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Kirchmayr hat die besten Karten – FDP ignoriert Wirtschaftskammer

12. August 2025 By Manfred Messmer

Lasst uns noch ein wenig das „Wer wird in der ersten Runde vorne liegen?“-Spiel weiterspielen – zumal keiner der bislang angekündigten Kandidaten ernsthaft überzeugt.

Wie üblich schicken die Parteien brave Funktionäre ins Rennen, für die das Regierungsamt vor allem eine Karriereoption ist. Im Fall des Liestaler Stadtpräsidenten gar endlich ein Job, bei dem er Geld verdient.

Redlich sind sie alle, gewiss – und gerade deshalb so austauschbar.

Dabei geht es für die FDP um Sein oder Nichtsein in der Regierung. Statt ausserhalb der Box zu denken, schlafwandelt sie in die Bildungsdirektion – dabei geht es um nichts weniger als die Vorbereitung auf die Finanzdirektion 2027.

Spielen wir also durch, was wäre, wenn die FDP mit Klaus Kirchmayr ins Rennen ginge – dem einzigen Kandidaten mit unverwechselbarem Profil, seltener Finanzkompetenz und klaren Vorstellungen zur Universität Basel.

Grundlage bleibt wie gestern: Parteienstärken und eine erwartete Wahlbeteiligung von 38 %.

Nehmen wir zusätzlich an, dass die BLKB‐Thematik, die strukturell angespannte Finanzlage und das Verhältnis zu Basel‐Stadt zu den Wahlkampfthemen werden – das Spiel verändert sich deutlich. Aus drei Gründen:

1. Themenpassung
Kirchmayr hat sich als kritischer Kontrolleur der Regierung und als Finanzpolitiker profiliert.

  • BLKB‐Debatte (Corporate Governance, politische Einflussnahme, mögliche Fehlsteuerung) und strukturelle Defizite in der Finanzpolitik sind für ihn Steilvorlagen.
  • Er kann fachlich auf Augenhöhe argumentieren.
  • Er versteht es, komplexe Themen populär zuzuspitzen.
  • Er könnte sich als einziger unbequemer Kandidat inszenieren.

2. Überparteilicher Stimmenfang

  • Bürgerliche Unzufriedene: FDP‐ und SVP‐Wähler, die mit der bisherigen Finanzpolitik hadern und das BLKB‐Debakel als Anlass sehen, die Bank auf Normalformat zu stutzen.
  • Linke Kritiker: SP‐ und GLP‐Anhänger, die Finanztransparenz fordern, könnten taktisch wechseln – wenn sie seine Chancen realistisch einschätzen.
  • Mitte/EVP: empfänglich für ordnungspolitische und haushälterische Argumente; hier könnte Kirchmayr mehr holen als jeder FDP‐Standardkandidat.

3. Dynamisierung und höhere Beteiligung

  • Kirchmayr ist kantonsweit bekannt und medienerfahren.
  • Finanz‐ und Bankthemen mobilisieren in BL stärker als Sozialpolitik oder abstrakte Umweltfragen – sie berühren Steuerbelastung, Standortattraktivität und Machtbalance.
  • Er könnte die Beteiligung von 38 % auf 42–45 % heben – in einer Einzelvakanz massiv.
  • Hohe Beteiligung nützt vor allem Kandidaten, die über Parteigrenzen hinaus mobilisieren – sein klarer Vorteil.

Wahrscheinliche Verschiebung im Dreikampf
(unter Annahme unveränderter GLP‐SP‐Allianz und stabiler SVP‐Basis)

  • Status quo: GLP ~55 %, SVP ~29 %, FDP ~20 %.
  • Mit Kirchmayr ohne Finanzthema: GLP ~44–46 %, SVP ~28–30 %, FDP/Kirchmayr ~24–26 %.
  • Mit Kirchmayr + Finanz/BLKB‐Thema: GLP ~40–42 %, SVP ~27–28 %, FDP/Kirchmayr ~29–31 % → realistische Chance auf Platz 2 und damit auf die Stichwahl.

Fazit der Zahlen: Mit Kirchmayr und einem kompromisslos geführten Themenwahlkampf könnte die FDP den chancenlosen Drittplatz verlassen und sich zum Stichwahlkandidaten hochziehen – zulasten der SVP, mit Kratzspuren bei der GLP.

Mit Kirchmayr könnte sie die Themen setzen, mit Eigenmann, Spinnler und Jermann lediglich ein Schaulaufen veranstalten.

Ein Punkt wird bislang kaum beachtet: der Faktor Wirtschaftskammer. Hier liegen Sprengkraft und Potenzial, die den Wahlkampf noch drehen könnten.

Entweder die FDP verdrängt diesen neu erstarkten Machtfaktor – oder, schlimmer, sie erkennt nicht, was sich da zusammenbraut. Der WK-Flügel der FDP steht Kirchmayr deutlich näher als den offiziellen Kandidaten.

Schon im Telebasel-Talk im Frühling zeigten Buser und Kirchmayr in zentralen Fragen auffallende Einigkeit. Innerhalb der WK gilt er als derjenige, der ihre 16 Initiativen – die 17. ist unterwegs – am ehesten pragmatisch in Gesetze giessen könnte. Zumal das Verhältnis zwischen Regierung – insbesondere der Finanz- und Kirchendirektion – und der WK zerrüttet ist.

Diese Initiativenflut wird die politische Agenda des Landrats und der Regierung über Jahre bestimmen – weit stärker als die Schulinitiativen einst im Bildungsbereich. Der Unterschied: Die WK will den Kanton nicht blockieren, sondern nach Jahren des Stillstands voranbringen.

Ein Unternehmer mit langjähriger Parlamentspraxis in der Regierung käme ihr da gerade recht. Doch mit der Nichtnomination Kirchmayrs und des WK-Wirtschaftsrats Rolf Blatter hat die FDP diesen Flügel vollständig kaltgestellt – und ihn faktisch direkt in Kirchmayrs Lager getrieben.

Freuen wir uns also auf einen dynamischen Parteitag.

🍿 🍿 🍿

Kategorie: Politik Stichworte: Basel-Landschaft, Wahlen

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

Leser-Interaktionen

Kommentare

  1. Daniel Flury meint

    13. August 2025 um 0:29

    Lasst doch den Kirchmayr im Dorf.

    «Aesch Bigott».

    Das ist ja schon schlimm genug (da braucht es nicht noch einen Sub-Häuptling in der Diskussion).

  2. Zwahlen II meint

    12. August 2025 um 10:29

    Der öde Dreiervorschlag der FDP soll uns glauben lassen, wir hätten eine Wahl, während das System bereits so konstruiert ist, dass jede “Wahl” zum selben Ergebnis führt. Wahlen sind längst Therapiesitzungen für das Volk. Kirchmayr gefährdet die Idylle, Jourdan war eine (bisher recht erfrischende, aber im Gremium der Farblosen letztlich chancenlose) Panne im System. Auch bemerkenswerte Gedankenverrenkungen wie die von Herrn Messmer prallen da ab.

    • Henry Berger meint

      12. August 2025 um 23:17

      Das ist ein Dreiervorschlag für die Delegierten der FDP – nicht für die WählerInnen im Kanton BL!

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