
Wenn wir versuchen, das, was heute Nacht geschehen ist, zu erklären, liefert die Black-Swan-Theorie des ehemaligen Finanzmathematikers und Bestsellerautors Nassim Nicholas Taleb die schlüssigste Deutung.
Der Sprung der US-Zolltarife von 31 % auf 39 % gegenüber der Schweiz erfüllt alle Merkmale eines Black-Swan-Ereignisses:
- Unvorhersehbar – in einem politisch als stabil geltenden Umfeld.
- Disproportional wirksam – ein Schlag auf einen hochvernetzten Handelsplatz.
- Nachträglich rationalisiert – erklärt mit dem Etikett „irrational“.
Weil diese Kombination ein Paradebeispiel für ein Black-Swan-Ereignis ist, lautet die Frage nicht: Warum? Sondern: Wie gehen wir damit um?
Talebs Antwort: Nicht durch Prognosen, Wunschträume und Selbsthypnose, sondern durch Strukturen, die auch unerwartete Schocks aushalten – und im besten Fall gestärkt aus ihnen hervorgehen.
In seinem neuesten Buch Antifragilität – Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen beschreibt er das so:
- Diversifikation von Märkten, Absatzkanälen und Kompetenzen.
- Flexibilität in Lieferketten und Prozessen, um auf Verwerfungen sofort reagieren zu können.
- Absicherungen wie Hedging, um Risiken abzufedern.
- Schnelligkeit in der Reaktion, damit man handelt, während andere noch analysieren.
Hinzu kommen seine aktuellen Leitlinien:
- Strategiekonsistenz: Nicht bei jedem politischen Wind den Kurs ändern.
- Lindy-Fähigkeiten: Tätigkeiten, die sich über lange Zeit bewährt haben und auch in einer KI-geprägten Zukunft Bestand haben – vom Handwerk bis zum strategischen Denken.
- Resilienz von Körper und Geist: Widerstandskraft aufbauen, um in Krisen klar zu handeln.
- Ganzheitlicher Erfolg: Entscheiden nach ökonomischen, sozialen und ethischen Massstäben, nicht nur nach kurzfristigem Gewinn.
Woraus folgt: Nicht der Zollschocker ist der Black Swan, sondern die entlarvte Verwundbarkeit eines Systems, das sich sicher wähnte.
Doch Theorie und Praxis klaffen auseinander: Die Schweiz in ihren heutigen Strukturen ist kaum fähig, auf Black-Swan-Ereignisse adäquat zu reagieren. Die Not ist derzeit viel zu gering, um zu handeln.
*Der Begriff „Lindy“ stammt aus einem New Yorker Restaurant namens Lindy’s, das in den 1960er-Jahren berühmt war. Dort beobachteten Journalisten und Intellektuelle ein Muster: Broadway-Stücke, die bereits eine gewisse Zeit erfolgreich liefen, hatten eine höhere Wahrscheinlichkeit, auch weiterhin erfolgreich zu sein. Nassim Taleb machte daraus die Lindy-Regel: „Für nicht‑verderbliche Dinge (wie Ideen, Technologien, Bücher oder Fähigkeiten) ist die erwartete Restlebensdauer proportional zum bisherigen Alter.