Am 22. September 2005 war das Layout fertig, und ich fragte meinen damaligen Mitblogger „Feldschütz“, wie er das neue Werk finde. Eine beiläufige Frage – und doch der Beginn von etwas, das blieb.
arlesheimreloaded entstand aus der Not.
Die plötzliche Leere war spürbar, nachdem der Waldbruder, Arlesheims erster Blogger, sein Logbuch von einem Tag auf den anderen schloss.
Gut zwei Jahre lang hatte es die Dorfpolitik mitgeprägt – und gezeigt, dass ein Blog mit seinen Kommentatoren auch ausserhalb des Parteiengefüges Einfluss nehmen kann.
Für mich, damals Politik- und Strategieberater, war das ein Heureka-Moment.
Nach ein paar Schocktagen, war klar: Diese Lücke will gefüllt werden.
Damals konnte man noch gratis einen Blog aufsetzen und online stellen, und über Nacht hatte man eine Stimme. Manchmal sogar eine mit Resonanz. Die SonntagsZeitung schrieb (auf Papier) warnend:
Der Onlinejournalismus von Bürgern kann vor allem deswegen gefährlich werden, weil Weblogs sich untereinander zitieren und verlinken. Sie bilden kritische Onlinenetze, die via Suchmaschinen schnell gefunden werden können.
Für mich war das ein Ritterschlag.
arlesheimreloaded wurde gelesen – nicht nur hier im Baselbiet, sondern weit darüber hinaus. Und es wurde ernstgenommen. Vielleicht ist der schönste Beweis dafür jener lakonische Satz, der mir immer wieder mal zugetragen wird:
Was, du liest das – der schreibt doch nur Unsinn.
Die Nullerjahre waren die Blütezeit der Blogs: ein Meer von unterschiedlichen Stimmen, Themen und hitzigen Gefechten. Dann kam die grosse Welle der sozialen Medien – und spülte fast alle dieser Stimmen fort.
Weil Schreiben damals mein Alltag war. (Die Bloggererfahrung führte – neben anderen Mandaten im Onlinebereich – dazu, dass ich damals zum CEO und Co-Herausgeber von bazonline berufen wurde.)
Und ich habe weitergeschrieben, weil Schreiben für mich Meditation im Alltag ist – kein Rückzug, sondern eine Übung, mitten im Lärm Ordnung zu finden.
Sonst könnte man Schaden nehmen am Lauf der Geschichte- man muss sich Luft machen.
Die Zahlen belegen, dass arlesheimreloaded längst eine feste Grösse ist: In den letzten 30 Tagen zählte das Blog 61’233 Besucher – echte Menschen, keine Google- oder System-Crawler.
Rund 64,5 Prozent dieser Zugriffe stammen von regelmässigen oder wiederkehrenden Lesern. Das ist eine bemerkenswert treue Leserschaft.
Und dann die Ausreisser zwischendurch, wie am 14. August, als 6’866 Menschen den Beitrag „Die Fragen, an denen sich jede FDP-Kandidatur messen lassen muss“ gelesen haben.
Das zeigt: arlesheimreloaded ist heute weit mehr als ein Nischenblog. Diese One-man-Show erreicht eine Leserschaft, die dem Niveau eines kleinen Online-Magazins entspricht – und das seit zwanzig Jahren.
Zeitgemäss könnte man also sagen: Ich bin wohl ein Influencer.
der Waldbruder meint
Ihre Ausdauer beeindruckt mich – eine Zuversicht, die ich längst verloren habe.
Manchmal spüre ich selbst noch dieses leise Jucken … doch das ist wohl die Gicht. Heute sehe ich mich selbst nur noch als resignierten Zuschauer eines weitgehend verlorenen Spiels, das Sie lobenswerterweise mit unbeirrbarer Energie weiterspielen. Obwohl wir uns nie begegnet sind und uns in vielem unterscheiden, empfinde ich eine geradezu berührende Verbundenheit – wer hätte das gedacht damals? Aus meiner entlegenen Klause, wo ich ab und zu auf eine fast schon autistische Art mit diversen Chatbots logbüchle, sende ich Ihnen noch einmal herzliche Grüsse – in alter virtueller Freundschaft sozusagen, verehrter Herr Deng!
gotte meint
mms blog ist für alle lebenslagen geeignet – ich weiss etwa, dass ich nach dem ableben meiner spülmaschine mir ein gastro-modell besorgen werde, dass ich bereits uralt bin, da mir entgangen ist, dass der „blog“ etwas aus der urzeit des internets ist und dass ich schon lange einmal nach arosa fahren möchte, wo ich noch nie war – Sie sind wahrlich ein influencer! auch die welt- und lokalpolitischen betrachtungen verfolge ich jeweils mit grösster freude, wenn auch oft im dissens. deshalb: bravo, und ad multos annos!
Marc Baumgartner meint
Herzliche Gratulation!
Und nein: Ich sehe Sie nicht als Influencer. Sie regen nämlich zum Denken an, und nicht zum Nachäffen. Danke dafür!
U. Haller meint
Grosses Kompliment und vielen Dank für zwanzig Jahre anregende Lektüre.
Dieses Zitat „…weil Schreiben für mich Meditation im Alltag ist – kein Rückzug, sondern eine Übung, mitten im Lärm Ordnung zu finden…“ drückt so treffend aus, was, zwar mit etwas anderen Themen, auch meinen eigenen Alltag seit langem prägt.
Bitte weiter so!
P. Keller meint
Unermüdlich, unbeirrbar und ohne um Applaus zu buhlen – herzliche Gratulation und ein grosser Dank! Leider habe ich die frühe Phase mit dem Logbuch verpasst. Möglicherweise waren das bereits Sie – sozusagen als eine Art Testlauf.
M.M. meint
Nein, war ich nicht, habe aber fleissig mitdiskutiernd geübt.
unterbaselbieter meint
Bravo und Grazie
Sie erreichen als Einmann-Schau wohl mehr Leute wie Prime News mit etwa 4 Angestellten und einem Output der minim ist (was machen die Leute den ganzen Tag?)
Und: Uli, die bösen, echten, wahren Bürger welche in der Realität leben, könnten gefährlich werden – schrieb damals der Mainstream.
Nur die Zeitung ist das Echte. Wow…. Der ÖRR demontiert sich in D gerade selbst und in CH bröckelt die SRG…. Wirklich, es könnte gefährlich werden wenn da jeder so daher schreiben kann….
Nochmals – alles richtig gemacht – und hoffentlich weiter so….