
Mall gerät dadurch unter Erklärungsdruck: Ihre Kampagne wirkt plötzlich reaktiv, ihr Slogan „entschlossen und klar“ kollidiert mit dem Vorwurf des „strategischen Fehlers“.
Bucher verliert zwar keine Basis, doch ihre offene Flanke zur Mitte wird wieder sichtbar. Sie profitiert nicht vom Stabilitätsdiskurs, sondern steht für Veränderung – in einer Phase, in der das Publikum vor allem eines will: Ruhe.
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Gut eine Woche vor Torschluss positioniert sich die Basler Zeitung – klar für Markus Eigenmann. Doch das Eigenmann-Lager sollte den Jubel zügeln. Die BaZ unterstützt ihn nicht, weil seine Argumente überzeugen, sondern weil sie in ihm einzig die Garantie des Systemerhalts sieht.
Fest steht jedenfalls: Würde die grünliberale Sabine Bucher gewählt, käme es zu einer bemerkenswerten Umwälzung der kantonalen Politlandschaft. Es wären mit der FDP und der SVP die beiden grössten bürgerlichen Parteien nicht mehr in der Regierung vertreten.
Das Framing lautet sinngemäss: Wer Bucher wählt, gefährdet die Staatsordnung.
Eigenmann wird zum Beruhigungsmittel eines überhitzten politischen Systems stilisiert – ein „besonnener Arlesheimer“ mit „Momentum“, wie es heisst. Wirths Kommentar wirkt dabei wie eine politische Entleerung Eigenmanns: Er lobt ihn nicht als Gestalter, sondern als Garant der Betriebsamkeit – ein Mann, der „beruhigt“, nicht einer, der „bewegt“. Die Wortwahl spricht für sich: „besonnen“, „ruhig“, „Kompromiss finden“, „Beruhigendes in unruhigen Zeiten“.
Keine Idee. Kein Ziel. Kein Risiko.
Ironischerweise neutralisiert der Text gerade jenen Eigenmann, der durchaus eigene Positionen vertritt – etwa beim Finanzausgleich, in der Gemeindepolitik oder bei Effizienzfragen. Doch all das wird im BaZ-Leitartikel nicht gewürdigt, sondern instrumentalisiert, um das übergeordnete Narrativ vom Systemerhalt zu stützen.
Das Resultat: Eigenmann erscheint als „Apparatschik wider Willen“ – jemand, der gar nichts mehr wollen darf, weil sein Wollen sofort als Gefahr für die Stabilität gilt. Politisch ist das fast tragisch: ein fähiger Lokalpolitiker, der durch mediale Schützenhilfe symbolisch kastriert wird.
In der Kommunikationstheorie kennt man den Effekt, wonach nicht die Absicht des Absenders die Wirkung einer Botschaft bestimmt, sondern ihre Deutung durch den Empfänger.
So liess denn eine Replik nicht lange auf sich warten. Der profilierte GLP-Politiker Daniel Ordas konterte auf Facebook – und wer glaubt, das sei belanglos, irrt: Ordas spricht nicht für sich allein, sondern gibt einem ganzen liberalen Lager eine Stimme, plus der links-grünen Wählerschaft.
Sein Post beschreibt Wirths Kommentar nicht als Analyse, sondern als Propagandaakt – und erzeugt damit das Gegen-Narrativ: „Eigenmann = Kandidat des Establishments, protegiert von der BaZ“. Gerade im bürgerlich-individualistischen Milieu des Landkantons kann das Anti-Medien-Reflexe auslösen – im links-grünen Lager ohnehin.
Kann es wirklich sein, dass ein „Journalist“ in einem nicht ganz unrelevanten Blatt explizite Wahlempfehlungen ausspricht und mit Chaos droht falls sein Wunschdenken nicht eintritt?
Ordas nutzt Ironie und Empörung, um Bucher in die Opferrolle zu rücken – nicht als schwache, sondern als unfair behandelte Kandidatin. Das aktiviert kurzfristig Solidarität in liberalen und linken Milieus – und schwächt zugleich den medialen Bonus, den die BaZ Eigenmann verschaffen wollte.
In meiner laufenden Wahlanalyse habe ich diese Entwicklung berücksichtigt – der BaZ-Leitartikel und die Replik fliessen beide in die neueste, aktuelle Modellrechnung (unten) ein.
Die Replik zeigt, dass das Informationsökosystem wieder in Resonanzmodus geht – klassische Gegenöffentlichkeit gegen Leitmedien-Framing.

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Der Wahlkampf hat seine politische Substanz verloren und dreht sich nun um Systemerhalt. Eigenmann profitiert kurzfristig vom BaZ-Segen, verliert aber Profil – er wird zur Funktionshülse der Konkordanz. Bucher stabilisiert sich leicht als Gegenbild des medialen Establishments, Mall bleibt konstant, aber ohne Traktion.
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Nachtrag 16:00 Uhr. Eine Analyse der bisherigen Leserkommentare (14) auf bazonline zeigt, wie heftig wie heftig der BaZ-Artikel das Publikum polarisiert hat.
