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Europa braucht mehr als Vorstellung – es braucht Willen

17. September 2025 By Manfred Messmer

„Wenn Polen mit einer massiven russischen Luft- oder Drohnenattacke konfrontiert würde, könnte es seine Bevölkerung nicht schützen.“
— Wolodymyr Selenskyj, Sky News, 16. September 2025

Europa rüstet auf – wie einst die USA vor 1941, als ein schlafender Gigant erwachte. Die industrielle Basis ist da. Doch die entscheidende Frage bleibt: Wie gewinnt man die Menschen?

Denn was nützen tausend neue Waffenprogramme, wenn die Gesellschaft nicht bereit ist, sie einzusetzen? Was nützen Kampfjets, wenn die politische Mehrheitsstimmung kippt, sobald die ersten Kosten spürbar werden? Die Herausforderung ist also nicht nur militärisch, sondern mental.

Und sie ist nicht neu.

Als Europa 1940 schon in Flammen stand, war Amerika noch mit sich selbst beschäftigt. Isolationismus, Skepsis, ja offene Ablehnung eines Kriegseintritts prägten die Stimmung. Viele Militärs bezweifelten, dass eine Bürgerarmee aus freien Männern je so diszipliniert kämpfen könnte wie die von klein auf indoktrinierten Wehrmachtssoldaten.

Franklin D. Roosevelt setzte auf einen radikal anderen Weg.

Mit dem Selective Service Act führte er 1940 die erste Wehrpflicht in Friedenszeiten ein – eine Revolution für die amerikanische Demokratie. Und mit seinen Four Freedoms schuf er 1941 ein Narrativ, das nicht auf Angst, sondern auf ein positives Ziel setzte: Freiheit der Rede, Freiheit der Religion, Freiheit von Not, Freiheit von Furcht.

Vor Jahren habe ich Stephen Ambrose’ Citizen Soldiers gelesen, und der zentrale Gedanke des Buches hat mich nachhaltig beeindruckt: Die Alliierten gewannen nicht allein mit Panzern, Flugzeugen und Schiffen. Sie gewannen, weil die Männer, die kämpften, überzeugt waren, dass es notwendig war. Ambrose lässt sie selbst sprechen – Farmjungen, Arbeiter, Studenten – und macht deutlich, dass ihre Stärke aus Überzeugung kam, nicht aus Drill.

Das war der fundamentale Unterschied zu Nazideutschland, wo Kinder in der Hitlerjugend auf Paraden marschierten, wo der Krieg Teil des Alltags war, bevor er begonnen hatte. Die deutschen Soldaten waren gedrillt, die amerikanischen überzeugt.

Und genau darin liegt doch langfristig die Stärke des Westens: nicht in der Indoktrination, sondern in der Fähigkeit, den freien Willen zu mobilisieren.

Die Sicherheit in der Schweiz könnte viel stärker bedroht werden, als wir uns heute vorstellen. — Bundesrat Martin Pfister, Berner Zeitung, 13. September 2025
Pfisters Formulierung klingt beruhigend – „könnte“ macht die Bedrohung hypothetisch. In Wahrheit ist sie längst da.

Heute steht Europa vor einer ähnlichen Aufgabe. Die Bedrohung ist real, die Waffenprogramme sind beschlossen – aber der politische Wille ist fragil. Ursula von der Leyen muss sich im Oktober erneut einem Misstrauensvotum stellen, in Berlin ist die neue Regierung noch immer dabei, endlich Tritt zu fassen. In Paris ist angesichts der hohen Schulden Realpolitik kaum noch möglich. Isolationistische Rechtsparteien, die zudem mit Putin liebäugeln, sind auf dem Vormarsch; in Amerika macht Trump was Trump will.

Und in der Schweiz streitet man sich, ob nun 36 oder nur 30 F-35 gekauft werden sollen. Oder gar keine.

Das Problem aller Demokratien ist ihr Zeitbudget: vier Jahre hier, fünf Jahre dort, Koalitionskrisen dazwischen. In Moskau gibt es keine Misstrauensvoten, keine Koalitionsverhandlungen, keine Talkshows, die die Strategie infrage stellen. Putin kann planen bis zu seinem Lebensende.

Xi denkt in Jahrhunderten.

Deshalb muss Europa dringend die Frage beantworten: Wie macht man aus einem demokratiemüden Europa ein wehrhaftes Europa? Wie gewinnt man Bürger, die sich als Subjekte der Geschichte verstehen, nicht als Zuschauer?

