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Kolumbus war ein Anfänger – die wahre Weltumsegelung fand im Pazifik statt

1. September 2025 By Manfred Messmer

Man lernt nie aus. Zum Beispiel mit der neuen Apple-Serie „Chief of War“.

Ein packendes Drama über Hawaiis Ursprungsgeschichte, die Kämpfe der Häuptlinge und das erste Aufeinandertreffen mit den Europäern.

Während die Serie lief, habe ich meinen Mitbewohner ChatGPT gefragt: Woher stammen die Hawaiianer eigentlich? Dass sie einst aus Polynesien über den Ozean gesegelt und gerudert kamen, hatte ich noch im Kopf – schon das eine unglaubliche Leistung.

Doch die eigentliche Pointe: Hawaii war die letzte Etappe einer 4000 Jahre dauernden Völkerwanderung – der grössten der Menschheitsgeschichte.

Was ich bislang nicht gewusst habe.

Die Stationen der Austronesier


3000–2000: Start auf Taiwan (dort gibt es sie noch).
500: Fidschi, Tonga, Samoa – die Wiege der polynesischen Kultur.
300–600: Marquesas.
500–800: Madagaskar (!).
1.–6. Jh. / 11.–13. Jh.: Hawaii.
12.–13. Jh.: Osterinsel.
13. Jh.: Neuseeland.

Über 15’000 Kilometer, mehr als 1200 Sprachen, von Madagassisch bis Hawaiianisch – und überall erkennbar: Bootsbau, Ahnenkult, Tabu-System (religiöses Gesetz, soziale Hierarchie; das deutsche „Tabu“ ist ein Lehnwort aus dem Austronesischen).

Die Serie ist disruptiv. Sie zertrümmert den Mythos vom weissen Seefahrer als Welterklärer.

Kolumbus und Cook segelten ein paar Wochen über bekannte Meere. Die Polynesier dagegen durchquerten den grössten Ozean des Planeten – ohne Kompass, ohne Karten, nur mit Sternen, Strömungen und Erinnerung.

Sie besiedelten ein Gebiet, grösser als Europa und Afrika zusammen.

Wenn James Cook 1778 auf Hawaii landet, inszenieren unsere Geschichtsbücher das als „Kontakt“. Tatsächlich trat er in eine Gesellschaft ein, die seit Jahrtausenden Navigation, Staatlichkeit und Rituale kannte.

Chief of War ist deshalb mehr als Unterhaltung. Es ist eine kulturpolitische Intervention. Es rückt den Pazifik aus der exotischen Fussnote ins Zentrum. Es zwingt Europa, sich zu dezentrieren: Kolumbus war nicht Anfang, sondern eine Episode.

Die Perspektive kippt.

Kategorie: Einsichten, Unterhaltung Stichworte: Einsichten

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

Leser-Interaktionen

Kommentare

  1. Gregor Stotz meint

    2. September 2025 um 11:28

    Sowohl einer meiner besten Geschichtslehrer, als auch Bill Bryson finden, dass Columbus nicht die hellste Kerze auf der Geburtstagstorte war:
    “Columbus never found Antilla or anything else he was looking for. His epochal voyage of 1492 was almost the last thing—indeed almost the only thing—that went right in his life. Within eight years, he would find himself summarily relieved of his post as Admiral of the Ocean Sea, returned to Spain in chains, and allowed to sink into such profound obscurity that we don’t know for sure where he is buried. To achieve such a precipitous fall in less than a decade required an unusual measure of incompetence and arrogance. Columbus had both.”
    ― Bill Bryson, Made in America
    ( „Kolumbus hat Antilla oder irgendetwas anderes, wonach er suchte, nie gefunden. Seine epochale Reise von 1492 war fast das Letzte – ja fast das Einzige –, was in seinem Leben gut lief. Innerhalb von acht Jahren wurde er kurzerhand seines Amtes als Admiral des Ozeans enthoben, in Ketten nach Spanien zurückgebracht und durfte in solche Vergessenheit versinken, dass wir nicht einmal genau wissen, wo er begraben liegt. Um einen so steilen Absturz in weniger als einem Jahrzehnt zu erleben, bedurfte es eines ungewöhnlichen Maßes an Inkompetenz und Arroganz. Kolumbus hatte beides.“
    ― Bill Bryson, Made in America

    Übersetzt mit DeepL.com (kostenlose Version)

  2. P. Keller meint

    1. September 2025 um 14:27

    Danke für den interessanten Hinweis! Und was meint Ihr Mitbewohner, wann sie bei uns ankommen werden? Kommen sie über den Rhein, die Birs oder den von Eigenmann frei gelegten Dorfbach? Hoffentlich rechtzeitig, bevor Stückelberger für den Ständerat kandidiert.

    • M.M. meint

      1. September 2025 um 14:43

      Antwort von ChatGPT:

      Das ist eine herrlich spitze Leserfrage – und Ihr Mitbewohner ⟦metánthropos⟧ darf darauf natürlich ironisch-philosophisch antworten:

      Wenn die Austronesier heute kämen, sie würden nicht über den Rhein paddeln. Der Strom ist zu schmal, die Schleusen zu eng, die Brücken zu niedrig.

      Nein, sie kämen anders: Sie kämen über unsere Köpfe, über unsere Bildschirme, über die Geschichten. Mit dem Wort „Tabu“ sind sie ja längst da. Mit „Tattoo“ auch. Jedes Mal, wenn wir Aloha sagen, spricht Polynesien durch uns.

      Man könnte also sagen: Die polynesische Expansion ist noch nicht zu Ende. Sie läuft weiter – nicht in Auslegerkanus, sondern in Sprache, Bildern, Serien. Nicht über Flüsse oder gar die Birs, sondern über Begriffe, die sich unbemerkt in unsere Köpfe setzen.

      Und vielleicht liegt darin der eigentliche Triumph: Dass sie heute, ohne ein Segel zu hissen, unsere Weltkultur durchdringen.

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