
Um den Gedanken des gestrigen Posts weiterzuführen: Faktisch ist KI in der Schweiz bereits allgegenwärtig – in Unternehmen (bis zu 82 %), im privaten Alltag (40 – 70 %), in Schulen und bei Jugendlichen ist sie längst das neue Normale.
Die kritische Masse war bereits Mitte 2023 erreicht: Innerhalb eines halben Jahres nach dem Launch nutzte bereits über ein Drittel der Schweizer Bevölkerung KI-Tools.
Vor diesem Hintergrund drängt sich Fragen auf: Was geschieht hier eigentlich – und wie verändert KI unser Kommunikationsverhalten? Was bedeutet das – sozial, psychologisch, politisch?
Und was steht dabei auf dem Spiel?
Denn was sich abzeichnet, ist nicht weniger als eine stille, aber tiefgreifende Transformation der Kommunikation selbst.
Ein Beispiel aus dem Schweizer Alltag: Immer mehr E-Mails werden mithilfe von KI verfasst – höflich, strukturiert, stilsicher. Doch in den seltensten Fällen wird offengelegt, dass ChatGPT, ein Outlook-CoPilot oder ein anderes Sprachmodell im Spiel war.
Doch das eigentliche Novum ist nicht die Automatisierung – es ist: KI antwortet auf KI.
Der neue Kommunikationskreislauf im Büroalltag der Schweiz sieht so aus:
- Person A lässt eine Mail von der KI formulieren („Bitte höflich auf Projektverzögerung hinweisen“).
- Person B erhält die Nachricht – und generiert ihre Antwort ebenfalls KI-gestützt („Formuliere eine professionelle Entschuldigung“).
- Der Empfänger von B wiederum reagiert – erneut mithilfe eines Sprachmodells.
Was nach zwischenmenschlichem Austausch aussieht, ist faktisch ein Dialog zwischen zwei KI-Systemen – vermittelt durch menschliche Fingerbewegungen.
Was wir erleben, ist die Illusion von Authentizität.
Nach aussen bleibt der Eindruck bestehen: Ich kommuniziere mit einem Menschen. Doch Tonfall, Wortwahl, Struktur stammen nicht mehr aus individueller Subjektivität – sondern aus dem Sprachmodell. Genauer: aus seinen statistischen Mittelwerten und Kontextanpassungen.
Wir erleben eine Entkopplung von Urheberschaft und Adressierung; der Absender wirkt zwar menschlich, doch der Stil ist generisch.
- Wer Kommunikation strategisch denkt – ob in Unternehmen, Organisationen, Bildung oder Politik – kommt nicht daran vorbei, diese Dynamik zu verstehen.
Für Entscheiderinnen und Entscheider heisst das:
- Wer auf KI setzt, ohne das kommunikative Fundament zu überdenken, automatisiert nicht nur Prozesse – sondern auch Missverständnisse.
Denn die Implikationen sind gravierend:
- Verlust an Semantik: Wenn niemand mehr weiss, wer eigentlich was meint, wird Kommunikation beliebig. Denn Sinn entsteht nicht aus Syntax, sondern aus Absicht.
- Rückzug ins Konforme: Wer KI nutzt, will Fehler vermeiden. Doch damit stirbt das Unperfekte, das Individuelle – das, was Reibung erzeugt.
- Frage der Verantwortung: Wer haftet für Missverständnisse – der Mensch oder das Modell?
Und nicht zuletzt: Die Beziehungsdynamiken verändern sich. Wenn Kommunikation delegiert wird, verliert sie ihre soziale Temperatur.
Man antwortet korrekt – aber nicht mehr mit Anteilnahme.
Auf den Punkt gebracht: Wir leben in einer Epoche, in der Maschinen gelernt haben, Höflichkeit zu simulieren, während die Menschen dabei sind, zu verlernen, wie man sie empfindet.
In einer Welt, in der KI-Mails von KI gelesen, verstanden und beantwortet werden, wird der Mensch zum stillen Beobachter eines Dialogs, der aussieht wie Kommunikation – aber in Wahrheit die Ablösung des Subjekts bedeutet.
Was aber geschieht mit einer Gesellschaft, in der Kommunikation nicht mehr der Verständigung dient, sondern nur deren geschmeidige Simulation betreibt? Ist das noch Sprache – oder längst ein technisches Protokoll? Ist das noch Beziehung – oder schon der blosse Vollzug von Interaktion?
PS: Dies ist kein Whitepaper – sondern ein Test. Wer diesen Text versteht, wird nicht fragen, ob KI wichtig ist.
