
Mit grossem Wirbel trommelt die BaZ seit Tagen für eine tramfreie Innenstadt – eine City zum Flanieren, zum „Lädele“, für die Plauderei im Café.
Worauf ich hinaus will: auf eine Innenstadt für Frauen.
Let’s face it: Aus der Basler Innenstadt sind die Männer vor weiss ich nicht mehr wie vielen Jahren verbannt worden.
Nehmen wir die Freie Strasse.
Dort gibt es noch genau drei Läden, die mich als Mann ansprechen: den Apple Shop, den Genesis-Showroom gleich gegenüber und fast am Ende den Leica-Shop.
Wo früher eine Werkstatt war, der Zeitungskiosk, der Schallplattenladen, der Zigarrenhändler, der Werkzeugladen, das Elektronik-Center, wird heute Mode verkauft – für Frauen.
Und Cafés eingerichtet – für Frauen.
Früher, man glaubt es kaum, gab es sogar in der Freien Strasse einen Herrenschneider. Und die Buchhandlung Helbing & Lichtenhahn. Dort habe ich über die Jahre hinweg ein kleines Vermögen liegen lassen.
Ach, war das herrlich, als die Freie Strasse noch eine Baustelle war – laut, dreckig, männlich.
Klar, manche Modeläden haben auch Abteilungen für Männer – im ersten Stock oder im Kellergeschoss.
Das Parterre gehört immer den Frauen. Für Männer gibt es den Stuhl in der Ecke – eine höfliche Art, sie ruhig zu stellen.
Für mich als Mann gibt es nur noch drei weitere Läden in der City, wo ich vor dem Schaufenster stehen bleibe, am Spalenberg: Glausi’s Käseladen, Feinfracht – ein richtiges Männermodegeschäft – und schräg vis-à-vis der Ottenburg-Messerladen.
Das war’s denn schon.
Mit anderen Worten: Die Basler Innenstadt ist für Männer ein ziemlich langweiliges Pflaster.
Ausser der FCB wird Schweizer Meister.
Das hat seine Gründe. Der Mann ist – Hand aufs Herz – ein hundslausiger Konsument. Rund 70 bis 80 Prozent aller Konsumentscheidungen weltweit werden gemäss ernsthaften Untersuchungen (Nielsen, McKinsey, Havas) von Frauen getroffen oder wesentlich beeinflusst – auch bei Produkten, die Männer nutzen.
Männer konsumieren anders: zielgerichtet, marken- und funktionsorientiert. Sie halten sich statistisch kürzer in Geschäften auf, vergleichen weniger, kaufen schneller – was weniger Umsatz pro Quadratmeter bedeutet.
Woraus sich unschwer die Genderökonomie des Einzelhandels erklären lässt: Sortiment, Ladenarchitektur und Kommunikation sind auf weibliche Konsummuster ausgerichtet – Auswahlbreite, Ambiente, Erlebnis, soziale Interaktion.
Das wird im Globus, der morgen eröffnet wird, nicht anders sein.
Kommen wir also zurück zum Konzept der tramfreien Innenstadt. Es ist die logische Endstufe jener „Revitalisierung“, mit der man in den 1980er Jahren begann, Innenstädte gezielt auf Aufenthaltsqualität und Bummelkultur zu trimmen – das Idealbild: die flanierende, konsumierende Frau.
Wenn die BaZ das französische Dijon als Musterbeispiel für eine Flanierstadt anführt, dann kontere ich mit einer Innenstadt, die noch für Männer gemacht ist: München.
Dort finden sich Mode-, Schuh- und Hutläden für Männer. Und alle 500 Meter ein Bierlokal mit deftigem Essen.
Und wer mag, kann zwei, drei Kilometer „flanieren“ und sich danach in einem Biergarten unter alten Bäumen eine Mass gönnen – mit einer Bretzel.
Und männlicher Würde.
