Vor ziemlich genau sieben Jahren habe ich in der Basler Zeitung einen Abgesang auf das Herzstück geschrieben.
Jetzt wurde es endgültig begraben. R.I.P Herzstück.
Markus Vogt hat vor ein paar Wochen in seiner Kolumne «Warten auf das Herzstück» Wikipedia zitieren müssen, um etwas Substanzielles zum aktuellen Stand der Arbeiten schreiben zu können.
Obwohl die Regierungen der beiden Basel gerade eben einen neuen «Standbericht für den Ausbau des Bahnknotens Basel» veröffentlicht hatten.
Was mich nicht verwundert hat. Denn das Herzstück ist seit Jahren vor allem ein Treten an Ort.
Was heisst, es werden ganz ernsthaft Zahlen und Konzepte hin und her geschoben, ohne dass sich auch nach achtzehn Jahren abzeichnet, ob und wann überhaupt die unterirdische S-Bahn quer durch die Stadt verwirklicht wird.
Die Planer haben als neues Ziel das Jahr 2040 genannt. Also gefühlt am Sankt-Nimmerleins-Tag.
Das politische Spiel in der Schweiz geht so, dass es nur für diejenigen Geld aus dem Berner Jackpot gibt, welche die anderen glauben machen können, ihre Region stehe kurz vor dem Zusammenbruch.
Das ist den Baslern bisher nicht gelungen.
Das Herzstück ist «nice to have», aber keine Frage von Sein oder Nichtsein.
Dass Basel rumgeschubst wird, liegt auch daran, dass die Federführung in den falschen Händen liegt.
Ingenieure und Buchhalter sind gut in ihrem Fach, aber es gehört nicht zu ihrer Kernkompetenz, Visionen zu verkaufen.
Der von den beiden Kantonen angeheuerte Projektleiter ist ein durch und durch vertrauenswürdiger, kompetenter Mann. Doch er hat das Charisma eines auf Normen fixierten Bundesbeamten, der er bis zu seiner Pensionierung auch tatsächlich war.
Wir müssen den Grundlagenirrtum des Projekts überwinden, die Welt sei in zwanzig Jahren noch immer so, wie sie sich uns heute darstellt.
Woraus folgt: All die sauber gezeichneten Pläne, die seriös formulierten Konzepte und die im Anhang fehlerfreien Additionen zeigen nichts anderes als des Kaisers neue Kleider.
Hören wir auf, uns zu belügen: Wenn das Herzstück lediglich ein Verkehrsstrang ist, um in zwanzig Jahren die Zersiedelten aus dem Umland direkt ins Zentrum zu bringen, dann ist das rausgeschmissenes Geld.
Es ist Zeit, das Spiel zu ändern: Man fährt die Planungsarbeiten runter und drückt den Reset-Knopf, indem das Herzstück vom Baudepartement zur Stadtentwicklung verschoben wird, dort wo es in dieser Phase hingehört.
Es wird kein Geld mehr in Ingenieurbüros gesteckt, sondern für die nächsten fünf Jahre in Kreativität und Szenarien investiert zur Frage, wie wir denn unsere Zukunft gestalten wollen.
Um nicht von ihr überrumpelt zu werden.
Dazu müssen wir den Fächer öffnen und das Herzstück thematisch breiter aufstellen.
Zu den Überlegungen über die (mobile) Zukunft gehört die Gewissheit, dass schon vor 2040 intelligente Netzwerke autonome Fahrzeuge steuern werden. Künstliche Intelligenz wird bis dahin unser Gesundheitswesen umkrempeln und die Pharmaindustrie erst recht. Die Messe braucht keine Ausstellungshallen mehr, für Hightech-Start-ups werden grossartige Räume frei. Die Grenze zwischen Online-Shopping und Offline-Einkauf werden verwischen.
Und: Wir müssen uns auf eine neue soziale Schicht vorbereiten, die der Nutzlosen. (Die Botschaft von Novartis an die 2000 Entlassenen war deutlich.) Big-Data-Algorithmen und weniger die Politik entscheiden, was dem Einzelnen zugestanden wird.
Das alles hängt mit dem Herzstück zusammen, weshalb es Dreh- und Angelpunkt für die grosse Zukunftsdiskussion werden muss.
Auf gehts!
Zuerst erschienen in der Basler Zeitung am 31. Oktober 2018.
Franz meint
Speziell dazu das Basler Leckerli „zämme in Europa“ neu in der Verfassung.
Man wendet sich vom eigenen prosperierenden Land ab um sein Heil in der völlig überschuldeten EU zu suchen.
Mag wohl gut gemeint sein. Aber ob man hier gedacht hat, dass dies in Bern keine Reaktionen auslösen wird? Ich denke schon.
Die Lust in Bern irgendwas in Basel mifinanzieren zu wollen wird wohl nicht gestiegen sein.
Kann man das als fehlendes Fingerspitzengefühl der Basler benennen?
Ich denke ein Basler „zämme i de Schwiz“ wäre wohl ein geschickterer Schachzug gewesen.
Das Herzstück kommt nicht – die Basler Politik wird aber wohl noch Jahrzehnte darauf herum reiten.
Henry Berger meint
Ich glaube nicht, dass in Bern jemand registriert hat, dass da ein „frommes“ Sprüchlein in die Basler Kantonsverfassung aufgenommen worden ist.
Franz meint
Vielleicht…
Aber die schlauen Basler könnten ja versuchen für die Finanzierung des Herzstücks so „zämme in Europa“-mässig in Paris und Berlin mal anzufragen.
Oder nimmt man Basels weise Worte auch dort nicht wahr?
Henry Berger meint
Hauptproblem: In der Bevölkerung besteht keinerlei Bewusstsein, was eine S-Bahn eigentlich ist. Die Stadt hört ja am Dreispitz und Morgartenring auf! Auch hier zeigt die Kantonstrennung ihre unseligen Folgen. Nochmals Basler Verhältnisse auf die Region Zürich übertragen: Der Vorort Oerlikon läge im Kanton Zürich-Land und würde von Uster aus regiert. Unter solchen Voraussetzungen hätte sich Zürich völlig anders entwickelt!