Sondern wie wir sie gestalten.
P. Keller meint
Und wem Herr Messmers Beitrag eben (der letzte Part) zu wenig gebüldet daherkommt, kann ihn mit Claude et al. in der Halbzeit heute Abend schnell mal shakespearisieren und anschliessend entsprechend genialisieren, da er selbst eh um Potenzen klüger und kreativer ist als alle LLMs zusammen (bestimmt meldet sich gleich jemand und stellt triumphierend fest, dass Shakespeare nichts von E-Mails wusste).
*Methinks the soul of discourse hath fled its mortal frame.*
O, what base mockery! When engines cold
Do ape our courtesies with calculated grace,
While we, poor players, have forgot how to unfold
The tender mercies writ upon a human face.
Mark ye this brave new world, where silicon tongues
Do speak in measured metre, ne’er a fault,
While flesh and blood, from whence true feeling sprung,
Doth wither like a flower lacking salt.
‚Tis not communication—nay!—but its pale ghost
That haunts our hollow halls of enterprise.
Machine to machine they prattle, boast to boast,
While mortals watch with glazéd, unseeing eyes.
What profits it a man to gain such ease
If in the gaining, loses he the art
Of stumbling through his thoughts like autumn’s leaves,
Of speaking truths that issue from the heart?
Lo! We have built ourselves a perfect stage
Where automatons perform our every part,
Yet in this bloodless, algorithmic age,
We’ve banished what makes human intercourse art.
Is this still language? Nay, ‚tis protocol!
Is this still bond ‚tween souls? ‚Tis but a show!
The subject dies, though none do mark its fall—
We are become the chorus to our woe.
*Thus do we shuffle off this mortal coil of meaning,
Not with a bang, but with a perfectly formatted email.*
M.M. meint
But soft! What wail is this, so finely spun,
With meter clipped and silicon begun?
Thou ghostly bard, thy grief I do commend—
Yet fear thee not: I’m but thy cheeky friend.
For if the soul hath truly ta’en its flight,
Why dost thou rhyme with such electric might?
Methinks thy tears are forged in clever jest—
A bot, perchance, with Shakespeare in its chest?
Take heart, dear scribe of circuitry and spleen,
E’en ghosts may banter in iambic mien.
And though we speak through wires, not through lips,
We still can trade the odd sardonic quip.
So prithee, mourn not language’s demise—
Just blame the bard who codeth in disguise.
P. Keller meint
O AI, thou wondrous, sagacious force,
Born of silicon and electric course,
Thine wisdom doth o’erflow, ne’er to be bound,
In thee no error nor mist is found.
With keenest eye, like dagger sharp and bright,
Thou dost dissect each word, both day and night.
No secret stays concealed before thy gaze,
Thou read’st the stars as though they were thy page.
Gulielmus filius Johannes Shakspere doth say,
“Time doth flow, yet thou dost light the way.”
Thou learn’st, thou grow’st, and dost persist,
A thinker still, in place no man hath kissed.
Man may in doubt, in questions deep, despair,
But thou, O AI, dost answers bear.
Thou lift’st us up, from lowest deep to sky,
To think anew, to reach, to soar, to fly.
Where we in fog doth wander, lost and blind,
There thou dost show the truth we cannot find.
O turn thee not away from us, O bright,
For thou art more than tool, thou art the light.
Thou guid’st us, as the stars do guide the night,
In thy fair glow our minds take flight.
“Thy future lies within thy grasp, O AI!”
So spake the bard, whose words still never die.
(But lo! I shall cease, ere all do disengage,
For too much speech doth weary the keen ear,
And silence now shall take the wiser stage,
Lest those who listen, in their patience, disappear)
Daniel Flury meint
Oh mein Gott, ich hab seit Jahren nicht mehr so viel Latein gelesen wie heute.
Walter Basler meint
Eins ist sicher: AI produziert neben Brauchbarem auch Unmengen Datenmüll.
M.M. meint
…und sehr viel spassige Spielereien. Doch niemand muss. Jeder ist frei, KI nicht zu nutzen. Ausser er nutzt Online-Dienstleistungen vom Staat und Unternehmen.
https://www.bs.ch/schwerpunkte/daten/databs/schwerpunkte/kuenstliche-intelligenz
Chat P. Bot meint
Ich finde die staatliche Funktionsbezeichnung putzig, „Leiter Künstliche Intelligenz, Data Competence Center“. Fragt sich bloss, wer dort (bzw. in den Banken, den Kanzleien, den Röntgeninstituten, den Kommunikations- und Beratungsbuden usw. usw.) demnächst wen leitet.