Der Wahlkampf ruht – tout Bâle-Campagne ist in den Herbstferien. Zurück bleiben die Alten, die wählerstärkste Gruppe.
Ob die anderen, nach ihren Tagen im Süden, dem Wahlcouvert, das mitten in der Ferienzeit eintraf, noch Beachtung schenken, ist offen.
Die Parteien hoffen derweil, dass ihre Plakate an den Laternenpfählen wenigstens ein wenig Wahlstimmung erzeugen.
Weil das Kriterium «plakattauglich» längst zum Pflichtwort jedes Wahlkampfmanagements gehört, führt kein Weg daran vorbei, die Plakate einem strengen Jury-Urteil zu unterziehen.
Die Jury: Ich, der analoge Blick mit Berufserfahrung. KI 1, das kühle, auf die BL-Wahlen trainierte Datensystem; KI 2, der digitale Gegencheck.
Das Resultat: Sieg nach Punkten – Caroline Mall, SVP.

Dieses Resultat ist mehr als eine Geschmacksfrage. Denn im Baselbieter Wahlkampf wirkt die visuelle Präsenz als politischer Verstärker – sie muss ausgleichen, was an inhaltlicher Substanz fehlt.
Und überhaupt – hätten die Parteien Zweifel an der Wirkung der Plakate, würden sie den Kanton kaum so flächendeckend damit zupflastern.
In einem politisch saturierten Feld wird Wahrnehmung selbst zur Botschaft – und das macht das Bild zur Währung. Genau hier setzt unser Modell der fortlaufenden Wahlanalyse BL 2025 an. Es bewertet nicht, wer recht hat, sondern registriert, wer sichtbar bleibt.
Picken wir die Gegensätze heraus – Frau Bucher liegt dazwischen, hat Frau Mall einen natürlichen Vorteil: ihren Namen. Mall – das klingt wie ein Ausrufezeichen.
Herr Eigenmann dagegen trägt das Handicap vor sich her: Eigenmann – ein Dreisilber, den man sich nicht auf Anhieb merken kann.
Was ich nicht begreife: dass jene, die dieses Plakat gestaltet haben, den eh schon langen Namen auch noch mit allerlei Zusatzworten zupflastern. Am Ende sieht der Autofahrer – er oder sie ist ja der Adressat der Botschaft – in den zwei Sekunden des Vorbeifahrens nur einen Magenta-Wortbalken.
Ohne klare Botschaft.
Unbegreiflich, dass sich nach Jahrzehnten der Kandelaberplakatiererei bei den meisten Parteistrategen die simple Plakatformel noch immer nicht durchgesetzt hat: Wenig ist ganz viel mehr.
Die Bewertung im Einzelnen:
Caroline Mall (SVP) spielt visuell in einer eigenen Liga. Grosses Porträt, warme Farbwelt, direkter Blick. Weisse Grossbuchstaben auf dunklem Grund, akzentuiert mit Rot. Ihre Botschaft – «Nöcher bi euch!» – setzt auf Dialekt, Nähe, Emotionalität. Das Gesicht füllt fast das ganze Plakat, sie schaut den Betrachter an, nicht vorbei. So entsteht Präsenz und fast intime Nähe. Die Farbtemperatur – hellgrün, gold, rötlich – verstärkt Wärme und Sympathie. Mall nutzt das Prinzip der emotionalen Dominanz konsequent.
Visuell am stärksten. Plakattauglichkeit: 9/10.
Sabine Bucher (GLP) setzt auf das Gegenteil: hell, freundlich, in grüner Natur, mit weichem Licht und rundem Layout. «Fachlich stark. Menschlich nah.» will Rationalität und Empathie verbinden, bleibt aber blass. Das Lächeln wirkt offen, doch das Bild verliert sich im Hintergrund. Das Weiss des Blazers verschmilzt mit dem Licht, der Kontrast fehlt. Seriös, sympathisch, aber ohne Schlagkraft.
Plakattauglichkeit: 6/10.
Markus Eigenmann (FDP) präsentiert sich vor architektonischem Hintergrund (dem goldenem Arlesheimer Kulturtempel), in kühler, sachlicher Farbwelt. Klare Linien, Textblöcke in Magenta und Dunkelblau – modern gedacht, doch nicht harmonisch. «Zuelose – entscheide – umsetze.» klingt korrekt, aber nicht packend. Der Blick geht seitlich, kein Kontakt, kein Moment von Nähe. Das unterstreicht die technokratische Rolle. Der Magenta-Akzent irritiert im liberalen Kontext, wirkt aufgesetzt. Professionell, aber emotional neutral.
Plakattauglichkeit: 5/10.
Drei Plakate, drei Temperamente – und ein Lehrstück in politischer Psychologie: In einer Wahl ohne echte Kontroverse und ohne Themen zählt am Ende nicht die detailreiche Erklärung, sondern das verständlichste Bild.
Anonymus meint
Einverstanden: Dass der Name Mall so gross steht, ist natürlich Spitzenklasse. „Nöcher bi Euch!“ impliziert aber immer noch eine Distanz! „Ganz bi Euch!“ wäre es wohl gewesen.
unterbaselbieter meint
Diese Betrachtung gefällt mir. Sie stimmt mit meiner Wahrnehmung überein. Habe mich schon früher zum Plakativen gemeldet und auch da war Mall Nr. 1….
Ich drücke es anders aus:
Bucher = Die freundliche Schulsekretärin auf der Rudolf-Steiner-Schule
Eigenmann = Leer, farblos, kraftlos, knabenhaft, austauschbar. Man merkt er war wohl kaum an der Sonne, sondern immer in der Amtsstubenwelt… (passt nicht zu/wie so vieles nicht bei der FDP)
Mall = Prall (fast zu prall), direkt, kräftig, farbig, kann Zupacken zugetraut werden…
Bonus-Track-Tipp: Nach den Wahlen wissen wir was zog….
Marc Schinzel meint
Ich will Ihnen keine Illusionen rauben. Aber Markus Eigenmann ist Mitinhaber und Geschäftsführer einer Hightech-Firma im Bereich Diagnose bei Schiffsmotoren und viel in Hamburg, Genua und Rotterdam. Zudem ist er gern auf dem Rennvelo unterwegs, auch in den Alpen. Die gelungene Sitzverlegung von Straumann nach Arlesheim finde ich auch noch recht stark.
angrymonk meint
Was war nochmals genau der persönliche Beitrag von Herrn Eigenmann bei der Sitzverlegung?
Daniel Flury meint
Werbung? Die Geissel der westlichen Welt.
Polit-Werbung? Hochglanz-Karikatur eines hilflosen Kandidaten-Systems, das auf Roger-Federer-Effekte vertraut, ohne aber je selbst einen Smash gesetzt zu haben.
Und wer wird Millionär? Der, der ein paar Jahre im Amt abgerissen hat und ausser Floskeln nichts hinterlässt.
U. Haller meint
Dabei geht mir der gute alte Roda Roda durch den Kopf:
„Welchen Wein die Parteien uns auch immer verheißen: wenn sie zur Regierung kommen, verdünnen sie ihn immer mit demselben Wasser.“
Bissig, aber treffend. Leider.