
Es droht also wegen einer Sommerposse eine durchaus empfindliche Niederlage.
Tritt diese ein, dürfte sich die FDP noch oft fragen: Wie konnten wir nur auf diese Idee kommen?
Sebastian Briellmann, einst BaZ, heute NZZ, widmet dem Auswahlprozedere der FDP einen Beitrag – mit dem alles sagenden Titel:
Ein Grüner als FDP-Regierungsrat? Ja, vielleicht – und dann doch lieber nicht. Eine gefährliche freisinnige Sommerposse
Ja, in der Tat: Wie konnte es so weit kommen?
Wenn wir davon ausgehen, dass Klaus Kirchmayr nichts überstürzt macht, seine Kandidatur also nicht einer momentanen Laune entsprang, dann liegt nahe: Er hat im Vorfeld in irgendeiner Form Kontakt mit der FDP-Parteileitung aufgenommen.
Er wird sondiert haben, ob sein Interesse auf ein entsprechendes Interesse der Parteiführung stossen könnte.
Und in der Tat sagte Kirchmayr am 1. Juli der BAZ:
Gespräche mit dem Parteipräsidenten und mit mehreren Mitgliedern der Parteileitung haben mich davon überzeugt, dass es eine faire Chance für eine Nomination gibt und dass ein strukturierter und transparenter Prozess stattfindet. Ich habe gespürt, dass ich mit meiner Erfahrung in der Partei willkommen bin.
Diesem Gremium gehören an: Melchior Buchs (Präsident), Sven Inäbnit, Stephan Hohl, Alain Bai, Nadine Jermann, Birgit Kron, Cyril Bleisch, Monica Gschwind, Daniela Schneeberger, Andreas Dürr und Thekla Homberger.
Die Frage ist also: Wer hatte zu welchem Zeitpunkt Kontakt mit Kirchmayr – alle oder nur der Parteipräsident? Oder der Präsident und einzelne Mitglieder?
Und: Wer hat Kirchmayr weshalb ermutigt, seinen Hut in den Ring zu werfen?
Respektive – und damit zurück zu Briellmann: Weshalb hat die Parteileitung, namentlich der Präsident, nicht sofort gesagt: No way?
Die Antwort könnte lauten: Weil die vom Rücktritt Monica Gschwinds völlig überrumpelte Parteiführung sofort wusste, wie schwierig es sein würde, die Nachfolge überzeugend zu regeln.
Der politisch erfahrene und als Unternehmer erfolgreiche Kirchmayr mag in den ersten Wochen wie ein Strohhalm gewirkt haben, an den man sich klammerte.
Die FDP-Parteileitung wird am Donnerstag den Delegierten erklären müssen, weshalb sie glaubt, mit den drei zur Wahl empfohlenen Kandidaten im Oktober einen Sieg einfahren zu können.
Und die drei werden den Beweis antreten müssen, dass sie nicht nur Platzhalter sind, sondern ernsthafte Anwärter – trotz einer Ausgangslage, die eher nach Schadensbegrenzung als nach Triumph aussieht.
Denn das eigentliche Problem liegt nicht bei Kirchmayr, sondern im Selbstverständnis einer Partei, die im entscheidenden Moment zögert, laviert – und dann überrascht ist, wenn daraus eine „Sommerposse“ wird.
Von einem fairen und strukturierten Auswahlprozess kann keine Rede sein.