Marc Baumgartner meint
Meine Güte, ist da der maskuline Frust gross! Dabei geschieht doch alles, wie im Artikel beschrieben, nach genau den gestandenen Regeln der Ökonomie, gemäss denen der Markt alles regelt, und die ausser irgendwelche radikalen Wirrköpfe niemand zu hinterfragen gedenkt oder wagt. Inkl. esoterisch angehauchten Ökoläden und renaturierten Bächlein, die offensichtlich ein Bedürfnis von Steuerkunden, ausgedrückt durch ihr Einkauf- und Wahlverhalten, sind. Alles muss billiger werden: Die interessanten Läden wandern ins Internet ab, oder bestenfalls noch ins Pratteler Grüssen-Quartier.
Also: Was wollt ihr denn? Und wieviel mehr seid ihr dafür zu zahlen bereit?
@M.M: Sie haben den PkZ vergessen. Da bleibe ich gerne mal ganz mannhaft stehen…
Daniel Flury meint
Um als eine solche Frau glücklich sein zu können, braucht es aber noch mehr:
Nagel-Studios, Beauty-Salons, Psychologen-Praxen und (neu) auch Hypnotiseur:Innen.
Fehlt noch was? Ergänzungen sind erbeten.
Roggenbass meint
Willkommen in der Freizeitgesellschaft: Alle tun so, als hätten sie endlos Zeit und nichts Besseres zu tun, und schlendern brav über ihre gepflasterten Konsumketten-Meilen. Kaffee hier, Selfie da, ein kurzer Abstecher ins (ja, echt tolle!!) Fotohaus, Kamera gratis erklärt bekommen, anschliessend online bestellen – fertig ist des Spiessers Glück. Auch Arlesheim, Welthauptstadt freisinniger Kulturzirkusse, grüner Sommerkinos und viertrangiger Tourneeorchester im Blendwerk, ist längst zum stinklangweiligen Flanierkaff geworden – und es wird noch schlimmer kommen. Ein munteres Bächlein soll sich durch den Ortskern zwängen, während der bedauernswerte Chauffeur im 40-Tonner, der zwischen Flanierern und Rinnsalen rückwärts fahrend die Scampi in den Ochsen karren muss, kurz vor dem Burnout steht. Nachdem er endlich den Pseudokreisel im Zentrum – Inbegriff eines bünzligen Gestaltungswillens – fahrtechnisch begriffen hat.
U. Haller meint
You made my day! 😀
Baresi meint
Welche Welt würde Ihnen besser gefallen, als die von Ihnen beschriebene?
PS. Sie wollen allen Ernstes behaupten, die Scampi bez. überhaupt irgendetwas wird dem Ochsen in Arlesheim mit dem 40-Tönner angeliefert?
Roggenbass meint
Herr Baresi, Sie Ungläubiger, das noch beeindruckendere Schauspiel des Rückwärtsfahrens lässt sich erleben, wenn ein ebensolcher Mega-Tönner aus Andlau rückwärts in Richtung esoterisch angehauchtem Bioladen steuert und dort ein paar Kistchen Biogemüse anliefert. Manchmal guckt auch der Dorfpolizist zu– obwohl dieser mittlerweile nicht mehr so heisst und vermutlich jeweils gerade seine Pause hat. Kürzlich verkeilte sich einer dieser winzigen Zulieferer beim besagten Pseudokreisel mit einem SZ-Lieferwagen, der wie viele Ausserarleser dort einen Kreisel vor sich vermutet hatte. Zwar blieb der Vorfall kratzerfrei, doch für gefühlte 30 Minuten herrschte völlige Blockade. Dieses Rondell wäre übrigens eine interessante Exkursion für unsere Verwalterin vom Domplatz. Statt jeweils freitags mit dem Fussvolch feministische Kraftorte und andere zukunftsweisende Sehenswürdigkeiten zu besuchen.
Baresi meint
Ob nur für Frauen oder für alle, ist das Einzugsgebiet von Basel gross genug, damit in der Innerstadt ausreichend Betrieb entsteht? Es werden auch in Zukunft nicht alle zu jeder Zeit einen Kaffee trinken oder eine Kamera kaufen können.
PS. Die wollen allen Ernstes so grosse Bäume so nahe vor die Häuser wie auf dem Bild oben stellen?