Die Antwort liegt nicht in Alarmismus, sondern in einem Narrativ, das Sinn stiftet – so wie Roosevelt es tat. Es braucht keinen Ruf nach blinder Gefolgschaft, sondern ein Appell an die Verantwortung: Verteidigung der eigenen Ordnung, nicht Angriff.

Europa braucht eine neue „Erzählung der Bürgersoldaten“. Eine Geschichte, die erklärt, warum Verteidigung nicht Militarismus ist, sondern gelebte Demokratie. Eine Geschichte, die aus dem Recht auf Freiheit eine Pflicht zur Freiheit macht.

Denn Drohnen, Panzer und Fabriken sind nur der Anfang. Wirklich stark wird Europa erst, wenn seine Bürger nicht nur bereit sind, für ihre Freiheit mit Steuern zu zahlen – sondern sie auch zu verteidigen – wenn nötig mit der Waffe in der Hand.

Schopenhauer schrieb, die Welt sei Wille und Vorstellung. Die Vorstellung hat Europa zur Genüge – Freiheit, soziale Gerechtigkeit, eine gesunde Umwelt. Doch was fehlt, ist der Wille, für diese Ideale zu kämpfen und sie zu verteidigen.

Der Wille entscheidet am Ende darüber, ob Europa Subjekt bleibt oder wieder Objekt der Geschichte wird.

PS: Selenskyj erinnerte daran, dass die Ukraine in einer Nacht über 800 russische Drohnen bekämpfte und mehr als 700 davon abschoss. In Polen hingegen wurden von 19 eingedrungenen Drohnen lediglich vier abgeschossen – ein Befund, der zeigt, wie weit der Weg Europas noch ist.
— Kyiv Independent, 16. September 2025  (Nebenbei: Wer diese Journalisten unterstützen will, sollte ein Gönnerbeitrag zahlen, kostet nur 20 Franken im Monat.

Kategorie: Politik Stichworte: Europa, Russland, Schweiz, Ukraine

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

Leser-Interaktionen

Kommentare

  1. Rampass meint

    18. September 2025 um 13:32

    „Bürgersoldaten“ gab’s hier bis zum Ende des Kalten Krieges. Seither wurde der Wehrwille schlicht geschleift. Ob der wieder kommt? Zweifel sind angebracht. Neue Hardware wie Jets, Drohnen etc reichen nicht, Personal wird benötigt. Rekrutiert bei den „Rechten“? Die können noch was anfangen mit der Armee. Nun sollen die kämpfen für die Gutmenschen von Links, von denen sie verachtet werden? Für die vielen Flüchtlinge? Für die Zuwanderer? Da dürfte sich noch mancher überlegen, ob das Sinn macht.

  2. Marc Baumgartner meint

    18. September 2025 um 11:56

    In Polen wurden nur vier Drohnen abgeschossen, weil das Land jede Menge zivilen Luftverkehr hat, auch nachts. Da müssen die Verantwortlichen sehr genau aufpassen, was sie auf welche Weise vom Himmel holen. In der Ukraine ist wenigstens das einfacher: nachts ist alles, was in der Luft ist, feindlich.
    Trotzdem: die Sicherung und Abwehr ist in allen europäischen Staaten alles andere als optimal.
    Siehe: https://www.mdr.de/nachrichten/podcast/general/index.html

    Und auch der Einkauf der F-35 muss wohl tatsächlich noch einmal gut reflektiert werden: https://www.republik.ch/2025/09/16/teurer-schlechter-spaeter

  3. Daniel Flury meint

    17. September 2025 um 14:28

    Und wie will man das den Generationen beibringen, die unter «Kampf» das Werben für höhere KITA-Subventionen verstehen?

    • Marc Baumgartner meint

      18. September 2025 um 12:05

      Ich glaube, Sie vermischen zwei Dinge. Der „Kampf“ um soziale Verbesserungen (Ihr Bsp: je mehr zahlbare Kita-Plätze, desto mehr gut ausbegildete erwerbstätige Mütter, weniger Arbeitskräfte von woher auch immer und evtl. auch wieder eine steigende Bevölkerung) dürfte für die allermeisten Leute unterscheidbar sein von einer Diskussion um „si vis pacem, para bellum“ und entsprechend auch eingeordnet werden können.
      Viel problematischer ist die Dauerberieselung in Medien aller Art mit Meinungen, Verwirrung, Angstmacherei, Schuldzuweisungen usw., die es vielen Menschen nicht mehr möglich macht, klar zu sehen und klare Entscheidungen zu treffen.

      Aber genau darum haben wir ja arlesheimreloaded.ch! 🙂

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