
Ungarn und die Ukraine liefern sich seit Tagen einen Schlagabtausch, seit die Ukraine erneut den Knotenpunkt der Drusba-Pipeline in Russland attackiert hat. Seither fliesst kein Öl mehr nach Ungarn und in die Slowakei.
Ungarn tobt.
Doch die Reaktionen aus Kiew – von Selenskyj bis zu seinen Ministern – zeigen eine neue Rollenverteilung: Noch vor kurzem konnte sich Ungarn mit den Hebeln EU- und NATO-Beitritt wichtig machen. Heute antwortet die Ukraine mit einer Lässigkeit, die von wachsender Stärke zeugt.
Das Signal ist klar: Orbáns Ungarn ist ein Parasit im europäischen Organismus. Die Ukraine hingegen wächst in eine Rolle, die nicht mehr Bittsteller ist, sondern ein strategischer Gewinn für Europa.
Der Krieg in Europa verändert die EU.
Die Union, lange als „Zivilmacht“ und Hort der Regeln stilisiert, sieht ihr Selbstbild zerbrechen: untergraben von Trump, bedroht von Putin, ratlos gegenüber China.
Brüssel scheint es zu dämmern: Mit Datenschutz, Wettbewerbsrecht und Green Deal ist die Gestaltungskraft erschöpft. In einer Welt existenzieller Konflikte gelten Normen nur so lange, wie alle an sie glauben.
Russland verweigert sie, China ignoriert sie, Amerika lacht darüber.
Der Bruchpunkt liegt in der Ukraine. Sie zwingt Europa vom Regelverwalter zum Machtfaktor zu werden.
Zwei Länder erzwingen derzeit aus nacktem Überlebenswillen einen doppelten Technologiesprung: militärisch und wirtschaftlich: Israel und die Ukraine.
Während die USA Innovation aus Profitstreben vorwärtstreiben, China aus Machterhalt der Kommunisten und Europa aus Neugier, treibt die Ukraine nur eines: der Wille zum Überleben.
Axiom: Überlebenswillen schlägt alles.
Die Ironie ist brutal: Das „post-historische“ Europa, das sich als Friedensprojekt inszenierte, gewinnt erst durch den Krieg der Ukraine an Substanz. Die EU wollte der Welt beweisen, dass Geschichte überwunden ist – Integration statt Konfrontation, Regeln statt Waffen.
Nie wieder Krieg, lautet der Schlachtruf Europas seit achtzig Jahren.
Nun kehrt Geschichte zurück, nicht als intellektuelle Lehrstunde, sondern als brutales Schlachtfeld. Mit dem Krieg in der Ukraine wird die Union zur Grossmacht gezwungen, die sie nie sein wollte.
Der Kontrast ist unübersehbar: Auf der einen Seite die Ukraine, getrieben vom Überlebenskampf, auf dem Weg zum Technologiechampion. Dort Orbáns Ungarn, ein mit Subventionen gemästeter Oligarchenstaat, ein Relikt der alten EU.
Warum weckt das alles in mir Hoffnung?
Weil der Überlebenswille der Ukraine Europa an eine Energie erinnert, die es selbst verloren hat.
PS: Und die Schweiz wie immer: neutrale Beobachterin am Spielfeldrand – dem Spiel der anderen ausgeliefert. Auf Schweizerdeutsch nennt man das: Souveränität.
Daniel Flury meint
Es stimmt, die Schweiz hat immer alles ausgesessen.
Die EU lebte bis jetzt von einer «Friedensdividende», die es nur in der Theorie gab und die sich in Geschäftemacherei erschöpfte.
«Das Ende der Geschichte»? Ein intellektuelles Konstrukt.
Die Krux: Intellektuelle haben in der Theorie fast immer recht, aber in der Praxis beinahe nie (gilt für alle Lebensbereiche).
Und die Schweiz? Sitzt immer noch gut und wird das auch weiter tun.
M.M. meint
Wer meint, die Schweiz sitze gut, merkt nicht, dass der Stuhl längst wackelt. (Ist das jetzt zu intellektuell?)
Thomas Zellmeyer meint
Wenn einem dann mal die Decke auf den Kopf fällt, ist es ziemlich egal, dass der Stuhl nicht gewackelt hat.
Thomas Zellmeyer meint
Bin ganz ihrer Meinung.
Übrigens ist die Ukraine auch deshalb Ungarn überlegen, weil Orban innenpolitisch angezählt ist. Ob er nach den Wahlen im April 2026 noch Ministerpräsident von Ungarn ist, ist mehr als fraglich. Die EU dürfte bei seiner Abwahl wohl sehr laut aufatmen.