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Yayoi Kusama – Punkt für Punkt gegen das Verschwinden

23. Oktober 2025 By Manfred Messmer

Wenn man schon etwas älter ist – oder, wie in meinem Fall, biografisch alt –, dann hat man im Lauf der Jahre viele bemerkenswerte Ausstellungen in den bedeutendsten Museen der Welt gesehen.

In aller Bescheidenheit gesagt.

Zu den absoluten Höhepunkten kann ich nun die Retrospektive der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama in der Fondation Beyeler zählen.

Ich gestehe: Auf sie wurde ich erst letztes Jahr in London aufmerksam. Ein riesengrosser gelber Kürbis mit schwarzen Punkten beim Pond in den Kensington Gardens zog alle Blicke auf sich – ein heiterer Fremdkörper aus einer anderen Welt, mitten im gepflegten englischen Grün.

Ihr Kürbis – inzwischen eine Ikone der Kunst.


Zur Vorbereitung auf den Ausstellungsbesuch schauten wir die Dokumentation auf PlaySRF, die beste Vorbereitung, um das Schaffen von Frau Kusama zu verstehen.

Die Dokumentation öffnet den Blick für ihr ungewöhnliches Leben – und für den Weg, der sie aus der japanischen Provinz in die brodelnde Kunstszene New Yorks führte.

Sie begann dort in den 1950er-Jahren, parallel zu Warhol und Oldenburg, war Teil der Avantgarde, bevor sie von ihr verschluckt, bestohlen und vergessen wurde. Heute gilt sie als Brückenfigur zwischen Pop Art, Minimalismus und radikalem Selbstentwurf.

Doch was der Bildschirm andeutet, übertrifft die Wirklichkeit bei weitem.

Wenn man Kusamas Werke in der Fondation Beyeler sieht, begreift man kaum, wie diese Frau über Jahrzehnte vom Kunstbetrieb ignoriert, ja nahezu ausgelöscht wurde. Dabei arbeitet sie, wie eine vergleichende Ausstellung im Haus zeigt, mit Miró, Kandinsky oder Klee auf Augenhöhe.

Die 96-Jährige lebt seit den 1970er-Jahren freiwillig in einer psychiatrischen Klinik in Tokio. Dort hat sie ihr Atelier, dort arbeitet sie bis heute.

Ihre Welt aus Punkten, Netzen und Spiegelräumen ist kein Stil, sondern Selbsttherapie – eine Ästhetik gegen das Verschwinden. Ihre Punkte sind keine Dekoration, sondern Rettungsringe. Sie markieren den Versuch, im Chaos Ordnung zu schaffen – Punkt für Punkt gegen das Verschwinden des Ich.

Malen war für mich die einzige Möglichkeit, auf dieser Welt zu existieren – oder anders gesagt, Malen war eine aus der Not geborene Leidenschaft.

Man kann sich nicht sattsehen an den Details, etwa an den dicht gehängten, grossformatigen Bildern, die zugleich streng und traumwandlerisch wirken – einige erinnern an die Traumbilder der Aborigines.

Manche Motive sind so fein gesetzt, dass man sie sich auf Seide gedruckt vorstellen möchte. Diese Präzision, diese Geduld, diese fast meditative Beharrlichkeit – man steht davor und wird still.

Kein Wunder, dass die Ausstellung DER Kunstevent dieses Herbstes ist.

Man muss Tickets online reservieren und sich einen Zeitslot sichern. Wir waren um halb zehn dort – der Ansturm begann, als wir gingen.

Kategorie: Müssiggang Stichworte: Ausstellung

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

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