass alles auch mit Angewöhnung zu tun hat.
Mehr Sorgen bereitet mir die Vorstellung, dass ich wegen einer banalen Software-Macke stehen bleiben muss, die mit einem konventionellen Fahrzeug durchschaubar, nachvollziehbar und wohl einfach überbrückbar gewesen wäre. So hing im letzten Sommer die Air-Condition im Starkkühl-Modus fest und liess sich nicht mehr ausschalten – ich hätte 200km mit 10°C nach Hause fahren müssen. Zum Glück löste sich das Problem dann nach einigen Minuten irgendwie selber wieder und die Kühlung schakltete sich selber ab. Eben: „Irgendwie“.
M.M. meint
Wenn das alles mal eingerichtet ist, ist alles super. Man muss auch nicht mehr darüber nachdenken, wie’s funktioniert – macht man ja beim MacBook oder iPad auch nicht.
Eben nach Freiburg und zurück, etwas Stau und meistens recht dichter Verkehr. Cruise control macht alles selbst – beschleunigen, abbremsen, Geschwindigkeit hoch und runter, sogar den Spurwechsel per Blinken. Sehr entspanntes Fahren. Und beim Ioniq 2026 sind jetzt auch wieder Tasten für Sitzheizung/-Lüftung und Steuerradheizung zurück, praktisch angeordnet vor den Cup-Haltern und der Smartphone-Bucht. Das war mühsam zuvor am Bildschirm.
P.Keller meint
Treffend beschrieben. Leider real, keine Satire: Bloss gilt das praktisch 1:1 auch für zeitgenössische Verbrenner.
gotte meint
Sie beschreiben meine persönliche dystopie. ich finde das unsäglich. ich erlebe schon die „erleichterung“, dass ich den autoschlüssel nicht ins schloss stecken muss um loszufahren, in tat und wahrheit als eine einzige zumutung – so viel verlorene lebenszeit und nerven bei der suche nach dem schlüssel. was mich auch nervt: sprechende dinge. ich werde dauernd angepiepst und angehupt von irgendwelchen gegenständen. meine these: die leute werden gar nicht von ihren mobiltelefonen abgelenkt, sondern von den blinkenden und brüllenden „sicherheitssystemen“ ihrer autos. ebenso grosser ärger: diese unsäglichen schieber bei den kochfeldern. als hätte man nicht manchmal nasse finger. als wären wir alle geborene bocuses, denen nie etwas überkocht. und dann wundert man sich, dass fast die hälfte der stimmberechtigten die E-ID ablehnen (ich habe übrigens ja gestimmt).
Walter Basler meint
Jetzt bräuchte es einen Anbieter wie Apple, der zwar kaum neue Technologie kreiert, es aber schafft, existierende Technologie für die Massen attraktiv und verständlich zu machen.
Christoph Gass meint
Die Frage ist ja, ob der Nutzer das alles braucht/will. Primär dient ein Auto immer noch dazu, effizient von A nach B zu kommen. Digitale Systeme können viel Zeit des Nutzers beanspruchen, speziell wenn sie nicht zuverlässig funktionieren. Zeit ist Luxus. Wenn sie zu wenig Zeitersparnis bringen, ist der Gewinn für den Nutzer gering. P.S. Das sage ich als Nutzer eines Autos der letzten Generation, der sich aus Interesse mit allen Systemfeatures auseinandergesetzt hat …
M.M. meint
Der Konsument hat in der digitalen Welt keine Wahl mehr.