Petra Gössi will „geistiges Eigentum vor KI-Missbrauch schützen“. Konkret: KI-Unternehmen sollen zahlen, wenn sie journalistische Inhalte nutzen.
Eine naheliegende Idee: Wer urheberrechtlich geschützte Werke nutzt, soll dafür bezahlen. Der Verlegerverband und die KI-Allianz der Kreativwirtschaft jubeln – sie sehen darin die Rettung ihrer Branche.
Doch das ist eine Diskussion von gestern. Diese Debatte hängt noch bei Google fest: Copy-Paste, Urheberrecht, Klicks. Man verwechselt Suchmaschine mit Künstlicher Intelligenz.
Die Realität ist härter.
Würde man ChatGPT & Co. in der Schweiz verpflichten, jedes Stück Text vorher abzugelten – hier wäre Schluss mit KI. Was dem Rest der Welt ziemlich egal wäre.
Die wirkliche Gefahr kommt nicht von aussen. Sie kommt von innen.
Verlage liebäugeln längst mit maschinellem Ersatz. Sportresultate, Börsen, Polizeimeldungen: billiger, schneller, massenhaft. „Blick“ und „Spiegel“ nutzen KI schon für Recherche, Fact-Checking. Dokumente wie das Bilaterale-III-Paket liest kaum noch jemand ganz – das KI-System fasst zusammen, liefert sogar kritische Anmerkungen. Titelvorschläge? Standard.
Am Ende sitzt der Journalist da und korrigiert Roboter-Sätze.
Was Gössi und die Verleger übersehen: Journalismus ist mehr als Textproduktion. Es ist Präsenz. Einer, der da war. Der die Stille nach einer Rede notiert, die Temperatur im Saal bei der Kür des Kandidaten beschreibt, jemand, der das Zögern im Gesicht bemerkt.
Wenn das fehlt, fehlt Wirklichkeit.
Das Extrem: KI ersetzt Journalismus und zitiert nur noch sich selbst. Wer dann noch Inhalte füttert – Regierungen, Parteien, Verbände – kann mit einer Nachrichtenflut die Deutungshoheit übernehmen.
Doch die Demokratie lebt vom Überfluss an Stimmen.
Eine Handvoll Reporter reicht nicht. KI kann aufblasen, aber nicht vermehren, was nicht da ist.
Was zeigt: Die alte Debatte der Presseförderung ist überholt.
Wer heute noch über Zustellsubventionen oder Medienvielfalt spricht, übersieht den dramatischen Umbruch. Es geht nicht mehr darum, ob die Demokratie ohne Medien funktioniert. Es geht nicht mehr um Demokratiefragen.
Es geht darum: Gibt es überhaupt noch Wirklichkeit, wenn KI-Systeme ohne Rohstoff drehen?
Darum reicht es nicht, einzelne Titel zu retten.
Entscheidend ist das journalistische Grundrauschen – die vielen kleinen Meldungen, die Ratsberichte, Regionalnotizen, das unscheinbare Dauergeräusch, das Demokratie stabil hält. Ohne dieses Rauschen kippt die Öffentlichkeit in eine Echokammer, in der KI nur noch Simulation produziert.
Die eigentliche Gefahr: Die Schweiz verschwindet aus den KI-Systemen, wenn es kein schweizerisches Grundrauschen mehr gibt.
Es geht nicht mehr allein um „Qualitätsjournalismus“. KI verändert die Logik. Ein einziger brillanter Kommentar reicht nicht, wenn kein Fundament aus Beobachtungen mehr da ist. Entscheidend ist die Dichte und Vielfalt von Basisberichterstattung – das, was früher als Füller galt.
Damit steht der Journalismus an einer Weggabelung: Entweder der Journalismus als Massenberuf stirbt, oder er verwandelt sich in eine hochbezahlte Nischenkompetenz: Wirklichkeit liefern, die KI-Systeme nicht generieren können.
Genau daraus ergibt sich eine Neubewertung der Medienförderung. Weg vom Denken in Institutionen – man rettet eine Zeitung, einen Sender, ein Portal. Es geht nicht um Silos, sondern um die Datenlandschaft insgesamt. Nicht die Zeitung ist schützenswert, sondern das Grundrauschen.
Ohne Rauschen keine Wirklichkeit – weder für uns noch für KI.
Daniel Flury meint
Das ist Schwanengesang.
Schwanengesang auf eine Branche, die sich heute schon hauptsächlich mit Clickbaiting über Wasser hält, bestenfalls von Praktikanten Verlautbarungen der Pressestellen von Verwaltungen oder von Konzernen redigieren lässt, oder noch dreister, versteckte Werbung als Journalismus verkauft.
Kurz: Der Tod dieses Berufes steht bevor.
Es gab einmal Kesselflicker. Nicht mehr lange und wird man sagen: Es gab einmal Journalisten.
CD meint
Danke für diesen ausgezeichneten Kommentar!