Leute, damit da keine Zweifel aufkommen: Ich bespasse mich hier selbst. Wer die Wahl gewinnt, ist mir ziemlich egal. Weder die beiden Kandidatinnen noch der Kandidat überzeugen mich – nach meinen Massstäben.
Mich interessiert etwas anderes: das Experiment mit der KI. Mich interessiert, wie stark das tatsächliche Wahlergebnis von meinem Modell abweichen wird.
Mich interessiert, ob sich die irrationalen Dynamiken eines Wahlkampfs – Emotion, Routine, Zufall – in überprüfbare Zahlen und plausible Erklärungen giessen lassen.
Es geht hier also nicht darum, wer am Ende recht hat – die Leute mit ihrem Bauch oder ich mit meinem Modell. Es geht um Erfahrung. Um Erkenntnis durch Spiel.
Leser Bürgi schreibt: «Wer mit eingefleischten SVP-Mitgliedern spricht, die weder im Kader der Partei sind noch anderweitig Parteiideologie betreiben, erfährt, dass diese Eigenmann wählen werden. Und nicht Mall.»
Im Wahlkampf neigt jeder dazu, aus seinen persönlichen Beobachtungen auf die allgemeine Stimmung oder gar auf das Resultat zu schliessen. Doch das ist das alte Problem mit der Hand und dem Mond: Hält man die Hand nah vors Gesicht, scheint sie grösser als der Mond.
Das Schwierige an solchen Beobachtungen: Sie sind nicht falsifizierbar. Niemand weiss, wie viele „Leute“ das sind, aus welchem Milieu sie stammen oder ob der Kommentarschreiber – Herr Bürgi war einst BDP-Landrat – schlicht seine eigene Haltung nach aussen projiziert.
Die Wahlforschung kennt das Phänomen: Sobald ein Kandidat emotional auffällt – und das tut Caroline Mall zweifellos – häufen sich Anekdoten, die eine Trendwende belegen sollen. Meist zeigen sie aber nur eines: Aufmerksamkeit ist nicht gleich Zustimmung.
Und doch berührt Bürgis Bemerkung einen Kernpunkt. Was wiegt für den SVP-Wähler schwerer – die Loyalität zur Partei oder der Vorbehalt gegenüber der Kandidatin?
Wer der Partei treu bleibt, wird Mall im ersten Wahlgang tragen, selbst wenn sie irritiert. Die SVP-Basis wäre dann weniger Publikum als Gefolgschaft: Disziplin vor Zweifel. In diesem Szenario liegt Mall stabil um 33 Prozent – stark genug, um Eigenmanns Nimbus der bürgerlichen Vernunft zu relativieren.
Wenn sich jedoch ein Teil der Basis absetzt und Eigenmann wählt, weil Mall als Risiko wahrgenommen wird, wäre das ein innerparteiliches Erdbeben. Mall verlöre ihre Strahlkraft – doch die grössere Verliererin wäre die SVP selbst. Sie hätte ihren Mobilisierungskern preisgegeben, ohne Ersatz in der Mitte zu gewinnen.
Falls die SVP-Basis Mall tatsächlich fallen lässt, geht es nicht um ein paar Prozentpunkte im ersten Wahlgang. Es geht um den Mythos der Verschworenen gegen den Rest der Welt. Danach wäre die Partei im Baselbiet wie jede andere: berechenbar, individualistisch, in Flügel zerlegt – und genau das war nie ihr Markenzeichen.
Das folgende KI-Modell für die BL-Wahlen 2025 simuliert die Loyalität der Parteigänger und Sympathisanten. Auf Basis der Baselbieter Erfahrungen von 2015 bis 2023 ergeben sich folgende empirisch plausiblen Bandbreiten:
- Mall (SVP): muss mindestens 60 bis 65 Prozent ihrer eigenen Basis halten. Fällt sie darunter, gerät sie in eine Protestzone, wie sie die SVP noch nie erlebt hat.
- Bucher (SP/Grüne/GLP): realistisch sind 50 bis 55 Prozent der linken Stammwählerschaft. Nicht alle ziehen mit, aber der Mehrheitsimpuls bleibt klar links.
- Eigenmann (FDP/Mitte): bei der FDP plausibel 70 bis 75 Prozent, bei der Mitte eher 50 bis 55 Prozent, da die Parteikultur weniger personentreu ist.

Das Ergebnis lässt sich in drei stabilen Sockeln zusammenfassen:
- Mall (SVP): Fundament von rund 28,5 Prozent Parteistärke, mit geschätzter Loyalität von 33 Prozent. Die Basis bleibt tragfähig, aber ohne Ausreisser nach oben – jede Schwächung der Parteidisziplin träfe sie sofort.
- Eigenmann (FDP + Mitte): rund 30 Prozent strukturelle Parteistärke und eine Loyalität von 65 Prozent, der höchste Wert im Feld. Seine Stabilität ist weniger emotional als institutionell: Die Partei funktioniert, auch wenn der Kandidat kaum Charisma entfaltet.
- Bucher (SP + Grüne + GLP): ebenfalls etwa 30 Prozent Sockel, mit Loyalität von 57 Prozent. Sie profitiert von linker Grundsympathie, nicht von Begeisterung; ihre Allianz bleibt im ersten Wahlgang fragil.
Die Grafik zeigt ein nüchternes Bild: Drei Blöcke ähnlicher Grösse, aber mit ungleichen Bindungskräften – Stabilität bei Eigenmann, Mobilisierung bei Mall und diffuse Loyalität bei Bucher.
Hier die verwendete Grundformel des Sockelmodells.
Stimmenanteil Kandidat=∑i(Pi⋅LiK)
mit
-
Pi = Parteisockel des Blocks i
(z. B. SVP = 28.5 %, FDP+Mitte = 30 %, SP+Grüne+GLP = 30 %) -
LiK = Loyalitätsanteil der Partei i zum Kandidaten K
(z. B. für Mall 0.60 – 0.65, für Eigenmann 0.70 – 0.75, für Bucher 0.50 – 0.55)
Damit ergibt sich für jeden Kandidaten:
Mall=0.285×0.625
Eigenmann=0.30×0.70+0.12×0.55 (bei Mitte)
Bucher=0.30×0.525
→ (gerundet) Mall: 31 – 33 %, Eigenmann: 29 – 30 %, Bucher: 30 – 31 %
q.e.d: KI fühlt nicht, sie rechnet. Punkt.