
Es sind zwei Ideen, die mein politisches Denken vor Jahren geprägt haben – und die noch heute die Grundlage vieler Überlegungen bilden.
Die erste stammt von Karl Popper.
1965 führte er das Bild von Uhrwerken und Wolken in den politischen Diskurs ein. Uhrwerke stehen für geordnete, berechenbare Systeme, die sich exakt beschreiben und vorhersagen lassen. Wolken dagegen sind Sinnbilder für offene, zufällige Systeme: Sie folgen Gesetzen, doch ihre Bewegung bleibt unvorhersehbar.
Die zweite Idee entstammt der chinesischen Kriegskunst, überliefert in den 36 Strategemen eines unbekannten Autors – einer Welt, die nie an das Uhrwerk glaubte. In der Logik der Strategeme gibt es keine lineare Kausalkette, sondern ein Spiel mit Kräften, Täuschungen und Momenten.
Das Ziel ist nicht Kontrolle, sondern Bewegung – nicht Sieg, sondern Vorteil. Während Popper die Grenzen rationaler Planung beschreibt, lehren die Strategeme, wie man inmitten des Unvorhersehbaren handelt.
Damit sind wir bei der Weltpolitik.
Die New York Times titelte gestern: „Trump Lost the Trade War to China.“ (Bezahlschranke.) Der Artikel beschreibt, was Trump bis heute leitet: die Vorstellung, jedes Handelsdefizit sei ein feindlicher Akt – Exportüberschüsse bloss ein Mittel, Amerika zu schwächen. (Uhrwerkdenken.)
Diese Logik übersieht – gerade im Fall China – zwei Tatsachen: die Substituierbarkeit amerikanischer Agrargüter – Sojabohnen kann man auch in Brasilien kaufen – und die strategische Nicht-Substituierbarkeit chinesischer Seltener Erden (90 Prozent Weltanteil, Monopol bei mehreren Metallen und Magneten).
Woraus folgt: Machtpolitik betreibt man heute nicht mehr mit Zöllen. Wahre Macht hat, wer über die Engpässe herrscht – der Rohstoffhegemon.
Frei nach Popper: Die Weltpolitik gleicht weniger einer Kette von Ereignissen als einem Wettergeschehen aus Druck- und Strömungsverhältnissen. Macht ist nicht die Fähigkeit, die Uhr zu stellen, sondern die Kunst, die Bewegung der Wolke zu antizipieren.
Um zu verstehen, wie das politische Denken Chinas von den Strategemen geprägt ist, habe ich ChatGPT zwei passende Stellen suchen lassen:
27 – „Den Scheintod vortäuschen, um dann zu leben“:
China gab sich verwundbar, liess Trump an Überlegenheit glauben – und nutzte die vermeintliche Schwäche als Tarnung.30 – „Den Gast zum Gastgeber machen“:
China trat im westlichen Welthandel als Gast auf – bis sein Aufstieg die Verhältnisse umkehrte. Xi überliess Trump schon in dessen erster Amtszeit die Bühne und übernahm die Substanz: Rohstoffe, Lieferketten, Technologie.
Ein anderer Denker derselben Schule bringt es auf den Punkt – Sun Tzu, in der „Kunst des Krieges“: „Das höchste Können besteht nicht darin, hundert Schlachten zu gewinnen, sondern den Feind kampflos zu unterwerfen.“
Und damit noch zur Schweiz – politischer Zwerg, wirtschaftlicher Riese.
Im Narratron findet sich jene strategische Grundtugend, die der Schweiz in diesen turbulenten Zeiten zum Vorteil gereichen – gegenüber der EU ebenso wie gegenüber den USA: Eigenständigkeit durch Anpassung.