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Vom Einkaufen in Frankreich und was Lévys Kriegstagebuch damit zu tun hat

7. Juli 2025 By Manfred Messmer

Man kann auf ganz unterschiedliche Weise Zugang zu einem Land finden. Man kann hinreisen. Eine Weile dort leben. Oder jemanden heiraten.

Ich erschliesse mir Frankreich seit ein paar Monaten durchs Essen — ein faszinierender, zugegeben auch höchst genüsslicher Weg.

Inzwischen haben unser Vorratsspeicher und der Kühlschrank fast alle inländischen Produkte verdrängt. Sogar das Mineralwasser: wobei streng genommen San Pellegrino aus Italien stammt.

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Am Anfang stand die schockierende Erkenntnis, dass die Preisunterschiede zwischen Frankreich und der Schweiz noch grösser sind, als ich vermutet hatte.

Wer sich dabei einreden lässt, die Löhne seien der Grund, übersieht die ökonomischen Fakten.

Ja, eine Kassiererin bei der Migros verdient deutlich mehr als ihre Kollegin bei Leclerc im Elsass. Das wird auch gerne betont, wenn der sogenannte Einkaufstourismus (fühle mich keineswegs als Tourist) an den medialen Pranger gestellt wird.

Die höheren Löhne in der Schweiz sind tatsächlich preistreibend – nur längst nicht in dem Ausmass, wie man es uns weismachen will.

Was die Preise bei der Migros wirklich in die Höhe treibt, sind andere Faktoren: höhere Fixkosten (Mieten, Energie, Vorschriften), teurere Importe (Zölle, Agrarpolitik), der kleine Heimmarkt mit entsprechend schwacher Verhandlungsmacht.

Und nicht zuletzt: die höhere Zahlungsbereitschaft der Schweizer selbst. Die Bereitschaft, fast überall einen Aufpreis zu akzeptieren – befeuert von der Illusion: hoher Preis bedeutet automatisch hohe Qualität.

Sehr zur Freude von Herstellern, Importeuren und Grossverteilern.

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Der Preis spielt inzwischen keine Rolle mehr. Es kostet, was es kostet. Im Vordergrund steht das Angebot – das Angebot eines Landes, für das der Hauptzweck des menschlichen Daseins das Essen zu sein scheint.

Gutes Essen? Ach was: exzellentes Essen.

Der Abstecher ins Elsass ist keine Preisflucht, sondern ein Kulturgang.

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Ich schlage jetzt einen Haken – zu Bernard-Henri Lévy.

Kürzlich zeigte der französische Sender France 5 seine neue Ukraine-Reportage „Notre Guerre“ (mit VPN-Server in Frankreich auch in der Schweiz abrufbar).

„Notre Guerre“ ist der letzte Teil seines „ukrainischen Quartetts“ (Pourquoi l’Ukraine, Slava Ukraini, L’Ukraine au cœur). Es ist weniger Reportage als ein Kriegstagebuch: ein persönliches Dokument eines Intellektuellen, der den Donbass bereist, um das Gesicht Europas im Krieg zu zeigen.

Emotional, subjektiv, essayistisch.

Was mich überdies fasziniert: Lévy steht an der Front als Bourgeois im Matsch – Strassenschuhe, weisses Hemd, offener Kragen, teurer Mantel – ein irritierender Fremdkörper im Morast der Schützengräben im Osten der Ukraine.

Er inszeniert sich nicht als Kriegsreporter, sondern als Zivilist, der er bleiben will, und als Philosoph, der er ist. Seine Alltagskleidung wird zum Manifest: Dekadenz im Ernstfall, der den Kriegsvoyeur vor dem Bildschirm beschämt.

Irgendwo las ich den Satz, der seine Haltung perfekt trifft: „Ich trage Paris an die Front.“ (Einen Gefechtsstand nennen die ukrainischen Soldaten bezeichnenderweise „Macron“.)

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Und wieder zurück zu Leclerc: In gewisser Weise tut Lévy dasselbe, was die französische Küche seit Jahrhunderten tut — sie verteidigt Zivilisation gegen die rohe Gier.

Lévy trägt dieses Prinzip ins Kriegsgebiet: Sein weisses Hemd, sein Anzug, seine Strassenschuhe sind ein Bekenntnis, dass man selbst unter Beschuss Haltung zeigen muss.

Kategorie: Politik Stichworte: Einsichten, Ukraine

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

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