Ein Teil lobt Eigenmanns „Fachkompetenz“ und den Ruf nach Stabilität, doch die Mehrheit reagiert kritisch – spricht von „Propaganda im Mantel der Konkordanz“ und „Angst vor Veränderung“.
Besonders stark ist die Reaktion weiblicher und liberaler Stimmen, die den Chaos-Begriff als patriarchale Panikformel lesen.
So wird das Stabilitätsnarrativ, das Wirth stärken wollte, in den Kommentarspalten umgedreht: Wer Ruhe beschwört, fürchtet Wandel.
Daniel Flury meint
Und wer wird gewählt? Immer der Durchschnitt.
Der Politiker muss Oben, Unten, Links und Rechts, Hinten und Vorne passen.
Die Schnittmenge macht’s. Also der Durchschnitt des Durchschnittes.
Wie bestellt, so geliefert.
Arlis Heim meint
Wär ich Eigenmann, würde ich mich wahrscheinlich ziemlich fremdschämen, wenn ich hören müsste, in welchem Ton meine Freund:innen für mich trommeln. Das erinnert an das übertriebene Lob, das vermutlich einst dem etwas ängstlichen Markusli zuteilwurde, als er mit 14 Jahren vom 1-Meter-Brett sprang – obwohl eigentlich niemand so recht wusste, was daran toll sein soll.
Aber in den anderen Lagern weiss man immerhin, dass man für Jahre nichts zu befürchten hat. Darum weibeln in Arlesheim die Linken und Grünen eifrig für ihr Gspänli, dem Kulturzirkusdirektor. Die Welt brennt, und wir haben Markus sowie die zwei anderen zur Wahl. Nicht zu fassen. Hinzu kommt: Arlesheim kriegt dann einen Präsidenten vom Format eines Berchten oder ähnlich. Da war Markus im Vergleich direkt ein Mack/her.
U. Haller meint
Das ganze Wahlgeplänkel nimmt langsam absurde Züge an. Systemerhalt (herzzerreissende Kommentare in den sozialen Medien), „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ (Kommentar im heutigen Wochenblatt, Wunsch nach einer Fortsetzung einer Eigenmann´schen Erbdynastie?) und die penetranten Wahlplakate lassen mir nur ein müdes Lächeln übrig. Doch etwas wird kaum je diskutiert: Wer von diesen drei Kandidierenden bringt den bestgefüllten Rucksack für das schwierige Thema Schule mit? In dieser Hinsicht überzeugt niemand wirklich, vielleicht mit einem klitzekleinen Vorsprung noch die Frau Mall. Das war´s dann. Es ist eigentlich beschämend, dass für die Bildungsdirektion niemand mit wirklich klarer Ansage gefunden werden konnte.
unterbaselbieter meint
Habe heute der BaZ auf deren Total-Einseitig-Artikel einen Leserkommentar geschickt. Und Oh Wunder – er wurde sogar publiziert und nicht abgelehnt wie immer (wenn ein bisschen Pfeffer drin steckt)….
(PS: Bei der BaZ bin ich eine „Dame“ – man muss ja den Frauenanteil der Kommentierenden – meist Männer – so leicht erhöhen….)
“So so – Nur die FDP – sonst wird mit dem Szenario „Chaos“ gedroht. Nicht die feien Art. JEDE Kandidat/in hat Vor- und Nachteile. In der Demokratie sollte nicht „Chaos“ suggeriert werden bei jenem oder diesem…. Unglaublich. Ich hoffe nämlich, dass eine Dame den Vorsprung macht. Darf ich dies hier (als Ausgliche zum Einseitig-BaZ-Artikel) hier erwähnen. Ich bin diplomatisch und nenne sogar keine Namen…. Nur soviel: Es ist eine für jeden Fall und auf jeden Fall….”
angrymonk meint
Thomas Zweidler, Ines Grauwiler, unterbaselbieter… Viele Namen aber immer stramm auf SVP-Kurs und am liebsten gegen Elisabeth Schneider-Schneiter und die CVP/Mitte austeilend.
M.M. meint
Der Mann schreibt schon seit Jahren unter verschiedensten Namen fast zu jedem Post seinen Senf. Ein täglicher, meist unflätiger Auftritt.
Mir ist es ein Rätsel, was den Mann antreibt.
Das System verschiebt seine Beiträge automatisch in den Spam-Ordner. Wo sie nach einer gewissen Zeit, zusammen mit den KI-generierten Kommentaren aus Osteuropa gelöscht werden.
Klaus Kirchmayr meint
Aus Sicht Eigenmann – angesichts des Kandidatenfeldes – vermutlich die richtige Strategie. Allerdings ist im 1. Wahlgang nicht Bucher, sondern Mall seine Hauptgegnerin. Für die FDP geht es im 1. Wahlgang um die grosse Wurst. Der 2. Wahlgang ist dann eine andere Geschichte.